Inhalt

Inhalt 1

Seid wachsam! 1

„Ja, ich komme bald. Amen“ (Offb 22,20) 2

Was heißt „allein durch den Glauben“ heute?. 14

Gott und die Menschenwürde. 18

Von Melanchthon lernen! 20

Das Augsburgische Bekenntnis – ökumenisch. 27

Ökumenische Bilanz des Ev. Kirchentages 2017. 29

Die weihnachtlichen Begleitfeste. 33

Buchhinweis: Wilm Sanders. 49

Neues Buch von Hansjürgen Knoche. 49

Wie Sie unsere Arbeit unterstützen können. 50

Impressum.. 52

 

 

Seid wachsam!

Im 24. und 25. Kapitel des Matthäusevangeliums (und den entsprechenden Parallelstellen in den anderen Evangelien) will Jesus uns auf die Endzeit mit dem letzten Gericht und seinem glorreichen Wiederkommen vorbereiten. Die bevorstehende Zerstörung des Tempels nimmt er nur als Beispiel, um dann sofort auf die allgemeine Endzeit überzugehen. Wie ein roter Faden zieht sich durch beide Kapitel die Mahnung: Den Tag und die Stunde kennt zwar niemand außer dem göttlichen Vater, aber aus den Zeichen der Zeit „erkennt auch ihr, wenn ihr das alles steht, dass das Ende der Welten nahe ist“ (24,33). Seid also wachsam! Das wird uns in mehreren Gleichnissen eindringlich vor Augen gestellt: im Gleichnis vom Hausherrn (24,43-44),  vom klugen und vom bösen Knecht (24,45-51),  von den klugen und den törichten Jungfrauen (25,1-13), von den anvertrauten Talenten (25,14-30) und vom Gericht des Menschensohnes über die Völker (25,31-46). Wenn wir die Zeichen unserer Tage betrachten, dann wird es wohl höchst angebracht sein, unsere Wachsamkeit zu verstärken, denn der Tag des Endes ist möglicherweise recht nahe. Der brutale Terror nimmt weltweit in rasender Geschwindigkeit zu. Die moralischen Maßstäbe und Glaubenstraditionen werden auch in vielen Kirchen in rasender Geschwindigkeit abgebaut. Besonders das Ehesakrament wird in rasender Geschwindigkeit zerstört. Man kann wirklich zu dem Eindruck kommen: der Satan hat Torschlusspanik, denn auch er weiß, dass  diese Welt und damit seine Wirkungsmöglichkeiten zu Ende gehen. Wir müssen also wachsam sein, und das bedeutet, unsere Entscheidung für Christus und seine eine ungeteilte Kirche immer deutlicher zu machen und unser Christsein in dieser einen Kirche Christi so glaubwürdig wie möglich zu leben, damit die Welt glauben kann. Die Verantwortlichen in allen Kirchen werden ihr Gewissen prüfen müssen, ob sie für die Einheit und damit die Glaubwürdigkeit des Evangeliums in den letzten Jahrzehnten wirklich genug getan und welche Möglichkeiten sie versäumt haben. Wir  haben durch die Entfesselung der Atomkraft zum ersten Mal in der Geschichte die neue Fähigkeit erworben, das Ende der Welt selbst herbeizuführen. Die unter uns leidende Natur beginnt sich mit zunehmenden Katastrophen gegen die menschlichen Verirrungen zu wehren. Für uns Christen aber gilt am Ende: „Dann wird man den Menschensohn in einer Wolke kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn dies beginnt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe“ (Lukas 21,27-28). Das ist ein Adventsereignis! Von Alters her wird die Wiederkunft des Herrn als „Zweiter Advent“ bezeichnet. Dieser Advent ist immer.                                                 H.K.                                                                                       

Vorstand, Geschäftsstelle und Redaktion wünschen Ihnen und Euch eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit

 

 „Ja, ich komme bald. Amen“ (Offb 22,20)

Gedanken zu Offenbarung des Johannes

Hansjürgen Knoche

Ein aktuelles Buch

Das letzte Buch der Bibel war noch nie so aktuell wie heute. Freilich gilt es für viele Christen als ein „Buch mit sieben Siegeln“ (Offb 5, 1). Doch wir können es nicht einfach „links liegen lassen“, weil manches darin schwer verständlich erscheint. Zwei Gründe sprechen dagegen: Die Offenbarung schließt den großen Bogen, der von der Erschaffung der Welt (1. Mose 1 und 2) bis zum Ausblick auf den Himmel und die Ewigkeit (Offb 21) geht. Ohne dieses Buch würde an dem großen Bogen etwas fehlen. Vor allem ist es eine direkte Offenbarung des erhöhten Jesus Christus an die Kirche aller Zeiten bis zum Ende dieser irdischen Welt, dem wir uns ja immer weiter annähern. Mit Recht wurde gesagt, in unserer Zeit wachsender Lebens- und Zukunftsangst könne gerade die Offenbarung Trost und Hoffnung  vermitteln durch den Zuspruch der unmittelbaren Nähe des Herrn (1, 12 ff), die Gewissheit, dass alles Weltgeschehen im Plan und Willen Christi verankert ist (5, 6ff) und den Ausblick auf die Neuschöpfung von Himmel und Erde. Wir dürfen es also als Christen gewissermaßen vom Ende her lesen: Am Ende steht der Jubel und die Freude über den endgültigen Sieg Christi: „Halleluja! Denn der Herr unser Gott, der Allmächtige, hat das Reich eingenommen! Lasst uns freuen und fröhlich sein und ihm die Ehre geben; denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen und seine Braut hat sich bereitet“ (19, 6.7).

In einer Zeit schwerer Verfolgungen lebte die Kirche damals wie heute. Auch die Verbannung des Johannes auf die kleine Insel Patmos hängt  damit zusammen. Die römischen Kaiser ließen die Christen verfolgen, weil sie die von ihnen geforderten göttlichen Ehrungen verweigerten. Johannes war als politisch Verfolgter in der Verbannung. Das erklärt wesentliche Merkmale dieses Buches, auch seinen geheimnisvollen Stil. So ist mit „Babylon“ immer Rom gemeint. Auch die Zahlensymbolik weist mehrfach darauf hin. Das Buch könnte bereits zur Zeit des Kaisers Nero (kurz vor 70 n. Chr.) entstanden sein, die endgültige Bearbeitung möglicherweise unter der Herrschaft des Kaisers Domitian (81 – 96 n. Chr.), der die junge Kirche noch schärfer verfolgte.

Ein „Enthüllungsbuch“

Das Buch spricht im Stil einer „Apokalypse“, wie wir sie im Alten Testament etwa im Buch Daniel finden, das von Johannes oft zitiert wird. Gott nimmt die Zeitsituation zum Anlass, um den Propheten  „Enthüllungen“ (Apokalypsen) über den Sinn der gegenwärtigen Leidenszeit und den darin sichtbar werdenden Plan Gottes für die weitere Geschichte bis zum Ende der Welt erfahren zu lassen. Meist geschieht das durch Visionen in der Form  symbolischer Bilder und Szenen.  Biblische Apokalypsen sind beispielsweise Daniel 7-12, Jesaja 24-27, Sacharja 9-14, im Neuen Testament Markus 13 (eigene Worte Jesu!) und 2Thess 2. In diese literarische Gattung  gehört auch die Offenbarung des Johannes. Sie will ein prophetisches Zeichen der Ermutigung für das verfolgte Gottesvolk sein, indem sie in einer aktuellen Situation einen Ausblick auf den gesamten Weltlauf, den endzeitlichen Sieg Christi über die widerchristlichen Mächte der Welt und schließlich auf den neuen Himmel und die neue Erde in der Ewigkeit hin eröffnet. Die Symbolik  soll  den Verfasser und die Gemeinden, an die er seine Botschaft richtet, vor der Verfolgung durch die Staatsmacht schützen; es handelt sich also um „illegale Untergrundliteratur“. Der tiefere Sinn liegt aber darin, dass  eine Zukunftsschau bis ans Ende der Welt und darüber hinaus bis in die Ewigkeit offenbart wird, die naturgemäß nur in symbolischen Bildern geschehen kann, weil der künftige Lauf der Weltgeschichte im Einzelnen immer das Geheimnis Gottes als des souveränen Herrn der Geschichte bleiben muss.

Daraus wird auch deutlich, warum Johannes mit seinen Symbolen und Bildern weitgehend an die alttestamentlichen Vorbilder, vor allem an Daniel anknüpft: Der erhöhte Herr sendet seine eschatologische Offenbarung in Bildern und Gleichnissen, die den Juden ebenso wie den Judenchristen aus alter Überlieferung bereits geläufig waren. Er betont damit zugleich noch einmal den untrennbaren Zusammenhang zwischen den alten und dem neuen Volk Gottes und ihrer gemeinsamen Heils- und Unheilsgeschichte. In den letzten beiden Kapiteln gewährt die Offenbarung einen Ausblick auf die Ewigkeit, den neuen Himmel und die neue Erde.

Die Auslegung

Verständnisgrundlage ist die Verfolgung der christlichen Gemeinde unter den römischen Kaisern. Diese hat aber exemplarische Bedeutung für die ganze Christenheit. Es handelt sich freilich nicht um eine „fahrplanmäßige“ Voraussage der gesamten späteren Kirchen und Weltgeschichte, sondern um das prinzipielle Zeugnis der Herrschaft Christi über die gesamte Geschichte bis zu ihrem Ende. Man braucht nicht  darüber zu spekulieren, wann genau das eintreten wird. Uns werden  die verschiedenen Aspekte des Kampfes zwischen Christus und den widerchristlichen Mächten und das Schicksal der Kirche in diesem eschatologischen Kampf angezeigt. Dieses Buch schildert die Wirklichkeit der „Endzeit“ im Ganzen. Diese Endzeit hat bereits mit dem Kommen, Wirken und Sühnetod Jesu begonnen, und wir befinden uns mitten in ihr. Diese Auslegung wird von Johannes selbst an der endzeitlichen Gestalt des „Antichrist“ bestätigt. Er sagt dazu: „Meine Kinder, es ist (nicht etwa: es kommt irgendwann!) die letzte Stunde. Ihr habt gehört, dass der Antichrist kommt, und jetzt sind viele Antichriste gekommen. Daran erkennen wir, dass es die letzte Stunde ist... Das ist der Antichrist: wer den Vater und den Sohn leugnet“ (2 Joh 2, 18.22). Der  Antichrist ist also Symbolfigur für alles Antichristliche, das sich in der bereits begonnenen Endzeit bis zum Wiederkommen Christi ereignet.

Die sieben Posaunen und die sieben Zornschalen zeigen allerdings Ereignisse, die sich zum Ende hin in immer schärferer Konfrontation zwischen Christus und den widerchristlichen  Mächten. Eine einleuchtende Auslegung sieht beispielsweise in den sieben Siegeln (Kap. 6 und 8)  1.den Siegeszug des Evangeliums, 2, die Gegenaktionen Satans (Weltrevolution,  Atheismus, Materialismus), 3. Verteilungskämpfe, Hunger und Ungerechtigkeit in der Welt, 4. Massenmord und Massensterben (der Mensch als Bestie), 5. das Aufstehen der himmlischen Kirche zum Endkampf, 6. die globale Vernichtung aller nicht christlichen Werte und Ordnungen und 7. die Eröffnung des Reiches (Mobilisierung aller Kräfte) des Antichrist zur globalen Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse. Die sieben Posaunen (Kap. 8 – 10) und die letzten sieben Zornschalen zeigen ebenfalls solche endzeitlichen Aspekte der Welt und der pilgernden und verfolgten Kirche. Das Meer ist Symbol für die unruhige heidnische Völkerwelt. Vor dem Thron Gottes ist es gläsern (Kap.4), d. h. Gott durchschaut die Völkerwelt bis auf den Grund. Das Tier aus dem Meer (Kap. 13) ist die aus der Völkerwelt aufsteigende Bosheit. Berge sind meist Sinnbilder für weltliche Mächte, Hörner sind wechselnde politische Machthaber. Die einzelnen Symbole werden in jeder guten Bibelausgabe (auch in der Einheitsübersetzung) erklärt.

Mahnung zum Realismus

Die Offenbarung schildert die Welt und den eschatologischen Kampf, der in ihr tobt, mit einem starken, ja erschreckenden Realismus. Sie macht uns keine Illusionen über eine grundsätzliche Besserung dieser irdischen Welt, über ein Ende alles Elendes, aller Kriege und aller Gewalt, sondern sie sagt im Gegenteil voraus: Dies alles wird im Prinzip so bleiben und sich noch verstärken, bis Christus wiederkommt und das Weltgericht heraufführt. Die Offenbarung sagt aber auch, dass inmitten dieses Elendes und Chaos, hier und heute Christus in seiner Kirche anwesend ist und sie durch alle Verfolgungen und Leiden zum Sieg führen wird. Dies ist nach dem Verständnis der katholischen Kirche und der lutherischen Bekenntnisschriften der Sinn des Bildes vom „tausendjährigen Reich“ das der gefesselte Satan nicht überwinden kann (Kap.20). Es geht also nicht, wie einzelne theologische Richtungen behaupten, um ein utopisches irdisches Friedensreich, in dem es keine Kriege, keine Gewalt und kein Elend mehr gäbe. Die Offenbarung mahnt uns zum Realismus dieser irdischen Welt gegenüber! Nur wenn wir sie so verstehen, lesen wir sie nicht als ein Buch der Illusionen, sondern als ein wirkliches, realistisches Trost- und Siegesbuch der Kirche und aller Christen. Unsere Gebete und unser Einsatz für den Frieden und eine bessere Welt sind  nicht vergebens! Es gibt ja neben allem Bösen immer auch das wachsende Gute in der Welt, und das wird nicht verloren sein, sondern Teil der neuen Schöpfung werden. Wir beten und arbeiten als Mitarbeiter Gottes für diese Ewigkeit.

Die Gesamtkonzeption

Über die Gesamtkonzeption der Offenbarung sollte man  etwas wissen, damit man eine klare Gliederung vor Augen hat. Das Ganze ist nach zwei fundamentalen Zahlenverhältnissen gegliedert: der Drei als dem Symbol der göttlichen Trinität und der Sieben als dem Symbol der Vollkommenheit und Fülle, der Erfüllung des gesamten göttlichen Weltplanes über alle Zeiten hinweg bis zum endgültigen Sieg Christi. Wir finden die Siebenzahl bereits bei den Sendschreiben an die sieben Gemeinden (Kap. 2 und 3), die andeutet, dass hier Stärken und Schwächen gelobt oder getadelt werden, welche die Kirche aller Zeiten betreffen. Der Hauptteil  (Kap. 4 – 22) ist in sieben Zyklen eingeteilt, von denen jeder in sich wieder sieben Glieder hat: (1) Die Schriftrolle und ihre sieben Siegel (Kap. 4 – 7), (2) die sieben Engel mit den sieben Posaunen (Kap. 8 – 11), (3) die sieben symbolischen Geschichten vom Volk Gottes, dem Satan, dem Drachen, der „Frau“ (die Kirche!), dem Tier aus dem Meer, dem Tier aus der Erde, den falschen Propheten (Kap 12 – 14). Am Ende dieses Zyklus die Botschaften der drei Engel (14, 6 – 11). Im vierten Zyklus die sieben Schalen des göttlichen Zorns aus dem Tempel (Kap. 15 f), im fünften das Gericht über „Babylon“ und die Hochzeit des Lammes (Kap. 17 – 19), im sechsten die letzte große Schlacht zwischen den göttlichen und satanischen Mächten (Kap. 19) und im siebenten die Herrschaft der Heiligen zusammen mit Christus und das Endgericht (Kap. 20 – 21,8). Das Ganze schließt mit der Vision des neuen Himmels und der neuen Erde (das neue Jerusalem, Kap. 21.9 – 22.5). Und es geht noch weiter:  In diesem Buch steht  7 x „Christus“, 2 x 7 = 14 x „Jesus“ und 4 x 7 = 28 x „Lamm“:  Christus ist alles in allem. Die einzelnen nach der Zahl Sieben gegliederten Visionen sind wieder miteinander verzahnt: Das siebente Siegel eröffnet die Reihe der sieben Posaunen (Kap. 8 – 11), sieben Engel (Kap. 15) eröffnen die letzten sieben Zornschalen Gottes (ab Kapitel 16).

Auch einige Hinweise zu der weiteren Zahlensymbolik seien noch gegeben. Sie findet sich bereits im ganzen Alten Testament und in der jüdischen Tradition. Nur die wichtigsten Symbolzahlen seien hier genannt. Die Eins bezeichnet die Einheit und Einmaligkeit Gottes (5. Mose 6, 4), entsprechend die Einheit Christi mit seinem göttlichen Vater (Joh 10, 30) und die personale Einheit von Mann und Frau („ein Fleisch“). Die Zwei symbolisiert z.B. Ehepaare, Männchen und Weibchen bei den Tieren, die Zusammenarbeit von Menschen zu bestimmten Aufgaben, z.B. die je zwei Kundschafter in Josua 2, 1 oder die paarweise Aussendung der Jünger in Mk 6, 7; Lk 10, 3. Die Drei ist natürlich in erster Linie Symbol für die göttliche Trinität (Mt 28, 19; Joh 14, 26). Die Frist von drei Tagen und Nächten spielt bei heilsgeschichtlich bedeutsamen Ereignissen eine besondere Rolle (z.B. 2. Mose 9, 11; Lk 13, 32; die Geschichte von Jona und die Bezugnahme auf sie bei Jesus, Jona 2, 1; Mt 12,40; 1. Kor 15, 14). Die Vier ist das Symbol für absolute Vollkommenheit. Der üblicherweise nie ausgesprochene, sondern nur geschriebene Name Gottes im Alten Testament wird mit vier Buchstaben geschrieben (das „Tetragramm“ JHWH).  In der Apokalyptik taucht sie  z.B. bei der Vision von den vier Lebewesen (Hes 1; vgl. Offb 4, 6), bei der Vision Daniels von den vier Weltreichen (Dan 2, 7) oder bei den vier Engeln der Zerstörung (Offb 9, 14) auf. Die Sieben hat besondere Bedeutung als Symbol für Vollendung, Vollkommenheit und Ganzheit. Die sieben Gemeinden, die Sendschreiben empfangen, vertreten die Gesamtkirche. Ein wichtiges Beispiel ist die offenbar auf Zahlensymbolik hin gestaltete Abstammungsreihe Jesu in Matthäus 1: Da im Hebräischen die Buchstaben zugleich als Zahlen dienen, kann man einen Namen durch die Quersumme seiner Buchstabenzahlen ausdrücken. Der Name David ergibt die Zahl 14. Die dreimalige Wiederholung dieser Zahl bei den dreimal 14 Generationen bestätigt in feierlicher Form, dass Jesus der endzeitliche und endgültige Nachfolger Davids ist und ihm die Herrschaft im Reich Gottes übertragen wird.

Einen negativen Symbolwert hat die Sechs bei der Zahl des „Tieres“ (13, 18): 666. Gemeint ist wahrscheinlich die Quersumme von „Kaiser Nero“ in hebräischer Schreibweise. Sie ist aber vielschichtig. Gegenüber der das ganze Buch durchziehenden Vollkommenheitszahl 7 zeigt sie die Unvollkommenheit („defekte 7“), vor allem im moralischen Sinne. 666 ist dann die dreifach angehäufte Bosheit. Sie wird auch in den heutigen Satanskulten verwendet! Darüber hinaus ist sie auch die „zerbrochene 12“, also das „Gegenvolk“ zum Volk Gottes, ausgedrückt mit der Zahl 12, (die zwölf Stämme Israels, das neue Israel), das „Nichtvolk“. Schließlich ist 6 x 6 = 36 noch die Summe der Zahlen von 1 – 8, und die 666 ist wiederum die Summe der Zahlen von 1 – 36. 8, 36 und 666 haben in der jüdischen Zahlensymbolik dann den gleichen Sinn: Sie sind das Symbol des „achten Königs“ oder Tieres aus dem Abgrund (17, 11). Man sieht, wie hintergründig hier mit dem Namen des Kaisers Nero operiert wird! Über seine Bedeutung als zeitgeschichtliche Gestalt hinaus gilt er eben als Symbol der widergöttlichen staatlichen Mächte bis zum Ende der Welt.

In diesem Zusammenhang gehören auch die oft zu findenden symbolischen „runden Zahlen“. Die 144.000 (Kap 7) symbolisieren die Gesamtheit aller Menschen die letztlich gerettet werden (12 x 12 x 1.000). Solche großen Zahlen drücken in der Bibel meist einfach eine unzählbar große Schar von Menschen oder sonstigen Wesen aus. Die Zahl 40 steht gewöhnlich für eine Generation, die Zahlen 100, 1.000, 10.000 oder 40.000 für große Menschenmengen, z.B. starke Heere. Die „viel tausend mal tausend“ Reiter (9, 16) bedeuten im Urtext „20.000 Myriaden, also 200.000.000, womit einfach eine unermessliche Größe gemeint ist (Ich folge bei dieser Zahlensymbolik Joachim Cochlovius: Siehe ich mache alles neu. Das Buch der  Offenbarung Jesu Christi, 2011).

Was die Offenbarung uns sagen will

Christus ist der Herr der Geschichte

Die Offenbarung ergänzt die übrigen neutestamentlichen Schriften um wesentliche Aspekte. Hier spricht der erhöhte, in den Himmel aufgefahrene Herr Jesus Christus zu uns. Er wird nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt mit einem großen Lobgesang vor dem Thron Gottes begrüßt (5, 6 ff). Er ist das „Lamm“, das würdig ist, das versiegelte Buch zu öffnen, das heißt die Geheimnisse der Welt- und Heilsgeschichte zu enthüllen und damit das Jüngste Gericht einzuleiten. Er ist der Mächtige, der seine Gemeinde unfehlbar durch alle Anfechtungen und Gefahren hindurch führt (1, 12 ff), der Bräutigam, der seine Braut, die Kirche, heim holt (19,6 ff). Er wird wiederkommen zum Gericht und die gottlosen Mächte besiegen (19,1 ff), über die von der Gewalt des Satans befreite Welt regieren (2O,1 ff) und in der Ewigkeit in Gemeinschaft mit allen Erlösten leben (19,11-22,5). Das christologische Leitthema der Offenbarung ist also die Erwartung der Wiederkunft des Herrn. Er selbst bezeugt hier, dass er der Herrscher über das All und über die Geschichte ist und in Herrlichkeit wiederkommen wird, um die Lebenden und die Toten zu richten. Dieser Artikel unseres Glaubensbekenntnisses wird also durch die Worte des erhöhten Herrn selbst in der Offenbarung beglaubigt.

Christus ist immer bei uns

In der Offenbarung erscheint der himmlische Christus immer inmitten seiner Kirche. Die Offenbarung beglaubigt damit die Verheißung Jesu: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28, 2O). Es lässt sich beobachten, dass jede der sieben oben genannten Visionen-Reihen eine bestimmte Beziehung zur Kirche hat. Die erste ist eine geistliche Ermahnung für sie, die zweite weist auf die Zeichen der Endzeit hin, in der dritten empfängt sie die Zusage der „Versiegelung“ und Bewahrung vor dem Chaos der Welt, die vierte prophezeit ihr Verfolgungen bis zum Ende der Welt, die fünfte verheißt ihr geistliche Stärkung in diesen Drangsalen durch das Lamm, die sechste offenbart das Gericht über die abgefallene Menschheit und die siebente schaut auf die Vollendung der Kirche im Himmel voraus.

Christus ist unser Trost

Christus will uns durch die Worte der Offenbarung Ermahnung, Trost, Hoffnung und Erkenntnis vermitteln. Das heute verbreitete Schweigen über die Ewigkeit muss überwunden werden. Die Kirche muss immer wieder in der lebendigen Hoffnung verankert werden. Auch für unser Glaubenszeugnis in der Welt ist das wichtig. Der Mensch lebt wesensmäßig von der Hoffnung. Wenn die christliche Hoffnung ihn nicht mehr erreicht, dann sucht er sich vergängliche innerweltliche Ersatz-Hoffnungen.

Die Offenbarung zeigt uns den Heiligen Geist

Die siebenmalige Aufforderung in den Schreiben an die Gemeinden „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!“ zeigt den Heiligen Geist als den eigentlichen Boten dieser Offenbarung. Deshalb hilft uns dieses Buch zum rechten Beten im Heiligen Geist. Zutreffend wird gesagt, der Geist spreche zu dem, der „Ohren“ hat, der betend Christus sucht. „Das eigentliche Auslegungsproblem der Offenbarung ist nicht ihre Vieldeutigkeit, sondern die Vernachlässigung der pneumatologischen Perspektive“ (Cochlovius).

Wir sollen in der Erwartung der Ewigkeit leben

Schließlich eröffnet uns die Offenbarung eine Sicht auf die Endzeit und die Ewigkeit. Mit Recht hat man darauf hingewiesen, dass deshalb die Offenbarung ein wichtiges Zeugnis gegen die heutige „Ent-eschatologisierung der Theologie“ sei. Dagegen müsse man „jede Glaubensaussage so formulieren, dass die Ewigkeit über uns und die Ewigkeit vor uns nicht vergessen werden. Wenn man vom gegenwärtigen Glauben so spricht, dass man die Zukunft darüber vergisst, kann man keine christliche Endhoffnung begründen“ (O. Michel).

Die endzeitlichen Symbole werden entschlüsselt

Die theologischen Bemühungen um Deutung und Entschlüsselung der apokalyptischen Symbole haben in der Vergangenheit zu manchem exegetischem Schauturnen mit teilweise skurrilen Ergebnissen geführt, bis uns 1962 durch den weltberühmten Physiker und katholischen Theologen Bernhard Philberth (1927-2010) mit dem sensationellen Buch „Christliche Prophetie und Nuklearenergie“ eine ganz neue Sichtweise erschlossen worden ist. (Ich zitiere hier nach der von ihm bearbeiteten Taschenbuchausgabe, 14. Auflage 1982). Er sieht den Schlüssel für das Verständnis der endzeitlichen Ereignisse in den Folgen der entfesselten Atomenergie seit etwa 1960, die „Physik und Technologie überraschend und unerwartet mit den Parusiereden Christi und der Apokalypse zusammenführen“.

Auch die Natur scheint sich nun gegen den menschlichen Wahnsinn aufzulehnen. Die polaren Gletscher schmelzen ab. Die Meeresspiegel steigen. Ganze Länder drohen im Meer zu versinken. Extremste Wetterlagen nehmen weltweit zu. Große Teile Afrikas sterben in der Trockenheit. Neue Flüchtlingsströme werden dadurch freigesetzt. Rom steht (Sommer 2017) wegen Wassermangel fast am Rande seiner Existenz. Dagegen toben  anderswo und nicht nur in Europa  extreme Starkregen und Hochwasser. Dazu schrieb schon Philberth:  „(Es) könnte bereits ein Mikrogramm (ein kaum sichtbares Stäubchen) radioaktiv zerfallender Spaltsisotope die Ausregnung von einigen Billionen Tonnen Wasser (Jahresmenge des Amazonas) verursachen. Also schon bei verschwindend kleinem Wirkungsgrad bedeutet dieser Effekt eine überaus starke Reizung… Die furchtbaren Meeresstürme und Überschwemmungen einerseits, die Dürre- und Hitzewellen anderenorts, die die Erde in den vergangenen Jahren während und nach den nuklearen Experimentaldetonationen getroffen haben, fielen bemerkbar aus dem Rahmen der geschichtlichen Wetterbeobachtung heraus“. Das schrieb er vor einem halben Jahrhundert! Was wir inzwischen alles mit der Atmosphäre angerichtet haben (Tschernobyl, Fukushima etc.) , ist kaum noch zu überbieten. Wir nähern uns der Endzeit  immer schneller: „Das sehr hohe Beschleunigungsmaß wird sichtbar in einer konsequenten Verkürzung der Dauer der aufeinanderfolgenden Entwicklungsepochen: Vor einigen Milliarden Jahren gab es auf der Erde noch kein organisches Leben. Die Entwicklung der niedersten Organismen geschah in einigen letzten Milliarden Jahren; die der Wirbeltiere in einigen letzten Hundertmillionen Jahren; die der Säugetiere in einigen letzten Zehnmillionen Jahren; die der hochstehenden Affen in einigen letzten Millionen Jahren. Die Entwicklung der Urmenschen mit dem Gebrauch des Feuers geschah in den letzten Hunderttausenden von Jahren; die der Steinzeit mit den einfachsten Werkzeugen in den letzten Zehntausenden von Jahren; die der Metallkunde und der Baukunst in den letzten Jahrtausenden. Die Entwicklung der einfachen Maschinen und Feuerwaffen geschah in den letzten Jahrhunderten; die der Kraftmaschinen, der Elektrotechnik, der Flugtechnik, der militärischen Aktionstechnik in den letzten Jahrzehnten. Die Entwicklung der Nuklear- und Raketentechnik zusammen mit der Regler- und Steuertechnik, der Sinnestechnik und Kybernetik vollzieht sich innerhalb nur weniger Jahre“.

Philberth kommt auch zu ganz konkret-realistischen Deutungen bestimmter von Johannes beschriebener Visionen; ich muss mich hier auf wenige Beispiele beschränken. So heißt es in  Offb. 9,7-12  (nach der neuen Einheitsübersetzung 2017): „Und die Heuschrecken sehen aus (es wird immer in den Gegenwartsform berichtet!) wie Rosse, die zur Schlacht gerüstet sind; auf ihren Köpfen tragen sie etwas, das goldschimmernden Kränzen gleicht, und ihre Gesichter sind wie Gesichter von Menschen, ihr Haar ist wie Frauenhaar, ihr Gebiss wie ein Löwengebiss, ihre Brust wie ein eiserner Panzer; und das Rauschen ihrer Flügel ist wie das Dröhnen von Wagen, von vielen Pferden, die sich in die Schlacht stürzen. Sie haben Schwänze und Stacheln wie Skorpione und in ihren Schwänzen ist die Kraft, mit der sie den Menschen schaden…“. Dazu schreibt er: „Mit ihrer Flügel- und Rumpfform, mit der Steifheit und dem metallischen Glanz ihres Chitins, mit der Art der Körperhaltung und der Flugbewegung hat die Heuschrecke  mehr Ähnlichkeit mit dem Flugzeug als jedes andere flugfähige Tier. Er (Johannes) sieht die metallische Verschalung der Flugzeuge – und vergleicht sie mit der Rüstung von Kampfrossen.… Er sieht die Kanzel mit ihrer durchbrochenen Metallkonstruktion – und vergleicht sie mit goldähnlichen Kronen. Er sieht den Piloten durch die Kanzel schauen und erkennt das Gesicht des Menschen; der Gedanke, dass hier der homo sapiens selbst in seiner flugzeuggemäßen Pilotengarnitur schaltet und waltet,  scheint ihm gar nicht gekommen zu sein – und wäre wohl auch zu grotesk aus der antiken Sicht. Er sieht die Kondensstreifen als ein Gewirr feinster Nebelfäden längs der Ionisationsbahnen der sich elektrisch aufladenden Abgasteilchen – und vergleicht sie mit dem Frauenhaar. Er sieht die Verstrebungen und Verzahnungen durch die Kanzel – und vergleicht sie mit Löwenzähnen. Er erkennt die Leichtmetall-Legierungen der Flugzeugaußenhaut in ihrer eisenähnlich metallischen Beschaffenheit;  wobei er merkt,  dass sie sich vom Eisen doch unterscheiden. Er hört den gewaltigen Lärm der Triebwerke, die er als Flügelschlag bezeichnet – und vergleicht sie mit dem Lärm vieler in den Kampf stürmender Streitwagen (die durch Rätschen an den Speichen großen Lärm zu verursachen bemüht waren!). Er sieht die Läufe der Bordwaffen als Schwänze und Stacheln und empfindet, dass eben aus diesen das (der Schuss) ausgestoßen wird – wie mit dem Schwanz des Scorpions-, das die Menschen schädigt und peinigt“. Johannes sieht die Pforten der Unterwelt sich öffnen (die unterirdischen Abschussbunker der Interkontinentalraketen), Sterne vom Himmel fallen (Raketen und Satelliten) und alles sonstige moderne Kriegsgerät, z. B. Panzer, was er natürlich alles nur mit den ihm geläufigen Bildern und Begriffen beschreiben kann. Im Unterschied zu Philberth, der vor einem halben Jahrhundert noch an der Hoffnung festhalten konnte, wie alle prophetische Drohungen könne auch diese durch Umkehr und Besserung abgewendet werden, bin ich der Überzeugung: Hier handelt sich eben nicht um eine „Prophetie“, sondern um eine „Enthüllung“ (Apokalypse), und das ist etwas anderes. Die Entwicklung ist unumkehrbar, das Ende kann jederzeit kommen „wie der Dieb in der Nacht“(1. Thess. 5,2; Off.3,3). Verhalten wir uns also wie die klugen Jungfrauen (Mt. 2, 1-25), die wissen, dass der Herr kommt, und sich vorbreiten,  ihm freudig entgegenzugehen, auch wenn wir Tag und Stunde noch nicht wissen.

[„Wir befinden uns am Ende eines unfassbaren Jahrhunderts, dessen technische Errungenschaften, dessen Kriege und Katastrophen uns nicht nur die Augen geöffnet, uns gezwungen haben zu sehen – nein, dieses Jahrhundert hat uns förmlich die Augenlider abgeschnitten, erbarmungslos, so dass wir ungeschützt die Fähigkeit des Menschen zur Bosheit und Grausamkeit erkennen müssen; die faustische, ja unheimliche Freiheit, die modernes Denken und moderne Technik uns und unserer Natur in die Hand gegeben haben. Wer heute nach Vernichtungslagern, politischer Tyrannei der Massen, nach Atombombe, Umwelt- und Hungerkatastrophen immer noch die Augen vor der menschlichen Bosheit verschließen will, kann das nur mithilfe von Sedativa … Die Welt ist untergegangen. Wir sind die Augenzeugen dieses langsamen Schiffbruchs, immer noch, jeden Tag, bei den täglichen Katastrophen. Man braucht nur den Fernseher anzumachen, schon bekommt man seine Abenddosis Götterdämmerung. Die Schöpfung hat bekanntlich ihre Zeit gedauert – also ist wahrscheinlich auch der jüngste Tag nicht im Handumdrehen vollbracht. Ist möglicherweise der mythische Untergang der Titanic, diese vollendete, abgeschlossene, sorgsam in Szene gesetzte Katastrophe, nichts anderes als eine Art Betäubungsmittel, etwas Gemütlicheres, Angenehmeres als die tatsächlichen Katastrophen unserer Zeit, die brennenden Dschungel, die Massaker in Afrika, die verhungernden Kinder?… ein definiertes, fassbares Bild für den Verlust einer ganzheitlicheren, unschuldigeren Epoche und Kultur, den Verlust des letzten Jahrhunderts, einer Welt voll Optimismus, guter Manieren, Bildung, den Glauben an die Zukunft, den menschlichen Geist, die Wunder der Technik, den Fortschritt einer besseren Gesellschaft? Historisch gesehen war er [der Untergang derTitanic] ein Vorzeichen, ein Menetekel im Welttheater“. Eric Fosnes Hansen (Autor des Romans „Choral am Ende der Reise“, dt. 1995, der Geschichte der bis zum Untergang spielenden Schiffskapelle der „Titanic“) in: Der magische Schiffbruch, Spiegel 13/1998].

 

 

 

Was heißt „allein durch den Glauben“ heute?

Hansjürgen Knoche

Eine aktuelle Deutung

Im Januar hatte im sonntäglichen Fernsehgottesdienst der hannoversche Landesbischof Meister eine Predigtreihe zum Lutherjahr unter dem Titel „Typisch evangelisch“ eröffnet und begann  mit dem Thema „Allein durch den Glauben“ (Sola finde). Er bezog sich dabei auf den Leistungswahn und die Allmachts-Fantasien in unserer heutigen Welt. Es fehle an Betern, die diese Fantasien  durchbrechen. Das habe Luther mit „allein durch den Glauben“ gemeint. Es habe zu seiner Zeit eine entsprechende Herrschaft und Machtausübung der Kirche gegeben. Die Menschen hätten einen harten Kampf geführt, um ihr Heil durch Leistung zu erwerben. Dagegen meine das Sola fide: Zuerst ist immer Gott. Ohne ihn erreichen wir nichts. Das habe Luther  gemeint, und wir müssten dies der heutigen Welt so entgegenhalten, wie es Luther der katholischen Kirche seiner Zeit entgegengehalten habe.

Was Luther  meinte

 Die  Predigt richtete sich überzeugend und eindrucksvoll gegen den atheistischen Machtwahn in unserer heutigen Gesellschaft Der Atheismus war aber kein Thema seiner Zeit, die Allgegenwart und Allwirksamkeit Gottes damals wie heute kein innerkirchlicher Streitpunkt. Macht und Gewalt in Staat und Gesellschaft wurden von Luther kaum kritisiert. Er rief zu Gewalt und  Krieg im Auftrag Gottes gegen die Juden und die unterdrückten Bauern auf. Die politischen Machthaber forderte er auf, statt der Bischöfe das Kirchenregiment zu übernehmen. Mit „sola fide“ meinte er doch, „gute Werke“ seien nicht notwendig, sondern eher schädlich für unsere Rechtfertigung vor Gott. Den Jakobusbrief, der lehrt, lebendiger Glaube müsse sich im guten Tun zeigen, der Glaube ohne solche „Werke“ sei tot, verwarf er als „stroherne Epistel“ und hätte ihn am liebsten aus dem Kanon entfernt. Der reine, vertrauende Glaube minus alle „Werke“ allein entscheide über die (so wohl nicht von ihm selbst formulierte) Frage „wie bekomme (‚kriege‘) ich einen gnädigen Gott“, und diesen Glauben wirke allein Gott ohne unsere Mitwirkung, „in uns ohne uns“ nach seiner Vorherbestimmung (Prädestination). In dieser Predigt war aber dieser eigentliche Sinn des „sola fide“ und damit seine ökumenische Brisanz kaum noch zu erkennen. Seine eigentliche Bedeutung gerade im Jubiläumsjahr der Reformation und etwas „typisch Evangelisches“ an ihm wird so  nicht mehr deutlich.  

Luther hat übrigens sola fide nicht „entdeckt“, sondern allenfalls für sich selbst wiederentdeckt. Schon Thomas von Aquin (1225-1274) lehrte: Wir halten dafür, dass der Mensch durch Glauben ohne Werke des Gesetzes gerechtfertigt wird“ (zit. n. Heinz Schütte, Glaube im ökumenischen Verständnis, 1993, 95), und die Kirche hat (im Unterschied zu schlechter Theologie) nie etwas anderes gelehrt. Luther hat in seiner Ausbildung wenig über Thomas erfahren und ihm seine Anlehnung an Aristoteles, den „blinden heidnischen Meister“ vorgeworfen; dass der größte aller Kirchenlehrer das Werk des größten aller Philosophen für den Glauben der Kirche fruchtbar gemacht hat, verstand Luther nicht. 

Worum ging und geht es also bei „sola fide“ wirklich?

Worüber wir heute einig sind

Hierzu sei zunächst auf die Einigung in der Gemeinsamen Erklärung und Feststellung über die Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre hingewiesen. „Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht auf Grund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen und empfangen des Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken" (Uns eint mehr, als uns trennt. Ein ökumenisches Glaubensbuch. Im Auftrag des Kontaktgesprächskreises der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, 2017, 4.3).

 „Unser Gespräch hat ergeben, dass in früher kontroversen Lehrpunkten ein erhebliches Maß an Übereinstimmung erreicht ist. Das gilt insbesondere für die Lehre von der Rechtfertigung des Sünders. Von ihr meinen wir feststellen zu dürfen, dass sie keine kirchentrennende Bedeutung mehr hat, so gewiss eine verschiedene Akzentuierung weiterhin vorhanden ist“ (J. J. Degenhardt/H. ten  Humberg/H. Thimme (Hg.), Kirchen auf gemeinsamem Wege, 1977,79, zit. n.  Heinz Schütte (Hg.) Einig In der Lehre von der Rechtfertigung, Paderborn 1990,68).  H. Schütte, 15 Thesen zu einem gemeinsamen Verständnis, a. a. O. 68 ff.

In der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre und der Gemeinsamen offiziellen Feststellung des Lutherischen Weltbundes und der katholischen Kirche von 1999 zur Rechtfertigungslehre (Texte aus der VELKD 87/1999) „wird klargestellt, dass die früheren gegenseitigen Lehrverurteilungen die Lehre der Dialogpartner, wie sie in der gemeinsamen Erklärung dargelegt wird, nicht treffen“. Im erläuternden Anhang dazu wird zusammenfassend gesagt: Rechtfertigung geschieht allein aus Gnade, allein durch Glauben, der Mensch wird unabhängig von Werken gerechtfertigt. Die Gnade ist es, die den Glauben schafft, nicht nur, wenn der Glaube neu im Menschen anfängt, sondern solange der Glaube währt  (Zitat aus Thomas von Aquin). Aber: Gottes Gnadenwirken schließt das Handeln des Menschen nicht aus! Gott wirkt alles, das Wollen und das Vollbringen Daher sind wir aufgerufen, uns zu bemühen. Sobald der Heilige Geist durch Wort und Sakrament sein Werk der Wiedergeburt und Erneuerung angefangen hat, ist es gewiss, dass wir durch die Kraft des Heiligen Geistes mitwirken können und sollen.

Der Präsident des päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen hat offiziell bestätigt, dass  auf der Grundlage dieses Konsenses  die in  der Erklärung vorgelegte Lehre der lutherischen Kirche nicht von den Verurteilungen des Trienter Konzils getroffen wird und die Verwerfungen der katholischen  Lehre in den  lutherischen Bekenntnisschriften nicht die in der Erklärung vorgelegte Lehre der römisch-katholischen Kirche treffen.

Im amtlichen erläuternden Anhang (Annex) zur Gemeinsamen Offiziellen Feststellung über die Rechtfertigungslehre (C) wird von evangelisch-lutherischer wie römisch-katholischer Seite einträchtig Thomas von Aquin und die Konkordienformel aufgerufen, um gemeinsam zu bezeugen: „...Gottes Gnadenwirken schließt das Handeln des Menschen nicht aus: Gott wirkt alles, das Wollen und Vollbringen, daher sind wir aufgerufen uns zu mühen (vgl. Phil. 2, 12 f.)... (wenn) der Heilige Geist, wie gesagt, durchs Wort und heiliges Sakrament solches  Werk der Wiedergeburt und Erneuerung in uns angefangen hat, so ist es gewiss, dass wir durch die Kraft des Heiligen Geistes mitwirken können und sollen (...)”.

Bleibende Gegensätze

Hinzuweisen ist aber leider auch auf verbleibende  offene Fragen über die Frucht der Rechtfertigung und das neue Leben aus Gnade. Hieraus ergeben sich Divergenzen über die Ethik der Ehe und Familie, der menschlichen Sexualität und neuere Fragen der Bioethik, aber auch grundlegende Fragen der sozialen Ethik und der Definition von Menschenwürde. (Vgl. dazu den Aufsatz „Mühsame Ernte“ Bausteine 185, 2010 mit den entsprechenden Hinweisen auf W. Kasper, Die Früchte ernten. Grundlagen christlichen Glaubens im ökumenischen Dialog, 2011, 42-577).

Kirchliche Lehre

Die Kernpunkte der katholischen Lehre lassen sich (nach Ludwig Ott, Grundriss der katholischen Dogmatik, 11. Aufl., Bonn 2005 wie folgt zusammenfassen: Zu jedem Heilsakt ist die innere übernatürliche Gnade Gottes absolut notwendig, auch zum Anfang des Glaubens und des Heiles. Auch der Gerechtfertigte bedarf zur Verrichtung von Heilstaten der aktuellen Gnade. Durch natürliche Werke allein kann die Gnade nicht verdient werden, sondern die Rechtfertigung geht  von der zuvorkommenden Gnade Gottes aus und ist ein Geschenk der freien Liebe Gottes. Der menschliche Wille bleibt  aber unter dem Einfluss der wirksamen Gnade frei, weshalb die Gnade nicht unwiderstehlich ist. Es gibt also eine Gnade, die wahrhaft hinreichend ist und doch unwirksam bleibt. Ursachen der Rechtfertigung sind die Barmherzigkeit Gottes, die Verdienste Jesu Christi als des einzigen Mittlers der Gnade, die erstmalige Rechtfertigung durch das Sakrament der Taufe und die Gerechtigkeit Gottes, wodurch er uns gerecht macht. Entgegen der lutherischen Lehre, nach der die Rechtfertigung nicht eine innere Erneuerung und Heiligung bewirkt, sondern bloß eine äußerliche Anrechnung der Gerechtigkeit Christi, die aufgrund des reinen Fiduzialglaubens erlangt werde, definiert das Konzil von Trient die Rechtfertigung als Versetzung aus dem Zustand der Erbsünde in den Zustand der Gnade, als übernatürliche Reinigung und Erneuerung des inneren Menschen, nicht bloß Zudeckung oder Nichtanrechnung der Sünden, und der Gerechtfertigte erwirbt sich durch seine guten Werke wahrhaftigen Anspruch auf übernatürlichen Lohn von Seiten Gottes.

Daraus ergeben sich auch alle konkreten individual- und sozialethischen Folgerungen. Dies alles ist im Katechismus der katholischen Kirche und ihrer sozialen Lehre, wie sie im Kompendium der Soziallehre der Kirche zusammengefasst ist, geklärt. Wenn man das, vielleicht im Interesse des interkonfessionellen Friedens und eines harmonischen Jubiläumsjahres, alles ausblendet, hilft es für weitere Verständigungen nicht weiter.  

Verweigerte Anerkennung

Leider scheint aber Peter Neuner Recht zu behalten, der schon 1997 in seinem Buch „Ökumenische Theologie. Die Suche nach der Einheit der christlichen Kirchen“  (271 ff)   schrieb: „Es gibt kaum Beispiele dafür, dass Kirchen, durch Konvergenz- oder Konsensdokumente herausgefordert, ihre Lehre oder Praxis überprüft oder gar korrigiert hätten… Selbst dort, wo Kirchen derartigen  Dokumenten offiziell zugestimmt haben, blieb  dies auf ökumenisch Verantwortliche beschränkt, während darüber hinaus in einer Weise gesprochen wird, als sei all dies nie gesagt worden… Sowohl in der gottesdienstlichen Verkündigung als auch amtlichen Ausführungen zur kirchlichen Lehre wurden Erkenntnisse ökumenischer Dokumente bisher kaum fruchtbar.… Die verbreitetste Einstellung der Theologen zu den Konsensdokumenten aber ist deren Nichtbeachtung… Auf der Ebene der Gemeinden sind die Konsens- oder Konvergenztexte trotz erfreulicher Ausnahmen für ganz wenige bekannt… In ökumenisch aufgeschlossenen Gruppen herrscht der Eindruck vor, die trennenden Fragen zwischen den Kirchen seien nicht theologischer Art, an der Kirchentrennung werde nicht um der Wahrheit willen festgehalten, sondern aus konfessioneller Rechthaberei … Nachdem… es zunehmend schwieriger wird, die Kirchenspaltungen zu legitimieren, wurde die These aufgestellt, alle diese Übereinstimmungen seien letztlich bedeutungslos, da sie nicht von einem gemeinsamen, die Konfessionen umgreifenden Grundverständnis getragen seien“.  

 

 

Gott und die Menschenwürde

Hansjürgen Knoche

Luthers Menschenbild

Martin Luther hatte es für seine entscheidende Erkenntnis gehalten, dass der Mensch die Gnade Gottes (in kirchlicher Terminologie: die Rechtfertigung) ohne sein Zutun und insbesondere ohne sogenannte gute Werke allein durch den Glauben an die Barmherzigkeit Gottes erlangen könne. Er hatte diese Lehre als den „Artikel, mit dem die Kirche steht und fällt“ bezeichnet. Das war bis in das Ende des vorigen Jahrhunderts hinein ein Kernpunkt der ökumenischen Auseinandersetzungen. Heute hat man aber fast vergessen, was für ein furchterregendes Menschenbild Luthers hinter dieser Lehre stand. Er meinte, durch die Erbsünde sei die menschliche Natur durch und durch vollkommen verdorben (perversio radicalis) und nicht mehr in der Lage, vor Gottes Augen Gnade zu finden. Der Mensch habe auch keinen freien Willen, mit dem er dies ändern könnte. Er sei zur Verdammung  oder Erlösung vorherbestimmt (Prädestination) und verhalte sich wie ein willenloses Reittier, das entweder vom Teufel und damit in die Hölle oder von Gott und damit in den Himmel geritten werden könne. Das alles habe Gott einschließlich der ewigen Verdammnis für jeden Menschen  vorausbestimmt. Luther hat das in seinem Buch „Vom unfreien Willen“ (de servo arbitrio) als Entgegnung auf eine Schrift des großen Humanisten Erasmus von Rotterdam über den freien Willen in teilweise haarsträubender Weise ausgeführt und hat dieses Buch unglücklicherweise auch noch für sein bestes gehalten. Dass diese Auffassung vom Menschen ihm alle seine Würde nimmt und darüber hinaus auch Gottes unwürdig ist, kam ihm nicht in den Sinn. Dieses verhängnisvolle Buch Luthers hat dazu geführt, dass sich der Humanismus, der ursprünglich mit den Ideen Luthers sympathisierte, endgültig von der Reformation getrennt hat. Glücklicherweise ist dieses „beste“ Buch Luthers nicht in die Bekenntnisschriften aufgenommen worden.

Das Entweder-oder ist überholt

Es ist unter diesen Umständen nicht verwunderlich, dass diese reformatorischen Voraussetzungen der Gnadenlehre heute  so gut wie völlig vergessen  und  in einer Zeit, in der Menschenwürde und Menschenrechte (trotz oder gerade wegen aller Verstöße gegen sie!), menschliche Freiheit und Selbstbestimmung fast überall auf der Welt Verfassungsrang haben und jedenfalls hoch geschätzt werden, kaum noch verständlich sind.

Allmählich hat sich aber die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Annahme Luthers von der Alleinwirksamkeit Gottes und damit der Prädestination des Menschen so nicht durchzuhalten ist, da ihr auch massive neutestamentliche Aussagen entgegenstehen und sie im Grunde nicht einmal die Rechtfertigungstheologie des Paulus, auf die sich Luther dauernd berief, vollständig wiedergibt.

„Freiheit aus Gnade“

Mit dieser Formel kann vielleicht am besten ausgedrückt werden, dass die Wahrheit in dieser Frage offenbar nicht in den geschilderten Extremen liegt, man also nicht „exklusiv“ in diesem Entweder-oder denken darf (entweder nur göttliche Alleinwirksamkeit oder nur menschliche Kraft). Man darf Gottes Wirken und die menschliche Freiheit aber auch nicht einfach additiv im Sinne eines Synergismus nebeneinander stellen und so ungeschützt vom Menschen als „Mitarbeiter" Gottes sprechen (wie man gewissermaßen vor einen schweren Wagen zwei Pferde spannt, weil eines allein den Wagen nicht ziehen könnte, beide gemeinsam es aber schaffen). Das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen wird hier vielmehr inklusiv verstanden werden müssen: Es geht nicht um die göttliche Alleinwirksamkeit, sondern um die göttliche Allwirksamkeit, die festgehalten werden muss. Die menschliche Wirksamkeit ist in das göttliche Wirken eingeschlossen, wird durch das göttliche Wirken ermöglicht und getragen. Das göttliche Gnadenwirken ist Bedingung der Möglichkeit menschlicher Freiheit. 

Dies bedeutet vor allem, dass die Allmacht und das unbegrenzte Vorauswissen Gottes über alles, was jemals in der Welt geschieht („Vorsehung“), nicht als göttliche Alleinwirksamkeit verstanden werden dürfen. Gott wirkt in der Welt durch die Zweitursachen, also auch durch die menschliche Freiheit, die zu diesen Zweitursachen gehört. Trotzdem bleibt aber seine Wirksamkeit die tragende Ursache und die Bedingung der Möglichkeit des Wirkens aller Zweitursachen. Insofern handelt es sich zwar nicht um die Alleinwirksamkeit, aber um die Allwirksamkeit Gottes.

Ökumenische Einigung

In der Gemeinsamen  Erklärung des  Lutherischen Weltbundes und der Römisch-katholischen Kirche über Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre  (1999)  wird nun festgestellt: „Gottes Gnadenwirken schließt das Handeln des Menschen nicht aus: Gott wirkt alles, das Wollen und Vollbringen, daher sind wir aufgerufen uns zu mühen (vgl. Phil. 2, 12 f.)“.

 

Von Melanchthon lernen!

Seine ökumenische Bedeutung heute

Hansjürgen Knoche

Praeceptor Germaniae

Philipp Melanchthon gehört zu den wenigen großen Theologen, die auch als Lehrer der gesamten Kultur bleibenden Ruhm gewonnen haben. Schon bald nach seinem Tode (156O) wurde er als Lehrer Deutschlands (Praeceptor Germaniae) gefeiert, denn er hatte durch seine altsprachlichen Lehrbücher, das Programm seiner Studienreform an den Gymnasien und Universitäten, insbesondere durch die Wiederbelebung des Studiums  der altgriechischen Sprache Bildungsfundamente für die Zukunft gelegt; auch die Wurzeln des neuhumanistischen altsprachlichen Gymnasiums gehen auf sein Reformwerk zurück.

Humanist

Melanchthon war Humanist, und zwar christlicher Humanist. Auch das ist heute wichtiger denn je. In der nach 1945 in Deutschland wieder neu einsetzenden Humanismus-Diskussion haben Rudolf Bultmann, Karl Barth und andere prominente protestantische Theologen den Begriff des christlichen Humanismus als angeblichen Widerspruch in sich oder „hölzernes Eisen" abgelehnt. Glaube und Humanismus seien verschiedene Möglichkeiten der menschlichen Existenz. Wir dürfen aber den Humanismus nicht einem sich humanistisch gebärdenden Materialismus und Atheismus überlassen. Papst Johannes Paul II. hat in seiner denkwürdigen Rede in Berlin unter dem Brandenburger Tor zu einem neuen christlichen Humanismus ausgerufen. In seinen Enzykliken „Glanz der Wahrheit“ (Veritatis splendor) und „Glaube und Vernunft“ (Fides et ratio) klingt dieser Gedanke immer wieder an. Melanchthon gelang damit auch die im Protestantismus weitgehend verloren gegangene organische Verbindung von Glauben und Wissen, Theologie und Philosophie, die notwendig ist, um den Glauben in unserer angeblich  so wissenschaftlich aufgeklärten Zeit wirksam zu bezeugen.

Lehrer der Kirche

Außerdem aber wurde er, der über vierzig Jahre an der Universität Wittenberg lehrte und nie die Promotion zum Doktor der Heiligen Schrift angestrebt hat, nach dem Tode Luthers auch der große Lehrer der Kirche. Vor allem aber ist er für unsere heutigen ökumenischen Bemühungen von größter Bedeutung, denn er war der große  Ökumeniker der Reformation. Wie ein Leitmotiv steht über seinem ökumenischem Ringen dieser Satz aus seiner Vorrede zur Apologie des Augsburgischen Bekenntnisses (BSLK 143,16): „Wir haben wahrlich nicht Lust oder Freude an Uneinigkeit; auch sind wir nicht so stock- oder steinhart, dass wir unsere Gefahr nicht bedenken. ... Aber wir wissen die öffentliche, göttliche Wahrheit, ohne welche die Kirche Christi nicht sein oder bleiben kann, und das ewige heilige Wort des Evangeliums nicht zu verleugnen oder zu verwerfen“.

Ökumeniker

Keine Lust oder Freude an der Uneinigkeit! Die Ökumene stagniert  heute  nicht zuletzt deswegen, weil einflussreiche Kräfte  durchaus Freude oder Lust an der Uneinigkeit haben: jene, für die „frei von Rom“ zu sein der höchste protestantische Wert ist, die „Ökumene der Profile“ und „Ende der Konsensökumene“ propagieren. Man konnte ihre entsprechenden Reaktionen auf jedes neue ökumenische Konsenspapier beobachten, z. B. den Widerstand gegen die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre,  das Dokument „Communio Sanctorum“ (2000) oder das Dokument „Die Apostolizität der Kirche“ (2009). Melanchthon kannte solche Tendenzen. Er fürchtete die „Wut der Theologen“. Hassvolle Kontroversschriften, wie es damals viele gab, auch aus der Feder Luthers, gibt es von ihm nicht. Vielleicht erklärt sich daraus auch die deutliche Distanz, die er trotz allem ökumenischen Engagement gegenüber dem theologischen Betrieb gewahrt hatte (Er war nur Baccalaureus der Theologie, nicht  Doktor der Heiligen Schrift wie Luther).

Der Wahrheit verpflichtet

Unter der Voraussetzung, dass wir keine Freude an der Trennung haben, können wir an den zweiten Teil dieses Satzes von Melanchthon anknüpfen: Die Wahrheitsfrage darf nicht ausgeklammert werden. Auch hier zeigt er uns die Richtung. Es geht nicht um irgendeinen Minimalkonsens, nicht eine undifferenzierte „gegenseitigen Anerkennung“ aller Institutionen und „Ämter“, auch wenn sie ohne biblische und apostolische Legitimation sind. Hier liegt zurzeit die Hauptschwierigkeit im ökumenischen Dialog. Deshalb ist die Versuchung so groß, die Wahrheit hintan zu stellen und irgend einen pragmatischen Kompromiss zu suchen, sich mit „Koexistenz“, „Kooperation“, „Differenz-Ökumene“, „Ökumene der Profile“ zu begnügen und damit den Anschein zu erwecken, als sei die Frage nach dem richtigen Glauben gleichgültig geworden. Ohne das Ringen um die Wahrheit kann aber die Kirche nicht sein und bleiben, diese Mahnung Melanchthons gilt heute mehr denn je.

Schöpfer der Confessio Augustana

Das im Wesentlichen von ihm verfasste und unter seiner Gesamtredaktion entwickelte Augsburgische Glaubensbekenntnis (Confessio Augustana), die Apologie dieses Bekenntnisses gegen die von katholischer Seite erhobenen Einwendungen  und sein Traktat über die Befugnisse und den Primat des Papstes  wurden zu  Fundamenten des evangelisch-lutherischen Bekenntnisses. Besonders um die Confessio Augustana (CA) kreisen immer wieder die ökumenischen Verständigungsversuche; sie ist sozusagen das Grundgesetz des evangelisch-lutherischen/römisch-katholischen Dialogs. In diesem Sinn sind alle evangelisch-lutherischen Christen, die sich um die ökumenische Verständigung bemühen, „Philippisten“. Das muss immer wieder betont werden gegenüber den in Landeskirchen wie teilweise auch in  lutherischen Freikirchen vertretenen Kräften, die dazu neigen, alles und jedes, auch die Bekenntnisschriften, aus der Sicht Luthers zu interpretieren, oft auch unter Berufung auf solche Schriften Luthers, die von der Kirche nicht als Bekenntnisschriften rezipiert worden sind. Sehr zutreffend hat der ehemalige Landesbischof und bekannte Lutherforscher Bernhard Lohse darauf hingewiesen, dass es nicht richtig sei, Luther gleichsam zum Maß aller Theologie zu machen. Evangelische Theologen müssten sich davor hüten, für Luther und seine Theologie gleichsam einen Alleinvertretungsanspruch für den christlichen Glauben zu erheben. Josef Ratzinger war einer der ersten katholischen Theologen, die darauf hingewiesen haben, Grundlage für alle ökumenischen Konsensgespräche müssten die Bekenntnisschriften und nicht die private Theologie Luthers sein  (Vgl. H. Knoche: Zur Einheit geht’s ab Augsburg, nicht ab Wittenberg, 2014, ISBN 978-3-7357-6312-9).

Bekenner der Kindertaufe

Von großer ökumenischer Bedeutung ist auch, dass Melanchthon in der Apologie der Augsburgischen Konfession gegenüber den damals sehr starken Wiedertäufern die Kindertaufe verteidigt hat. Er sagte: „Es ist ... notwendig, die ganz Kleinen zu taufen, damit ihnen die Verheißung des Heiles zugeeignet wird gemäß Christi Befehl: Taufet alle Völker. Wie allen das Heil angeboten wird, so wird allen die Taufe angeboten, Männern, Frauen, Kindern, Säuglingen. Ganz klar folgt also, dass die Säuglinge getauft werden müssen, weil mit der Taufe das Heil angeboten wird“ (BSLK 247,25). Durch die Betonung des alle Christen in der Kirche einigenden Bandes der Taufe befinden sich evangelisch-lutherische Christen heute in Übereinstimmung mit römisch-katholischen und orthodoxen Christen. Bei ökumenischen Einigungsversuchen wird vornehmlich von dem alle einigenden  Band der Taufe ausgegangen. Die Anzweiflung der Kindertaufe, die sich heute teilweise wieder breit  macht  und sich sogar als fortschrittlich und „tolerant“ ausgibt, ist unbiblisch und ökumenisch kontraproduktiv.

Evangelisch-katholischer Denker

Melanchthon hat auch immer an der Überzeugung festgehalten, dass evangelischer Glaube nur dadurch legitimiert ist, dass er bezeugt, was in der gesamten Christenheit geglaubt werden soll, was also der Glaube der einen heiligen katholischen und apostolischen Kirche ist. Am Schluss der Augsburgischen Konfession heißt es, „dass bei uns nichts, weder mit Lehre noch mit Zeremonien, angenommen ist, was entweder der Heiligen Schrift oder gemeiner christlichen Kirche entgegengesetzt wäre. Denn es ist ja am Tage und offensichtlich, dass wir mit allem Eifer, mit Gottes Hilfe ... verhütet haben, dass sich jemals eine neue und gottlose Lehre in unsere Kirche einmische, einreiße und überhandnähme“ (BSLK 134,20). Auch damit stand er in deutlichem Gegensatz zu radikalen Konfessionalisten und Antikatholiken wie Matthias Flacius. „Diesen gemeinsamen Blick auf die apostolische Kirche der Frühzeit und auf die gemeinsame christliche Geschichte vor den konfessionellen Spaltungen, die für Katholiken und Lutheraner etwa dreimal so lang ist wie die Zeit der Trennung, halte ich für eine weitere ökumenische Option des Wittenbergers“ (W. Klausnitzer). Daran festgehalten zu haben, was heute das Grundpostulat aller ökumenischen Bemühungen ist, verdanken wir also ebenfalls nicht zuletzt Melanchthon.

Christlicher Philosoph

Als hoch gebildeter Humanist sah er auch frühzeitig die Gefahr, dass sich unreflektierte Vorurteile und kurzlebige philosophische Modeströmungen in die Theologie einschleichen und sie verfälschen können, wenn die Kirche nicht für eine umfassende, auch philosophische und naturwissenschaftliche Bildung der Theologen sorgt. In diesem Punkt trafen seine Wirkungen als Praeceptor Germaniae und Lehrer der Kirche zusammen. „Entgegen mancher undifferenzierten Kritik der antiken Philosophie und des Humanismus – auch von Seiten Luthers – hielt er aus Überzeugung an der antiken Philosophie, zumal an Aristoteles, und an den Grundintensionen des Humanismus fest“ (W. Klausnitzer). Die heutigen Geistesverwirrungen, die durch unkritische Übernahme philosophischer Modeströmungen (etwa eines teilweise falsch verstandenen Existenzialismus durch Bultmann und seine Schule) und wissenschaftlich nicht haltbare weltanschauliche Fehldeutungen naturwissenschaftlicher Erkenntnisse (Verwechslung von Physik und Metaphysik) auch viele Theologen verwirren, sind die Folge davon, dass man diesem Rat Melanchthons nicht oder doch zu wenig gehört hat. Die römisch-katho-lische Kirche wusste das immer, sie legt bis heute Wert auf eine gediegene philosophisch-wissenschaftliche Ausbildung der angehenden Theologen und knüpft als kritischen Maßstab an die seit Aristoteles und Thomas bekannten immer gültigen „ersten Prinzipien“ an („philosophia perennis“).

Bibeltreuer Philologe

Ebenso war Melanchthon aus seiner humanistischen Überzeugung heraus nach der Maxime „zurück zu den Quellen“ überzeugt, dass ein gut ausgebildeter Theologe die biblischen Sprachen, also Hebräisch, Griechisch und Latein beherrschen müsse. Gerade in der ökumenischen Diskussion über schwierige theologische Fragen sollte man immer wieder auf den Urtext zurückgreifen können. Jede Übersetzung ist in der Gefahr, theologische oder weltanschauliche Vorurteile in den Text hinein zu interpretieren. Das kann unabsichtlich oder vielleicht sogar absichtlich zu folgenschweren Entstellungen führen. Ich nenne nur zwei solche Beispiele aus der Lutherübersetzung: Die nicht mit dem Urtext zu vereinbarende Übersetzung des Wortes Jesu an seine Mutter bei der Hochzeit zu Kana (Joh 2,4) „was geht es dich an, Frau, was ich tue?“ (statt „was willst du von mir“), die Maria entgegen ihrer maßgeblichen Bedeutung bei dieser ersten Offenbarung der göttlichen Macht Jesu zu einer dreisten Zwischenruferin degradiert. Solche Übersetzungstricks wären für Melanchthon, einen international anerkannten Altphilologen, unmöglich gewesen.

Systematiker evangelischer Theologie

Für die reformatorische Theologie hat er geleistet, was Luther nach seinem eigenen Eingeständnis nie gelungen ist und ihm wohl in seiner täglichen Kampfsituation auch nicht gelingen konnte: Er hat in seinen berühmten „Allgemeinen Grundbegriffen der Theologie“ (Loci communes rerum theologicarum) eine systematische Ordnung in das reformatorische Glaubensbekenntnis gebracht, seine biblische Verankerung aufgezeigt und gleichzeitig das, was die Reformation eigentlich wollte, auf das Wesentliche konzentriert, sozusagen auf den Punkt gebracht. Er ist damit zum Begründer  der lutherischen Systematischen Theologie geworden. Das hat ihm auch eine abwägende Denkweise ermöglicht, die für uns heute im ökumenischen Dialog wichtig ist, nämlich zu unterscheiden, was zentrale Heilswahrheiten in der christlichen Offenbarung sind, über die volle Einigkeit erzielt werden muss, und was Glaubensäußerungen oder fromme Gebräuche von sekundärer Bedeutung sind, die als spezifische Glaubensentfaltung der einen oder anderen Konfession zur Kenntnis genommen und toleriert werden können nach der Maxime „im Notwendigen Einigkeit, im nicht Notwendigen Freiheit, in allem aber Liebe“ (in necessariis unitas, in non necessariis libertas, in utriusque caritas). Deshalb konnte er in den sogenannten Mitteldingen (Adiaphora), z.B. in Fragen des Fastens, der Feiertage, der liturgischen Kleidung, der Bilder in der Kirche, der Zahl der Sakramente, der Feier altkirchlicher Feste wie dem Fronleichnamsfest und ähnlichen Dingen eine irenische, freie Haltung einnehmen, die ihm wiederum die Feindschaft radikaler Konfessionalisten eintrug. Mit dieser Haltung, wenn man hinter jedem katholischen Brauch gleichsam die „evangelisch-katholische Grunddifferenz“ sucht oder gar ein Zeichen des Antichristen vermutet, kann man keine Ökumene betreiben.

Vermittler zum Papstamt

Schließlich sei noch an die berühmte Vorbehaltsklausel, das Papstamt betreffend,  erinnert, die er mit seiner Unterschrift unter die Schmalkaldischen Artikel verbunden hat und mit der er sich klar gegen den Rigorismus Luthers stellte: „Ich, Philippus Melanchthon, halte diese oben genannten Artikel auch für richtig und christlich; vom Papst aber meine ich, wenn er das Evangelium (das heißt: die Rechtfertigung des Sünders aus Gnade, H.K.) zulassen wollte, dass ihm  um des Friedens und der allgemeinen Einheit willen mit denjenigen Christen, die schon unter ihm sind und in Zukunft sein werden seine Superiorität (Oberhoheit) über die Bischöfe, die er aus menschlichem Recht hat, auch von uns zuzugestehen ist“. Wir sind heute zwar im ökumenischen Dialog über die Notwendigkeit eines gesamtkirchlichen Petrusdienstes für die Einheit der Gesamtkirche schon wesentlich weiter gekommen, und in der Rechtfertigungslehre besteht seit der Gemeinsamen Erklärung weitgehend Einigkeit. Aber auch hier hat Melanchthon mutig eine Tür zum ökumenischen Gespräch aufgestoßen.

Kirchendiplomat

Vielleicht ist der oft erhobene Vorwurf, er sei mitunter zu diplomatisch und kompromisslerisch gewesen und habe deshalb verschwommen formuliert, nicht ganz unbegründet. So hat er beispielsweise, um eine Einigung mit den Reformierten zu erleichtern, die wahre Gegenwart Christi aktualistisch und unbiblisch auf die Abendmahlsfeier allgemein und nicht auf die durch das Wort Christi gewandelten Elemente beziehen wollen, was die Gnesio-Lutheraner mit Recht bekämpft haben. Das ist  glücklicherweise auch  nicht unser Bekenntnis geworden, denn dann hätten wir ein kirchentrennendes Hindernis mehr gegenüber Katholizismus und Orthodoxie. Aber auch er hat eben, wie jedermann, nur nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum denken können, und es ging ihm immer nur darum, wirklich alle Möglichkeiten interkonfessioneller Verständigung auszuloten. Doch war er bereit, Irrtümer zuzugeben und sich eines Besseren belehren zu lassen. Diese Fähigkeit können wir auch bei unseren heutigen ökumenischen Bemühungen dringend gebrauchen.

 

Das Augsburgische Bekenntnis – ökumenisch

Hansjürgen Knoche

Mit der inhaltlichen Analyse der CA im Einzelnen hatte sich als einer der ersten Max Lackmann in dem heute noch lesenswerten Buch „Katholische Einheit und Augsburger Konfession“ (1959) befasst. Er hatte zunächst nachgewiesen, dass die CA für die evangelischen Landeskirchen, die sich von der lutherischen Reformation herleiten, als verpflichtende Norm kirchlicher, apostolischer Lehre, Verkündigung und Schriftauslegung in Geltung steht (53 ff). In einem zweiten Schritt hat er im Einzelnen gezeigt, dass die CA ein katholisches Bekenntnis zum apostolischen Glaubensgut der alten ungeteilten Kirche, aber auch der römisch-katholischen Kirche ist und dass sie daran ausdrücklich festhalten wollte (63 ff). Konkret nennt er die folgenden, auch von der Confutatio ausdrücklich als katholisch anerkannten Punkte: Das apostolische, nizänische und athanasianische Glaubensbekenntnis; unzählige Belege für den Konsens mit der römisch-katholischen Kirche durch Zitierung von Vätern, Kirchenlehrern, Heiligen, Theologen und Schriftstellern bis in das hohe Mittelalter hinein; das ausdrückliche Begehren, innerhalb der katholischen Kirche existieren zu wollen und von ihr die Bestätigung zu erhalten, keine unkatholische ketzerische Sekte zu sein; die Lehre von der göttlichen Natur in drei Personen; Einigkeit mit der katholischen Auffassung von der Erbsünde; die Menschwerdung des ewigen Logos aus der reinen Jungfrau Maria, die Lehre von den zwei Naturen Christi und deren Unzertrennlichkeit sowie die Lehre von den „Ämtern“ des Erlösers; dass der Mensch umsonst durch die Barmherzigkeit Gottes gerechtfertigt wird und die Erlösungsgnade vornehmlich durch die Gnadenmittel der Sakramente der Taufe und Buße vermittelt wird; die deutliche Unterscheidung des kirchlichen Amtes als Stiftung Christi vom allgemeinen Priestertum aller Gläubigen; die Belohnung der guten Werke im ewigen Leben und die Anerkennung verschiedener Rangstufen in der Seligkeit; die Einzigkeit, Heiligkeit, Katholizität und Apostolizität der Kirche, die in Zeit und Ewigkeit bleibt; die Heilsnotwendigkeit der Taufe als Sündenvergebung und Wiedergeburt und deshalb die Befürwortung der Kindertaufe; die wahre Gegenwart des Leibes und Blutes Christi in den eucharistischen Gestalten; die Billigung der Anbetung des heiligen Sakramentes, die sich nicht auf das sichtbare Zeichen oder die kreatürlichen Gestalten, sondern allein auf Jesus Christus im Sakrament bezieht; die Anerkennung der Transsubstantiatonslehre als einer legitimen Möglichkeit, die Anwesenheit des Leibes und Blutes Jesu im Sakrament zu beschreiben; das Verständnis der Beichte oder Buße als wahrem Sakrament, die Wirkung der Sakramente, da sie Gotteswerk und nicht Menschenwerk sind, ex opere operato; die Notwendigkeit der Einsetzung in das geistliche Amt durch ordnungsgemäße Berufung, d.h. kanonische Ordination in der apostolischen Sukzession; die Einhaltung der kirchlichen Ordnungen, Riten und Zeremonien nach katholischer Gewohnheit, wie Kirchenjahr, Gottesdienstordnung, kirchliche Disziplin, Kirchenrecht, unbeschadet der Freiheit der Gewissen; die Legitimation aller Christen zu weltlichen Ämtern und Berufen und ihre Pflicht zum Gehorsam gegenüber der Obrigkeit; die Erwartung der Wiederkunft Christi als Richter und Erlöser am Ende der Welt; die Wahlfreiheit des Menschen in weltlichen Dingen, in seiner Beziehung zu Gott aber nicht ohne die Gnade des Heiligen Geistes als Möglichkeitsbedingung der Wahlfreiheit; Gott als der Schöpfer und Erhalter der natürlichen Welt, der nicht Urheber oder Ursache der Sünde ist; die Verehrung der Heiligen nach katholischer Tradition durch öffentliche Predigt über ihr Beispiel, gottesdienstliche Liturgie und Wachstum der Gemeinde im Glauben und in der Nachfolge Christi und die Dankbarkeit für die Fürbitte der Engel und Heiligen im Himmel, an ihrer Spitze die Gottesmutter, zu Christus als dem einzigen Mittler unseres Heils; die Austeilung des Heiligen Abendmahls in zwei Gestalten, wie sie in den orthodoxen Kirche bis heute gehalten und auf lange Zeit in der römisch-katholischen Kirche gefeiert wurde (bis zum 16. Jahrhundert bestand kein kirchlich gültiger Kanon für die Kommunion unter einer Gestalt); die Heiligkeit des Ehestandes, keine grundsätzliche Verwerfung des priesterlichen Zölibates als besondere Berufung, aber mit der Möglichkeit, den verheirateten Priesterstand zuzulassen; die Heilige Messe als den eigentlichen Gottesdienst und Lebensquell der Kirche unter Beibehaltung ihres alten katholischen Namens „Messe“; die Eucharistie als Lob- und Dankopfer, als die Vergegenwärtigung des einmaligen und allgenugsamen Opfers Christi; die Nützlichkeit des Gebetes für die Verstorbenen; das Gebot der Freiwilligkeit zum Eintritt in den Priesterstand, zum Gelübde der Enthaltsamkeit und zum Eintritt in den Ordensstand; die geistliche Gewalt der Bischöfe, die nicht mit weltlicher Gewalt vermischt werden darf, als von Gott kommende Gewalten und Kraft göttlichen Rechtes.

In einem weiteren Abschnitt (92 ff) hat Lackmann auch im Einzelnen dargelegt, dass die CA zusammen mit der katholischen Kirche alle Häresien des Altertums, sowie pseudo-katholische Entartungen mittelalterlicher Theologie und Volksfrömmigkeit ebenso verwirft, wie sie auch von der römisch-katholischen Kirche als unchristlich und unkatholisch verworfen werden. 

 

Ökumenische Bilanz des Ev. Kirchentages 2017

Hansjürgen Knoche

Ökumenische Themen haben auf dem Kirchentag keine besonders herausragende Rolle gespielt, was auch von katholischer Seite teilweise kritisiert worden ist. Im Vordergrund stand das Bemühen um höflichen und brüderlichen Ton gegenüber der katholischen Kirche. [1] So hat Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm im Wort der EKD zum Kirchentags-Festgottesdienst in Wittenberg ausgeführt: „(Aber) die Reformation war vor allem eine religiöse Erneuerungsbewegung. Sie hat versucht, den Blick auf Christus neu zu öffnen. Genau das brauchen wir heute auch. Und wir haben als christliche Konfessionen verstanden, dass wir diese religiöse Erneuerung heute nie und nimmer mehr in Abgrenzung oder gar Abwertung der jeweils anderen Konfessionen erfahren können. Wir haben 500 Jahre in Abgrenzung gelebt. Wir wollen endlich wieder zusammenkommen, den ganzen Reichtum unserer Traditionen miteinander teilen und einfach Freundinnen und Freunde im Christus sein – und auch so miteinander leben!“.

Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Gerhard Feige (Magdeburg) in seinem Grußwort. Er bezog sich auf die biblische Erzählung über den Aufbruch Jakobs, um seinem Bruder Esau entgegen zu gehen und sich mit ihm zu versöhnen. „Für mich ist diese dramatische Begegnung bezeichnend für unseren Glauben. Bedeutet dieser nicht zutiefst, mit sich selbst, seinen Mitmenschen und mit Gott zu ringen? Abraham, Mose, die Propheten, selbst Jesus … Zudem ist Jakob nach der Begegnung mit Gott nicht mehr der Alte. Auch Ökumene verändert – die Kirchen und die einzelnen Christen. Wir hören zu, wir diskutieren, wir beten gemeinsam. Natürlich ist es auch riskant, sich anfragen und verunsichern [1] zu lassen. Letztlich aber erweitert es unseren Horizont, lässt uns den anderen besser verstehen und bereichert uns sogar. So haben wir in vielfältiger Weise ja auch erkannt: Uns verbindet  mehr als uns trennt“.

Im Übrigen beschäftigten sich zwei Hauptreferate mit den Problemen der Ökumene. Die katholische Theologin Johanna Rahner stellte ihren Vortrag unter den Titel „Kirche, die aus sich herausgeht. Reformation und Katholizität. Was ist das Gemeinsame?“. Die Traditionen beider Kirche bildeten über die Jahrhunderte hinweg einen breiten und umfassenden Traditionsstrom, der katholisch sei, was nichts anderes bedeute als umfassend bzw. dem Ganzen entsprechend. „Es widerspräche dem Wesen des Katholischen, den mächtigen Strom in ein ebenes, reguliertes Bett zu zwingen und alle anderen Verläufe für falsch zu erklären“. Weitgehend bezog sie sich auf die Enzyklika Evangelii Gaudium von Papst Franziskus und zitierte daraus unter anderem: „Es würde der Logik der Inkarnation nicht gerecht, an ein monokulturelles und eintöniges Christentum zu denken.… Die verschiedenen Richtungen des philosophischen, theologischen und pastoralen Denkens können, wenn sie sich vom Geist in der gegenseitigen Achtung und Liebe in Einklang bringen lassen, zur Entfaltung der Kirche beitragen, weil sie helfen, den äußerst reichen Schatz des Wortes besser deutlich zu machen… In Wirklichkeit hilft diese Vielfalt, die verschiedenen Aspekte des unerschöpflichen Reichtums des Evangeliums besser zu zeigen und zu entwickeln“. Rahner zitierte ferner aus dem Konzilsdokument Gaudium et Spes: „Stärker ist, was die Gläubigen eint als was sie trennt. Es gelte im Notwendigen Einheit, im Zweifel Freiheit, in allem Liebe“. Rahner summiert: „Das Veränderungspotenzial und die Sprengkraft dieses Satzes aus der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes kann kaum überschätzt werden“. -

Als gemeinsames Motto dieser Beiträge kann man wohl festhalten: Es geht um Einheit in Vielfalt und Verschiedenheit. Da es aber in Wirklichkeit um „Einheit in versöhnter Verschiedenheit nach Überwindung der kirchentrennenden Gegensätze“ (Heinz Schütte) geht, bleibt doch die alte Frage offen, worin denn die noch bestehenden Gegensätze bestehen und wie sie versöhnt werden können.

Eine aufschlussreiche Antwort darauf gab das Hauptreferat des emeritierten Bischofs von Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und ehemaligen Ratsvorsitzenden der EKD Wolfgang Huber mit dem Titel „Reformation und Katholizität. Grenzüberschreitende Einheit gehört zum Wesen der Kirche“. [2]

Er begann sein Referat mit einigen ironischen Sätzen zur gegenwärtigen Situation. Über die Protestanten könne man vieles sagen. „Aber eines lässt sich schon bei einer ganz oberflächlichen Betrachtungsweise deutlich sagen: Katholisch sind die Protestanten nicht“. Das erinnert an Äußerungen von Heinz Schütte, der evangelische Theologen immer wieder gefragt hatte, was für sie denn der entscheidende Unterschied zur katholischen Kirche ausmache oder, besser gesagt, worin sie denn den Kern und das eigentliche Wesen des Protestantismus sähen, wobei immer wieder dasselbe herausgekommen sei: nicht katholisch zu sein und den Papst nicht anzuerkennen.

Ironisch formuliert, aber für den gegenwärtigen Zustand der Kirchen recht zutreffend war auch der folgende Satz: „Die evangelische Kirche ist jedenfalls in einem Sinn noch immer Volkskirche, nämlich als Kirche für das Volk, das nicht zur Kirche geht. Die katholische Kirche ist jedenfalls darin noch immer Weltkirche, dass auch Kirchendistanzierte stolz feststellen, unter den christlichen Kirchen sei die katholische Kirche der einzige ‚global player‘“. Huber wandte sich auch dagegen, dass man auf evangelischer Seite weiterhin im apostolischen Glaubensbekenntnis von der „einen christlichen Kirche“ und im Bekenntnis von Nizäa und Konstantinopel von der „allgemeinen Kirche“ spreche. Er plädierte dafür, unbefangen wieder den ursprünglichen Text mit der „einen, heiligen katholischen und apostolischen Kirche“ zu verwenden. Also ein Bekenntnis zur Katholizität der Kirche, etwa in dem Sinn, wie das Konzil gesagt hat, in der sichtbaren katholischen Kirche „subsistiere“ (sei verwirklicht) ein für alle Male die eine Kirche Jesu Christi? Natürlich nichts davon! Gerade Bischof Huber war es doch gewesen, der gegen das Dokument der Glaubenskongregation „Dominus Jesus“, das sagt. die evangelischen Kirchen seien nicht im vollen Sinne Kirche, auf das schärfste protestiert hatte. Bischof Huber war es doch auch, der den Begriff der „Ökumene der Profile“ erfunden und zusammen mit anderen das „Ende der Konsensökumene“ verkündet hatte. Nein, er versteht den Begriff katholisch ganz anders: „Wenn das Wort katholisch einen verständlichen Sinn haben soll, dann taugt es überhaupt nicht als Konfessionsbezeichnung… Denn ‚allumfassend‘ zielt weiter, nicht nur auf alle Christen, sondern auf alle Menschen. ‚Katholisch‘ ist ein Verheißungswort, nicht eine Konfessionsbezeichnung… Genau dies hat das Wort ‚katholisch‘ mit dem Wort ‚evangelisch‘ gemeinsam. Denn evangelisch, also auf das Evangelium bezogen, kann ja niemals als eine Bezeichnung verwendet werden, die nur für eine einzige Kirche gilt… Wird katholisch als die Verpflichtung verstanden, in der Vielfalt das Verbindende zu erkennen und diese Vielfalt nicht durch Uniformität, sondern durch die Orientierung an der sammelnden Mitte des Glaubens zusammenzuhalten, dann ist der Gedanke einer evangelischen Katholizität genauso nahe wie der komplementäre Gedanke einer katholischen Pluralismusfähigkeit … So wie die Taufe den Anfangspunkt der christlichen Existenz bildet,… So ist es auch mit der ökumenischen Gemeinschaft. Sie steht nicht zur Disposition; sie ist nicht ins Belieben gestellt. Es handelt sich nicht um eine Entscheidung, welche die Glaubenden treffen oder auch unterlassen könnten. Es handelt sich auch nicht um ein Ziel, das mit größerer oder geringerer Energie angestrebt werden kann. Die Zusammengehörigkeit der Christen und der Kirchen ist vielmehr mit dem Fundament ihres Bekenntnisses selbst mitgegeben: Ein Herr, ein Glaube eine Taufe. Deshalb spreche ich von unverzichtbarer Gemeinschaft … Grenzüberschreitende Einheit gehört zum Wesen der Kirche. Mit ihr lässt es sich nicht vereinbaren, dass das Evangelium nur für eine Kirche in Anspruch genommen wird. Aber ebenso wenig kann die Katholizität nur für eine Kirche behauptet werden“.- Kurz zusammengefasst, heißt das wohl: Da wir alle schon evangelisch und zugleich katholisch sind, tritt die Frage einer evangelisch-katholischen Verständigung oder Einheit eigentlich gar nicht auf. Wir brauchen nur anzuerkennen, dass unsere katholischen Brüder auch evangelisch sind und wir als evangelische Christen auch katholisch. Das gegenseitig anzuerkennen, vielleicht noch mehr als bisher sichtbar zu machen, zum Beispiel durch Abendmahlsgemeinschaft, ist die Aufgabe, nicht aber irgendeine Änderung in den bestehenden Kirchen. Das ist Leuenberg im XXL- Format und eine weitere ökumenische Utopie [3], die eigentlich schon längst abgehakt und für eine wirkliche Einigung der Kirchen unbrauchbar ist. Also leider in der Ökumene nichts Neues.

[1] Quelle der zitierten Beiträge: KNA-ÖKI Nr. 22 – 23, 30. Mai 2017, Dokumentation. – [2] Bischof Huber ist Sohn des wohl bekanntesten Staatsrechtlers im Dritten Reich, Ernst Rudolf Huber, den der international renommierte und vielfach ausgezeichnete Rechtshistoriker Bernd Rüthers in seinem Buch „Entartetes Recht. Rechtslehre und Kronjuristen im Dritten Reich“, 3. Aufl. 1994 zu diesen „Kronjuristen“ zählt. Zusammen mit ihm hat Bischof Huber nach 1945 eine Quellensammlung zum Verhältnis von Staat und Kirche im 19. und 20. Jahrhundert herausgegeben. Weitere Nachweise in den Wikipedia-Artikeln zu  Wolfgang Huber und Erst Rudolf Huber, von mir eingesehen am 1. 6. 2017. – [3] Vgl. H. Knoche, Eine ökumenische Utopie  in: Bausteine Heft 204, 2016/17 und KNA-ÖKI 30, 29. 7. 2016, S.10; Unitatis redintegratio oder Leuenberg? in: Bausteine Heft 201, 2015.

 

Die weihnachtlichen Begleitfeste

 

Walter J. Pehl SJB

 

Vergessene Feste

Weihnachten ist das Fest der Geburt Christi, und geboren werden kann man nun mal nur an einem Tag, selbst wenn es sich um die Geburt Christi handelt. Das ist der 25. Dezember, nicht mehr und nicht weniger. Aber seit alter Zeit liegen in unmittelbarer Nähe dieses Tages eine Anzahl von anderen Festen, die sich an das Fest der Christgeburt anschließen und es quasi begleiten, weshalb man sie als Comites [Begleiter] Christi bezeichnet. In den Kirchen der Reformation ist das schon sehr gründlich vergessen; in der katholischen Kirche weiß man noch um sie, aber sie verblassen auch in ihr. Das Weihnachtsfest hat sie überwuchert. Das ist schade, denn Weihnachten selbst wird inzwischen selbst von ziemlich fragwürdigen Bräuchen überwuchert und seines eigentlichen Sinnes entleert. Deshalb will ich die alten Begleitfeste von Weihnachten wieder ins Bewusstsein rufen, in der Hoffnung, dass uns ihr Reichtum dazu diene, der schleichenden Kommerzialisierung von Weihnachten zu widerstehen.

Apostel Johannes

Am 27.12., gedenken wir des Apostels und Evangelisten Johannes: „Petrus aber wandte sich um und sah den Jünger folgen, den Jesus liebhatte, der auch beim Abendessen an seiner Brust gelegen und gesagt hatte: Herr, wer ist's, der dich verrät? Als Petrus diesen sah, spricht er zu Jesus: Herr, was wird aber mit diesem? Jesus spricht zu ihm: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach! Da kam unter den Brüdern die Rede auf: Dieser Jünger stirbt nicht. Aber Jesus hatte nicht zu ihm gesagt: Er stirbt nicht, sondern: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an? Dies ist der Jünger, der dies alles bezeugt und aufgeschrieben hat, und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.“       (JOH 21,20‑24)

Johannes gilt als der Lieblingsjünger des Herrn, ihm werden das vierte Evangelium und drei Briefe zugeschrieben. Allerdings wird der Name dieses Lieblingsjüngers nirgendwo genannt; weder im vierten Evangelium noch in einem der Briefe kommt der Name Johannes vor. Das vierte Evangelium schreibt ihm eine besonders enge Vertrautheit mit Jesus zu; warum aber Petrus und nicht dieser Jünger der Sprecher des Jüngerkreises ist, bleibt unerklärt; es sei denn, gerade dies war als historische Tatsache allgemein bekannt und also einfach nicht zu leugnen.

Der vierte Evangelist legt viel Wert darauf, zu zeigen, dass sein ungenannter Lieblingsjünger eine andere Stellung innehat als die übrigen  Jünger. Er ist besonders eng mit dem Herrn verbunden. Beim Passahmahl in Jerusalem liegt er „an der Brust“ Jesu. Mittelalterliche Darstellungen zeigen gern die Abendmahlsrunde um einen Tisch herum auf hohen gotischen Stühlen sitzend, wobei der Lieblingsjünger halb vom Stuhl gefallen ist und seinen Oberkörper wie ein Kind auf Jesu Schoß gelegt hat. Das mag zwar sehr hübsch aussehen, ist aber historischer Unsinn (und bei weitem nicht das einzige Missverständnis, das sich gerade dieses Evangelium gefallen lassen musste): In der Antike waren die Tische sehr niedrig, und man saß nicht an ihnen, sondern lag langgestreckt auf Polstern um sie herum auf der linken Körperseite, wobei die Köpfe zum Tisch und die Füße schräg nach außen wiesen. Der Jünger „an Jesu Brust“ ist dann einfach der rechts von Jesus Liegende, der sich mit einer Drehung des Kopfes an ihn wenden konnte; um seinen rechten Nachbarn zu fragen, hätte er sich entweder erheben oder aber ihn von hinten ansprechen müssen, und das galt schlichtweg als ungehörig. Er war also bei Tisch der ganz natürliche Gesprächspartner Jesu.

Der vierte Evangelist lässt Petrus auch fragen, was denn aus diesem ungenannten Jünger werde. Er erhält eine Antwort, die eigentlich gar keine ist: „Ich habe langfristig etwas mit ihm vor. Aber das geht dich doch gar nichts an!“ Das lässt allerlei Gemunkel von Unsterblichkeit im Kreise der Jünger aufkommen, gegen das der Evangelist sich wiederum verwahren muss, und er lässt durchblicken, dass er selbst dieser Jünger und deshalb in besonderem Maße vertrauenswürdig sei.

In der Tat hat ein Johannes in der ganz jungen Kirche eine bedeutende Rolle gespielt; auch die Apostelgeschichte weiß von ihm zu berichten und nennt ihn in einem Atemzug mit Petrus und Andreas. Er geht mit den beiden in den Tempel. Er steht mit ihnen vor dem Hohen Rat, dem Sanhedrin. Er wird mit ihnen zusammen ins Gefängnis gesteckt. Auf ihn berufen sich in ganz besonderer Weise die orthodoxen Kirchen. Es spricht manches dafür, dass das vierte Evangelium in einem Christentum entstanden ist, das von Judenchristen dominiert war und sich gegen das weiterhin bestehende Judentum zur Wehr setzen musste. Das würde auch erklären, warum der vierte Evangelist so großen Wert darauf legt, dass „die Juden“ - jene Juden nämlich, die nicht Christen geworden waren - Jesus mit solcher Unversöhnlichkeit gegenüberstehen.

Auf jeden Fall hat der vierte Evangelist, den die kirchliche Tradition Johannes nennt, die Kirche und ihre Entwicklung nachhaltig geprägt. Zahllose Kirchen stehen unter seinem Patrocinium. Zahllos sind die Darstellungen des Evangelisten Johannes, fast immer als jugendlicher Mann ohne Bart. Wer kennt nicht die Vertonung seiner Passionsgeschichte durch HEINRICH SCHÜTZ und JOHANN SEBASTIAN BACH, um nur die beiden wichtigsten zu nennen? Aber das sind eher die äußerlichen Dinge; noch weit bedeutender ist der Einfluss, den der Evangelist und Apostel auf das Bild Jesu in Theologie und Frömmigkeit hatte: Er ist es, der uns wichtige Dinge über ihn mitteilt, von dem die anderen Evangelien nichts wissen, wie etwa die Fußwaschung am Passah-Vorabend. Er überliefert uns Jesu große Reden, von denen die meisten mit „egó eimí“ beginnen: Ich bin das Brot des Lebens. Ich bin das Licht der Welt. Ich bin die Tür. Ich bin der gute Hirte. Ich bin die Auferstehung und das Leben. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ich bin der Weinstock. Von ihm haben wir Jesu Gebot der Liebe in einer viel reicheren Form, als es die Synoptiker überliefern. Er ist es auch, der uns Jesu hohepriesterliches Gebet um die Einheit der Seinen überliefert hat. Offenbar war sie schon damals keine Selbstverständlichkeit.

Aber er vermittelt uns auch ein ganz anderes Bild von Jesus, als es die Synoptiker tun. Für ihn ist Jesus nicht der leidende Messias, der unerkannt über die Erde dahingeht, und in seinen Reden und Taten erfahrbar macht, wie Gott ist. Sondern für ihn ist er ein hoheitlicher Messias, der sehr wohl um seine Herkunft, seinen Auftrag und sein Ende weiß. Einer, der zwei Zoll über der Erde zu schweben scheint, und dem man  ansehen kann, wer er ist. Fast scheint es auch so, als bliebe dieser Jesus nach Johannes unberührt von dem, was er „seine Erhöhung“ nennt: Seine Erhöhung zu Gott ist eine Erhöhung ans Kreuz, den Galgen, den Elektrischen Stuhl der Antike. Der johanneische Jesus weiß von Anfang an, was ihm bevorsteht, und er fürchtet sich im Gegensatz zum synoptischen Jesus nicht etwa davor, sondern er provoziert es geradezu. Seine Gegner, die Johannes in grellen Farben malt, tun ihm denn auch diesen Gefallen, ohne zu ahnen, dass sie damit ihr eigenes Ende herbeiführen. Überhaupt ist die johanneische Darstellung von einem scharfen Gegensatz geprägt, dem Gegensatz zwischen Gott und Seinem Reich auf der einen Seite und „der Welt“ und „den Juden“ auf der anderen. Dieser Gegensatz, der fast schon dualistisch wirkt, mag es denn wohl auch gewesen sein, der ab der Gotik bis in unsere jüngste Vergangenheit hinein immer wieder zur Verfolgung der Juden geführt hat.

Allerdings darf auch ein anderes nicht verschwiegen werden: Das Evangelium, das uns unter dem Namen des Johannes überliefert ist, birgt auch seine Gefahren - so paradox das vielleicht klingen mag. Eine habe ich gerade erwähnt: Die Feindschaft gegenüber „den Juden“ hat immer wieder zur Feindschaft gegen Menschen jüdischer Abstammung und jüdischen Glaubens geführt. LUTHER, der ja bekanntlich das Evangelium nach Johannes besonders liebte, war sogar ein besonders geifernder Judenhasser; fast alles, was das Dutzendjährige Reich ihnen angetan hat, hat er bereits vorgeschlagen! Eine andere Gefahr ist, dass wir uns am vierten Evangelium mit seinem so offenkundig göttlichen Jesus und an seiner krassen Unterscheidung zwischen den „Kindern Gottes“ einerseits und „der Welt“ andererseits berauschen. Doch das Evangelium ist schließlich keine Droge, und es redet nicht von uns als den „Kindern Gottes“, damit wir uns darauf etwas einbilden und verächtlich auf die übrige Welt herabsehen! Auch dieser Gefahr ist schon so mancher erlegen, der dann meinte, als „Kind Gottes“ „die Welt“ sich selbst und der Finsternis überlassen zu können. Das hatte zwar weniger blutige Konsequenzen, aber Weltflucht und Weltverachtung lassen uns blind dafür werden, dass diese Welt Gottes Welt, Gottes Schöpfung ist, und dass das Heil nicht erst in einem fernen Jenseits, sondern in dieser Welt Wirklichkeit werden soll. Dazu hat uns Johannes in seinem Evangelium und seinen Briefen das Gebot der Liebe überliefert. Diese Liebe zu verwirklichen, nicht nur gegenüber unseren „Freunden“, sondern erst recht gegenüber denen, die nicht unsere Freunde sind oder sein wollen, hat uns der Jesus des Johannes in besonderer Weise gerufen.

Die Unschuldigen Kinder

Der 28.12. ist seit alters dem Gedenken der „Unschuldigen Kinder“ gewidmet, die der König Herodes töten ließ: „Als aber [die Weisen] hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir's sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen. Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht: ‚Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.‘ Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Kinder in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte. Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht: ‚In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.“ (MT 2,13‑18). 

Von den Weisen, die dem Stern folgen, hat der Tetrarch, der Viertelfürst Herodes erfahren, dass ein neuer König geboren sei, und das löst bei ihm keine Freude aus, sondern - Panik. Nackte Angst, es könne nun wohl bald mit seiner Schreckensherrschaft vorbei sein. Und wie das nun mal so ist bei Tyrannen und Diktatoren, die sich an ihren Thron, an ihre Macht klammern, fällt ihm nichts Besseres ein, als dass er diesen neugeborenen König aus dem Wege räumen müsse. Herodes heuchelt  Interesse, dieses Kind anbeten zu wollen, und beschwatzt die Weisen, ihm doch zu melden, wo es denn zu finden sei. So weit, so schlecht. Es kommt anders. Gott Selbst sorgt dafür, dass aus diesem niederträchtigen Plan nichts wird. Die Weisen schickt er auf einem Wege nach Hause, der nicht über Jerusalem führt. Die Eltern des neugeborenen Herrschers der Welt lässt er nach Ägypten fliehen, wo Herodes ihm nichts anhaben kann. Dort wächst er in der Fremde auf wie einst Mose, der ja auch in Ägypten aufwuchs, bis der HErr ihn in Seinen Dienst berief. Denn für den Evangelisten Matthäus ist Jesus ein neuer Mose.

Nun ist es aber die Art von Despoten und Diktatoren, dass sie Rache wollen, wenn es nicht nach ihrer Nase geht; Herodes macht da keine Ausnahme. Und er will auf Nummer Sicher gehen: Wenn er schon nicht weiß, wer dieser neugeborene Herrscher ist, dann müssen eben alle Kinder in und um Bethlehem dran glauben; eines wird schon das richtige sein. Von der Flucht der Hl. Familie nach Ägypten hat er allem Anschein nach nichts mitbekommen; also lässt der Viertelfürst mitleidlos abschlachten, was jünger als 2 Jahre ist. So glaubt er einen etwaigen Thronprätendenten auszuschalten, der womöglich seiner Herrschaft gefährlich werden könnte. Es ist vergebens, das wissen wir; er weiß es nicht. Aber es ist auch empörend: Das ganze Land hallt wider von Weinen und Wehklagen über diesen Massenmord. Matthäus, dessen Evangelium uns diese Geschichte berichtet, sieht darin Parallelen zur Geschichte des Alten Bundes, so sucht er mit einem Zitat aus dem Propheten Jeremia zu zeigen, dass es so nach Gottes Willen kommen musste. Wir Heutigen haben große Mühe, das auch so zu sehen. Für uns ist jeder, der sich an einem Kind vergreift, ein verachtenswerter Mensch; selbst unter den Kriminellen stehen Kindermörder und Kinderschänder auf der alleruntersten Stufe der Hackordnung.

Keiner weiß, wie viele Kinder damals ums Leben kamen. Umso besser aber wissen wir, dass auch heute noch, selbst in dieser Stunde, Kinder ihres Lebens oder ihrer Zukunft beraubt werden. In Afrika werden sie zu Kriegsdiensten eingefangen und zu Tötungsmaschinen abgerichtet, wofern sie nicht „einfach nur“ verhungern müssen. In Asien, aber beileibe nicht nur dort (!), werden sie missbraucht, um die abartigen Gelüste perverser Erwachsener zu befriedigen. Das Internet, sagen Kriminalisten, sei voller ebenso empörender wie obszöner Kinderpornographie, und dagegen vorzugehen, scheint ein Kampf gegen eine Hydra zu sein - hackt man der einen Kopf ab, so wachsen an dessen Stelle zwei neue nach. Und in Lateinamerika, und wiederum nicht nur dort, ist Kinderarbeit für einen Hungerlohn gang und gäbe. Kinder sind nun einmal die Schwächsten jeder Gesellschaft. Eine Lobby haben sie kaum. Umso wichtiger ist, dass wir Erwachsenen uns für sie einsetzen, damit sie nicht um ihre Kindheit gebracht werden. Sie sind so wehrlos wie die Kinder von Bethlehem, aber unser aller Zukunft hängt von ihnen ab. Nicht nur insofern, als sie einmal das Geld werden verdienen müssen, von dem unsere Renten bezahlt werden. Die Gesellschaft von morgen kann auch nicht besser sein, als wir es unseren Kindern vermitteln. Wir sind für sie verantwortlich, und das nicht nur als Eltern. Jeder von uns hat daran Anteil! Behandeln wir sie nicht als unser kostbarstes Gut, überlassen wir sie sich selbst und einer zweifelhaften „Unterhaltungsindustrie“, die nicht das wohl der Kinder, sondern ihren Umsatz im Sinn hat, so laufen sie Gefahr zu verwahrlosen und zu verrohen. Was sich an unseren Schulen abspielt, lässt uns nicht selten den Atem stocken. „Früher war das aber anders!“, sagen wir dann entsetzt, aber das reicht nicht. Wenn unsere Kinder zu kleinen Monstern werden, dann haben wir etwas an ihnen grundlegend falsch gemacht. Schlimmer noch: Wir versündigen uns an ihnen - nicht durch Tun, sondern durch Unterlassen! Denn Kinder brauchen Eltern, die sie auf das Leben vorbereiten, die ihnen vorleben, wie ein gelingendes Leben aussieht. Sie brauchen unsere Zuwendung und unsere Zeit. Teure Markenklamotten sind kein Ersatz dafür. Erst recht ist ihnen nicht damit gedient, wenn wir sie vor die Glotze, vor irgendwelche blutrünstigen Ballerspiele abschieben, um unsere Ruhe zu haben. Dort lernen sie bestenfalls, in einer Jeder-gegen-Jeden-Welt zu überleben; zu leben lernen sie dort ganz gewiss nicht. Wenn wir unsere Kinder alleinlassen, versündigen wir uns nicht weniger an ihnen, als es der Viertelkönig Herodes tat. Die Ausrede, dass wir sie ja nicht totschlagen, dass sie bei uns ja alles haben, was sie nicht brauchen, die nützt nichts. Das Wichtigste fehlt ihnen - Liebe.

Aber zurück zum Kindermord von Bethlehem! Er hat dem Herodes höchstens insofern genutzt, als er damit den Fluch der Unsterblichkeit als eines beispiellosen Unmenschen auf sich herabgerissen hat. Die Kinder, die von ihrem Leben noch kaum etwas hatten, sind gewiss in Gottes Gnade geborgen, denn sie waren die allerersten Blutzeugen Christi! Als solche sind sie der ewigen Herrlichkeit teilhaftig geworden, und wir sollten sie nicht nur bemitleiden. Mitleid verdienen vielmehr ihre Eltern. Dieser Gedanke, dass die unschuldigen Kinder Christi erste Zeugen sind und deshalb bei ihm, in seiner Herrlichkeit geborgen, hat schon früh den Charakter dieses Tages geprägt. In einer Predigt des CAESARIUS VON ARLES (+ 542) zum Fest der Unschuldigen Kinder wird dies besonders schön zum Ausdruck gebracht:  „Der Tod anderer Märtyrer ist wert gehalten vor dem Herrn wegen ihres standhaften Bekenntnisses; der Tod der Kinder von Bethlehem wegen der Vollendung, zu der sie eingingen. Der Tod, den ihnen Herodes schon am Anfang ihres Lebens zufügte, wurde ihnen zum Eingang in die ewige Herrlichkeit. Darum ist es würdig, der für den Christus Gottes gemordeten Kinder zu gedenken, und zwar freudig, nicht mit Trauern. Nicht Klage und Leid über die Grausamkeit des Tyrannen und die Härte der Welt ist hier das rechte, sondern unsere Hingabe an den Herrn in der Feier der heiligen Geheimnisse. Denn er, der die Ursache ihres Sterbens wurde, hat ihnen die Krone des Lebens verliehen. Er, um dessentwillen der Hass gegen sie entbrannte, nahm sie in seiner ewigen Liebe an und gab ihnen das wahre Leben. Und ihm allein, dem ewigen König und Heiland, sei Ehre und Anbetung jetzt und immerdar und in Ewigkeit. Amen.“

Thomas Becket

Am 29.12., ist der Gedenktag des hl. Thomas Becket. Um Himmels willen, werdet ihr vielleicht sagen, wir sind doch fast alle evangelisch; was kommst du uns da mit einem Heiligen?!

Nicht ganz so hastig, liebe Freunde. Zum einen steht es in den lutherischen Bekenntnisschriften denn doch etwas anders, und zum anderen haben wir gründlich verlernt, mit den Schätzen unseres christlichen Erbes umzugehen. Hören wir doch erst mal, was die Bibel zu dem Thema zu sagen weiß! Im Brief an die Hebräer lesen wir nämlich auch die folgenden Sätze: „Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande geringachtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst. (...) Ihr habt noch nicht widerstanden bis aufs Blut. Gedenkt an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folgt ihrem Glauben nach: Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ (HEBR 12,1-4a;13,7f)

„Die Wolke der Zeugen“ nannte JÖRG ERB sein Buch über bedeutende Personen der Geschichte des christlichen Glaubens, das vielleicht einige von uns kennen; THOMAS BECKET kommt allerdings nicht darin vor. Aber ERB führt neben großen Männern und Frauen der protestantischen Kirchengeschichte wie MARTIN LUTHER, JOHANN SEBASTIAN BACH oder EVA V. THIELE-WINKLER eine stattliche Anzahl von Personen an, die vor der Reformation gelebt haben und sich auch bei viel gutem Willen nicht als deren Vorläufer vereinnahmen lassen: Die großen Väter des Mönchtums, BENEDIKT VON NURSIA, BASILIUS, und BERNHARD VON CLAIRVAUX, zum Beispiel, dann etwa CYPRIAN VON KARTHAGO, dessen Aussprüche „außerhalb der Kirche gibt es kein Heil“ und „man kann nicht Gott zum Vater haben, ohne dass man die heilige Kirche zur Mutter hat“ schon so manchen evangelischen Hut haben hochgehen lassen (ich habe das unter meinen Kommilitonen selbst erlebt!), oder BONIFATIUS, der immerhin so etwas wie der offizielle Stellvertreter des Papstes für die gesamten späteren deutschen Lande war, und schließlich sogar Christophorus, der nun wirklich eine fromme Legende und kein wirklich lebender Mensch gewesen ist. Diese alle und noch viele mehr bilden die „Wolke der Zeugen“, die - das ist wichtig - Christus bezeugen. Sie bezeugen nicht sich selbst, weder bei ERB noch im Brief an die Hebräer, nur dass letzterer natürlich auf die Personen der Kirchengeschichte noch nicht rekurrieren konnte; sein Verfasser hat an deren Stelle eine Fülle von Gestalten aus dem Ersten Testament und sagt selbst, es seien ihrer so viele, dass er nicht Zeit und Papier mit einer vollständigen Aufzählung vertun wolle. Unter dem Vorbild von ihnen allen stehen wir, es mag uns recht sein oder auch nicht; sie haben nun einmal vor uns gelebt. Aber sie selbst standen unter dem Vorbild Christi, dessen, der sein Leben hingegeben hat für die Sünden der anderen. Er tat es freiwillig, das betont der Verfasser des Hebräerbriefes ausdrücklich; gezwungen hat ihn niemand dazu. Auf ihn sollen wir schauen und uns den Herausforderungen unserer Zeit stellen. Die „Wolke der Zeugen“ soll uns Vorbild sein, wenn wir in der Nachfolge Christi stehen. Ihr Beispiel soll uns den Mut und die Kraft dazu geben. Sie lebten ihren Glauben an ihn, und indem sie das taten, wichen sie nicht vor Schwierigkeiten zurück, sondern stellten sich den Herausforderungen ihrer Zeit, nahmen Anfeindungen und Verleumdungen auf sich, sie stellten sich jenen entgegen, denen Gottes Gebote der Menschlichkeit wurscht waren, und nicht wenige von ihnen bezahlten das mit ihrem Leben. Schaut ihr Ende an und folgt ihrem Glauben nach! sagt der Verfasser des Hebräerbriefes, und meint damit: Als es gefährlich wurde, für Gott einzutreten, indem sie für andere eintraten, da zogen sie es nicht vor, sich selbst in Sicherheit zu bringen, sondern bewiesen Mut und Selbstlosigkeit. Sie taten es nicht, um berühmt zu werden. Das war etwas für Leute, denen das Militärische, das „Ritterliche“ zu Kopf gestiegen war. Der Hebräerbrief meint etwas anderes: Jesus der Christus stand im Zentrum ihres Lebens, deshalb handelten sie so und konnten nicht anders handeln. Deshalb ließen sie sich lieber den Löwen zum Fraße vorwerfen wie zahlreiche Bekenner in der Alten Kirche, bei lebendigem Leibe verbrennen wie LAURENTIUS oder die Eingeweide aus dem Leibe reißen wie ERASMUS; sie ließen sich in Verliese einmauern ,und damit lebendig begraben wie Katharina, oder eben totschlagen wie THOMAS BECKET.

Wer war überhaupt dieser THOMAS BECKET? 1118 wird er als Sohn eines Kaufmanns in London geboren, er studiert Jura und wird beim Erzbischof von Canterbury angestellt. Dort wird er auch zum Kleriker geweiht und steigt bald zum Archidiakon auf. Als solcher verwaltet er den gesamten Besitz der Kirche von England. Der englische König HEINRICH II. wird auf ihn aufmerksam, denn gebildete Leute, die mit Geld und dem Verwaltungskram umgehen können, sind rar in dieser Zeit; er macht ihn zum Lordkanzler. Als solcher verwaltet er nun auch den gesamten Besitz des englischen Staates. Die beiden werden Freunde, und THOMAS führt bald ein Leben, das so manchen fragen lässt, ob das denn einem Kleriker angemessen sei, denn er führt ein sehr weltliches Leben und lässt dabei so gut wie nichts aus. Heinrich tut es erst recht nicht. Und er braucht Geld, viel Geld, denn er will Krieg führen. Den soll auch die englische Kirche mitfinanzieren. Aber sie lehnt das rigoros ab; seit der Zeit WILHELMS DES EROBERERS ist sie davon freigestellt. So wird sie zum Intimfeind des Königs, der fortan darüber nachsinnt, wie er sie an die Kandare nehmen kann.

Als Erzbischof THEOBALD stirbt, glaubt er, die Situation mit einem Handstreich nutzen zu können: Er setzt gegen den erbitterten Widerstand des englischen Klerus durch, dass sein Freund THOMAS Erzbischof von Canterbury wird; mit dem als Primas an ihrer Spitze, so glaubt er, wird ihm die englische Kirche bald aus der Hand fressen. Er hat sich gewaltig geirrt - THOMAS ist seit seiner Bischofsweihe einfach nicht wiederzuerkennen. Er will ein wirklicher Oberhirte der englischen Kirche sein, nicht Marionette des Königs. Das Amt des Lordkanzlers legt er bald nieder, weil er feststellen muss, dass es mit seiner neuen Aufgabe nicht mehr vereinbar ist. Er hat sie sich nicht ausgesucht, sondern sie ist ihm regelrecht übergestülpt worden; nun will er ihr aber auch gerecht werden. Mit seinem ehemaligen Freund, dem König, hat er sich sehr bald angelegt. Dessen Versuchen, die englische Kirche seiner eigenen Rechtsprechung zu unterwerfen, leistet er erbitterten Widerstand. Dagegen lässt er Parteigänger des Königs exkommunizieren, die sich an Geistlichen vergriffen haben. Schließlich haben sich die beiden so sehr entzweit, dass König HEINRICH ihn unter dem Vorwurf, er habe als Lordkanzler Staatsgelder veruntreut, ins Gefängnis stecken will. THOMAS flieht nach Frankreich, bis schließlich der Papst den König unter Androhung des Bannes 1170 zwingt, ihn nach Canterbury zurückkehren zu lassen. Dort wird er am 29.12. noch desselben Jahres von vier Rittern während des Gottesdienstes am Altar seiner Kathedrale regelrecht niedergemetzelt. Bereits vier Jahre später wird er heiliggesprochen.

In Menschen wie THOMAS BECKET hat die Kirche seit alters ihre Vorbilder gesehen. Nicht, dass nur der ein gottgefälliges Leben führe, der es mit dem Martyrium kröne, wie etliche frühchristliche Häresien behaupteten. Wohl aber, dass uns ihr Beispiel Mut und Kraft gebe, uns in der Anfechtung zu bewähren: Jesus Christus gestern und heute, und derselbe auch in Ewigkeit! Er steht im Zentrum, auf ihn verweisen sie, und wie er sein Leben für uns dahingab, so verstanden sie Gottes Geschenk des Lebens für sich selbst. Gerade an den Gräbern von Blutzeugen des Glaubens haben sich andere Trost und Stärkung erhofft und sie auch dort gefunden. Früh schon wurden sie deshalb als „Heilige“ angesehen und verehrt. Gewiss ist man dabei auch des Öfteren übers Ziel hinausgeschossen. Das ist einfach nur menschlich; Theologie und Volksfrömmigkeit waren und sind zu allen Zeiten zweierlei Ding; erst recht gilt das vom Mittelalter.

„Die Verdienste der Heiligen sind durch ihren Glauben an Christus dessen Verdiensten einverleibt und mit ihnen so völlig eins geworden, dass sie geradezu dasselbe sind und bewirken wie Verdienst Christi gemäß jenem Wort, dass das Leben des Gerechten nicht von ihm selbst, sondern von Christus ist, der in ihm lebt: Ich lebe, doch nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn die Verdienste der Heiligen als ihre eigenen würden nichts und verdammlich sein ...“  So MARTIN LUTHER im Jahre 1518 über die Heiligen.

Am Ausgang des Mittelalters muss eine so große Lebensangst geherrscht haben, dass die Menschen auf jede erdenkliche Weise versuchten, sich wenigstens ihre jenseitige Zukunft zu sichern, und es dabei zu den bedenklichsten Auswüchsen kam. Bedenklich vor allem deswegen, weil die „offizielle“ Kirche nichts dagegen unternahm, sondern im Gegenteil eine günstige Gelegenheit darin sah, kräftig zur Kasse zu bitten. Aus dieser Situation heraus wird verständlich, was die Augsburgische Konfession unter Artikel XXI von der Verehrung der Heiligen sagt: „Der Heiligen kann man gedenken, damit wir ihrem Glauben und ihren guten Werken - jeder in seinem Beruf - nacheifern. (...) Aber die Hl. Schrift lehrt nicht, dass man die Heiligen anrufen oder Hilfe von den Heiligen erbitten soll. Sondern sie stellt uns Christus allein als den Mittler, Versöhner, Hohenpriester und Fürsprecher vor Augen. Ihn soll man anrufen ...“

Hier wird zweierlei ausgesagt: Die Heiligen haben Vorbild-Funktion für uns; das ist uns nichts Neues mehr - und sie selbst sind es nicht, die uns helfen können, sondern nur Gott allein. Auch das ist nichts Neues, wie denn überhaupt, einem russischen Sprichwort zufolge, das Neue nur das gründlich vergessene Alte sein soll. Dass es Heilige nicht gebe (zumindest in den evangelischen Kirchen), wird hier jedoch nicht gesagt! Es wird einfach vorausgesetzt, dass es sie gibt. Verworfen wird nur, was im späten Mittelalter aus ihrer Verehrung geworden ist - einerseits eine Konkurrenz zu Gott, und andererseits, dass diese Irrlehre (oder vielmehr Irrpraxis) von der Kirche als ergiebige Einnahmequelle missbraucht wurde. Entzündet hatte sich die Reformation bekanntlich am Ablasshandel, mit dem die bankrotte Kurie den Neubau des Petersdomes finanzierte.

Schlimmer noch als das war aber, dass sich im Bewusstsein dieser Zeit die Heiligen so vor Gott, vor Christus gedrängt hatten, dass sie beide nahezu völlig verdeckten. Das ist der eigentliche Skandal, an dem die Reformation zu Recht Anstoß nahm. Dass sie freilich mit ihrem Schlachtruf „Christus allein“ um ihn herum radikal alles niedermähte, ist zu bedauern. Die paar dürren Sätzchen der Confessio Augustana haben daran nichts zu ändern vermocht; wer heute in der evangelischen Kirche von Heiligen redet, gilt als nicht ganz auf der Höhe lutherischer Theologie. Bei LUTHER lasen wir zwar etwas anderes, aber LUTHER selbst ist ja bekanntlich im Laufe der Jahrhunderte auch immer weiter von der lutherischen Theologie abgewichen. Heute haben wir um Christus herum sozusagen eine wasserlose Wüste, in der nichts Lebendiges mehr wächst, sondern alles auf einen dürren und verkopften „rechten Glauben“ reduziert ist, der vom Bedürfnis nach Geborgenheit des Menschen in seinem Glauben keine Notiz nimmt. Er hat auch keine Notiz davon genommen, dass die katholische Kirche auf dem Konzil von Trient diese verkehrte Art der Heiligenverehrung verworfen hat. Denn dass die Heiligen nicht angebetet werden, ist auch für jeden katholischen Christen seither wieder eine Selbstverständlichkeit. Er wird sie lediglich um ihre Fürsprache bei Gott bitten. Fürbitte ist ja nun wirklich nichts Unevangelisches. Wenn wir die Verstorbenen bei Gott und des ewigen Lebens teilhaftig glauben, warum tun wir dann so, als gäbe es sie nicht mehr, oder als hätten sie jedwedes Interesse an Gottes Welt und ihren Brüdern und Schwestern im Glauben verloren? Es kann doch wohl nicht sein, dass wir, indem wir sie mit der Floskel „geborgen bei Gott“ dem Vergessenwerden freigeben - und sie damit de facto zu Unpersonen werden lassen!

Was das alles mit dem hl. THOMAS BECKET zu tun hat? Nun, er war einer, der gegen seinen Willen in die Nachfolge Christi gestellt worden war, aber er nahm das ernst. Eigentlich sollte er die englische Kirche ans Messer eines sehr weltlichen Königs liefern. Ans Messer geliefert wurde er selbst, weil er sich weigerte, dies zu tun. Er ist einer von denen, die versucht wurden bis aufs Blut. Ob die vier Männer, die ihn an seinem eigenen Altar niedermetzelten, nur glaubten, ihrem König einen Gefallen zu tun, oder ob dieser selbst sie dazu aufgehetzt hatte, wissen wir nicht; es ist nie geklärt worden. Sicherheitshalber hat er mit den Mördern kurzen Prozess machen lassen; so konnten die nichts mehr erzählen. Dass er selbst dahinter stak, der er mit seinem ehemaligen Vertrauten spinnefeind war, ob nun bewusst und absichtlich oder aus Unbedachtheit, darf immerhin vermutet werden, sonst hätte er den Mördern sowohl einen ordentlichen Prozess gemacht,  als auch nicht mit solcher Verve die Heiligsprechung THOMAs' betrieben, mit der er wohl vor aller Augen seine Hände in Unschuld waschen wollte.

Die Geschichte des THOMAS BECKET ist mehrfach literarisch verarbeitet worden. Zum einen von JOHN TH. ELLIOTT, der aus ihr den bekannten Krimi „Mord im Dom“ gemacht hat, zum anderen von JEAN ANOUILH, dessen Drama „Becket oder die Ehre Gottes“ zwar wenig reißerisch ist, dafür aber umso mehr theologischen Tiefgang hat. Es zeigt einen Menschen, der von der ihm gestellten Aufgabe geformt wird, und, einmal vor sie gestellt, sich ihr mit aller Konsequenz widmet. Einen Menschen, der weiß, dass er sich damit in Gefahr begibt, und der dennoch nicht ins ungefährliche Ungefähre ausweicht. Einen Menschen, der im Dienste Gottes sein Leben hingegeben hat. Heutzutage heißen die großen Gegenspieler Gottes zwar nicht mehr König wie HEINRICH II., aber dafür Kapital, Shareholder Value oder Globalisierung. Auf die Bedürfnisse der Menschen nehmen auch die keine Rücksicht. Wenn wir jedoch wollen, dass das Leben auf dieser unserer Erde menschenwürdig bleibt und nicht gegen Macht, Einfluss und Rendite von Konzernen aufgerechnet wird (wobei es in jedem Falle den Kürzeren ziehen dürfte), dann werden wir uns schon für das Menschenrecht und gegen die totalitäre Herrschaft des Götzen Geld einsetzen müssen. Es muss ja nicht unbedingt gleich das Leben kosten wie bei THOMAS BECKET. Aber wer ganz ohne Einsatz spielen will, der kann wohl auch nichts gewinnen.

Stephanus

Eigentlich ist der Gedenktag des Erzmärtyrers Stephanus der 26.12. Der 30.12. war lange ein „festloser“ Tag; erst nach dem II. Vaticanum wurde er zum Fest der Hl. Familie. „Stephanus aber, voll Gnade und Kraft, tat Wunder und große Zeichen unter dem Volk. Da standen einige auf von der Synagoge der Libertiner und der Kyrenäer und der Alexandriner und einige von denen aus Zilizien und der Provinz Asien und stritten mit Stephanus. Doch sie vermochten nicht zu widerstehen der Weisheit und dem Geist, in dem er redete. Da stifteten sie einige Männer an, die sprachen: Wir haben ihn Lästerworte reden hören gegen Mose und gegen Gott. Und sie brachten das Volk und die Ältesten und die Schriftgelehrten auf, traten herzu und ergriffen ihn und führten ihn vor den Hohen Rat und stellten falsche Zeugen auf, die sprachen: Dieser Mensch hört nicht auf, zu reden gegen diese heilige Stätte und das Gesetz. Denn wir haben ihn sagen hören: Dieser Jesus von Nazareth wird diese Stätte zerstören und die Ordnungen ändern, die uns Mose gegeben hat. Und alle, die im Rat saßen, blickten auf ihn und sahen sein Angesicht wie eines Engels Angesicht. Er aber, voll heiligen Geistes, sah auf zum Himmel und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus stehen zur Rechten Gottes und sprach: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. Sie schrien aber laut und hielten sich ihre Ohren zu und stürmten einmütig auf ihn ein, stießen ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Und die Zeugen legten ihre Kleider ab zu den Füßen eines jungen Mannes, der hieß Saulus, und sie steinigten Stephanus; der rief den Herrn an und sprach: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! Er fiel auf die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Und als er das gesagt hatte, verschied er.“ (APG 6,8‑15;7,55-60)

Die Apostelgeschichte schildert uns Stephanus als einen geisterfüllten Zeugen des erhöhten Christus. Insonderheit kann ihm niemand in der Diskussion, in der Argumentation für den Glauben an Christus widerstehen. Das scheint allerdings nicht jedem recht gewesen zu sein; unter den „Auslandsjuden“ finden sich denn doch einige, die es nicht lassen können, mit Verleumdung und Hetze gegen ihn zu schüren: Der Vorwurf der Gotteslästerung war zu allen Zeiten eine furchtbare Waffe. Nicht nur, weil er sich kaum widerlegen ließ; er war immer auch eine bequeme Handhabe gegen jene, denen man anders nicht am Zeug flicken konnte. Im alten Europa haben wir uns - Gott sei Dank! - abgewöhnt, angebliche Gotteslästerer auf den Scheiterhaufen zu schicken. Aber sie haben auch unsere christliche Geschichte entsetzlich verdüstert. Und natürlich funktioniert es gegen Stephanus auch; nach dem Prinzip aliquid adhaeret: irgendwas wird schon an ihm hängenbleiben. Er soll das mosaische Gesetz abschaffen wollen? Er soll gar den Tempel niederreißen wollen? Was für ein Frevel!

Vor dem Hohen, aber missgünstigen Rat nützt Stephanus seine Eloquenz nichts. Auch nicht, dass er bereits den Himmel offen sieht, den Auferstandenen zu Seiten Gottes stehen und seine Seele erwarten: Das alles halten sie für eine weitere Gotteslästerung. Wer sich so etwas anhört, macht sich derselben auch schuldig; deshalb halten sie sich die Ohren zu und brüllen ihn nieder.

An dieser Stelle übrigens taucht zum ersten Mal ein Mann auf, der nicht nur den Fortgang der Apostelgeschichte, sondern der Geschichte der Kirche überhaupt beeinflusst hat wie kaum ein anderer - der spätere Apostel Paulus. Wir können uns hier nicht weiter mit ihm beschäftigen; aber hier wird von ihm berichtet, was er selbst auch immer gesagt hat: Er war ursprünglich einer von denen, die im Glauben an Christus eine Verirrung und Gotteslästerung sahen, und hat sie mit aller Schärfe zu bekämpfen gesucht, bis Christus selbst ihn in seinen Dienst genommen hat.

„Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!“ ruft Stephanus; er stirbt betend, ähnlich wie Jesus. Diese Ähnlichkeit ist sicher kein Zufall, sondern von Lukas, dem Verfasser der Apostelgeschichte beabsichtigt. Und auch seine Worte „Rechne ihnen diese Sünde nicht zu!“ ist sicher als Parallele zu Jesus gedacht, der am Kreuz betet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Stephanus hat den Himmel offen gesehen; Gott Selbst und der erhöhte Christus sind bereit, ihn zu empfangen. So gilt er als der erste Glaubenszeuge der Christenheit, der dieses sein Zeugnis mit seinem Blut besiegelt hat. In der Folgezeit sind viele seinem Beispiel gefolgt, die lieber ihr Leben dahingaben, als sich von Gott loszusagen. Die ersten Jahrhunderte des Christentums waren eine blutige Zeit, aber aller Verfolgung zum Trotz war der Siegeszug Christi nicht aufzuhalten. Am Ende blieb dem Römischen Reich nichts anderes übrig, als sich mit ihm zu arrangieren.

Von dem frühen Kirchenvater TERTULLIAN, der freilich gegen Ende seines Lebens die Kirche wieder verlassen hat und einer häretischen Bewegung folgte, ist uns das Wort überliefert: „Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche.“

(Zwischenüberschriften und einige grammatikalisch bedingte Anpassungen – das Original ist eine vor einigen Jahren aus aktuellem Anlass gehaltene Predigtreihe -   von der Redaktion)

 

Buchhinweis: Wilm Sanders

Wilm Sanders: Rom und die Ostkirchen. 35 Schritte auf dem Weg ökumenischer Annäherung.

 Matthias Grünewald Verlag 2017, ISBN 978-3-7867-4009-4

120 Seiten, 17.- €

„Das Schisma der Kirchen von Ost und West, das unglückselige Getrenntsein seit fast 1000 Jahren, ist vor allem durch Entscheidungen und Handlungen der Westkirche entstanden“, so die These dieses Buches. Wilm Sanders begründet sie anhand zahlreicher Stationen aus der schmerzvollen Geschichte der Kirchen, angefangen bei der Betonung des Apostolicums, über das filioque, die Entfaltung päpstlicher Macht und Entscheidungen des Tridentinums bis hin zu den Mariendogmen des 19. und 20. Jahrhunderts. Demgegenüber plädiert er für ein radikales Umdenken in der römisch-katholischen Kirche, um sich als Schwesterkirche zu den Kirchen des Ostens zu empfinden. Er legt 35 Aspekte vor, die kleine Bausteine sein wollen für eine neue Gemeinschaft der Solidarität und Liebe.

Monsignore Wilm Sanders, em. Domkapitular, war von 1977 bis 2010 Geistlicher Rektor sowie Dozent für Theologie und Pastoral an der Katholischen Akademie Hamburg, Von 1995 bis 2010 war er Ökumenereferent des Erzbistums Hamburg. Er ist Leiter des Freundeskreises orthodoxer, katholischer und evangelischer Christen Philoxenia.

Das sehr gut lesbare Buch ist für evangelische Christen nicht nur kirchengeschichtlich interessant, sondern  v. a.  in den Kapiteln über Bischofsweihe als Sakrament, Presbyterialsukzession,, Infallibilität und Jurisdiktionsprimat von Bedeutung auch für die evangelisch-katholische Verständigung.                                                                              H.K.

 

Neues Buch von Hansjürgen Knoche

Hansjürgen Knoche: Theologiekurs für Atheisten und zweifelnde Christen. Informationen zum genaueren Nachdenken.

2017. 136 Seiten. ISBN 978-3-7448-1657-1  Hardcover  15,99  €,   E-Book 5.99 €      

Atheisten, Materialisten und durch „Entmythologisierung“ oder „historisch-kritische“ Exegese verunsicherte Christen unterliegen philosophisch nachweisbaren Selbstwidersprüchen und verkennen die geschichtlichen Tatsachen. Dieses Buch soll neues Nachdenken darüber anregen.

Inhalt:

ERSTER TEIL: PHILOSOPHISCHES: 1  Warum Philosophie?   2 Immanenz und Transzendenz  3 Was kann  Philosophie nützen?  4  Was niemand  leugnen kann  5   Die Bedeutung der ersten Prinzipien  6  Evidenz der ersten Prinzipien  7  Die Frage nach dem Grund von allem  8  Teilursachen  und Totalursache  9  Analogie  10  Zufall  11  Naturgesetze  12  Eine physikalische Amtsanmaßung  13 Eine theologische Amtsanmaßung  14  Das Absolute

ZWEITER TEIL: THEOLOGISCHES: 15  Fundamentaltheologie  16  Das Neue Testament

17  Der, die oder das Gott?   18   Jesus „Menschensohn“    19  Entmythologisierung 20  Die Zeugen  21  Auferstehung  22  Trinität  23  Gott und die Menschenwürde        24  Jesus ja, Kirche nein?      25  Petrus  26 Maria  27  Gottesbeweise.

 

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Verfasser dieses Heftes: Dr. Hansjürgen Knoche (s. o.). Rev. Walter J. Pehl SJB, Ella-Kay-Str. 14, 10405 Berlin

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Hinweise: Friedrich Schorlemmer, Christian Wolff: Reformation in der Krise. Wider die Selbsttäuschung – Ein Memorandum zum Reformationsfest 2017. In: www.wolff-christian.de  und KNA-ÖKI 37, 12. Sept. 2017, Dokumentation. Druckexemplar bestellbar bei info@christian-wolff.de. - Berliner Erzbischof Kardinal Woelki sieht keine ökumenischen Fortschritte durch das Lutherjahr, eher weitere Trennungen in ethischen Fragen und keine mögliche Abendmahlsgemeinschaft. KNA-ÖKI 39, 26. 09. 2017