Bausteine für die Einheit der Christen

Heft 207, 2018, 58. Jahrgang Ostern – Pfingsten 2018

Inhalt

Sind wir noch das Salz der Erde?. 2

Reformation nach fünfhundert Jahren -  wie soll es weitergehen?. 3

Ökumenische Maiandacht 5

Der Lutherjubel ist verhallt, die Probleme bleiben. 10

Eine Predigt zu Fronleichnam.. 15

Märtyrer und Heilige. 17

Jesus „Menschensohn“: Unser Bruder und Herr 23

Wer war schuld? Verfolgung, Prozess und Hinrichtung Jesu rechtfertigen keinen Antisemitismus  25

Blick in die Ökumene. 29

Impressum.. 30

 

 

 


 

Sind wir noch das Salz der Erde?

Liebe Schwestern und Brüder, wir fühlen uns als Christen in unserer heutigen Gesellschaft immer mehr als Minderheit. Das darf uns aber nicht entmutigen. Jesus bezeichnet uns als „das Salz der Erde“ (Mt 5,13). Das ist nicht nur ein Ehrentitel, sondern eine Aufgabe. Bei ihr dürfen wir nicht schwach werden, denn  „wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten“. Jesus nimmt ein symbol­trächtiges Bild des Alten Testaments auf. Salz spielt eine wichtige Rolle beim Opferri­tual: „Alle deine Speisopfer sollst du salzen, und dein Speisopfer soll niemals ohne Salz des Bundes deines Gottes sein; bei allen deinen Opfern sollst du Salz darbringen“ (3 Mo 2,13). Das Salz ist ein rituelles Zeichen für den Bund Gottes mit seinem auserwähl­ten Volk und den Auftrag seiner Priester. Zu den Vorrechten, die er den Priestern und Leviten für ihre besonderen Aufgaben einräumt, sagt  Gott: „Das soll ein Salzbund sein für immer vor dem Herrn für dich und für dei­ne Nachkommen mit dir“ (4 Mo 18,19).

Die sinnbildliche Bedeutung der Salzverwen­dung ergibt sich aus Eigenschaften, die be­sonders für die antike Wirtschaft wichtig waren: Salz würzt nicht nur, sondern es konserviert auch (man denke an das Ein­pökeln) und es ist feuerbeständig. Es sorgt dafür, dass das Gesalzene schmeckt und nicht verdirbt. Die Salzlager am Toten Meer enthalten nicht nur Kochsalz, sondern auch andere wichtige Mineralien. Salz kann al­lerdings auch über die Jahre hinweg durch Regen seine Salzkraft verlieren („fad“ wer­den) und dadurch wertlos werden.

Auf uns angewendet, bedeutet das Salz­wort: Unser Auftrag dient zur Reinigung und Bewahrung der Welt und soll die Menschheit durchdringen, wie der Salz­geschmack die gewürzte Speise durch­dringt. Deshalb wird auch gesagt: „Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt“ (Kol 4, 6) und: „Denn jeder wird mit Feuer gesalzen werden“ (Mk 9, 49). „Habt Salz bei euch und habt Frieden unter einander!“ (Mk 9, 50) wird den Jüngern aufgetragen, d. h. sie sollen konserviert werden vor dem Bösen, sie sollen durchhalten in den Nöten der Welt, wie das Salz im Feuer durchhält und sie sollen den Frie­den unter sich und  um sich verbreiten, wie sich die Salzmoleküle in einer gesalzenen Speise verbreiten.

Salz ist aber, verglichen mit dem, was damit gewürzt oder kon­serviert wird, immer nur eine sehr kleine Menge. Mit dem Salz­wort wird uns also auch ge­sagt: Ihr werden euren Auftrag als Min­derheit in der Welt erfüllen müssen, ihr könnt nicht mit der großen Menge gehen und euch nicht beliebig dem Zeitgeist und den wechselnden Moden der Welt anpassen (unseren Landeskirchen ins Stammbuch geschrieben, z.B. in Sachen „Ehe für alle“).

Vorstand, Redaktion und Geschäftsstelle wünschen eine gesegnete Osterzeit.                                                                                          H.K.

 

Reformation nach fünfhundert Jahren -  wie soll es weitergehen?

Wilhelm Schmitzdorff

[aus: Rundbrief der evangelisch-lutherischen Communität St. Marien  Nr. 294, Advent/Weihnachten, 25. Dezember 2017.  Freie Vereinigung von Mitgliedern der Ev.-Luth. Landeskirche Hannovers mit täglicher Feier der Ev. Messe nach der Luth. Agende I, Stundengebet, Beichte, Firmung, Krankensalbung und einer Gemeinschaft von Mädchen und Frauen, die Jungfräulichkeit bis zur Ehe geloben.]

„GOTT hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan, wie er es gnädig im Voraus bestimmt hat... in CHRISTUS alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist“ (Epheser 1,9). Im Hohenpriesterlichen Gebet bittet Jesus den Vater: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (Johannes 17, 21). Und noch einmal: „Ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast; denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir..., damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich“ (Johannes 17, 22.23).

Die zehnjährige Vorbereitung, die „Lutherdekade“, habe ich verfolgt, so gut ich es vermochte. Mir ist wieder klar geworden, wie reich Gott uns beschenkt hat: mit der in ihrer sprachlichen Kraft unübertroffenen Bibelübersetzung, mit einer Fülle herrlicher, den Glauben stärkender Lieder, mit einzigartiger geistlicher Musik (wie die von J. 5. Bach), mit vielen treuen Zeugen Christi, überragenden wissenschaftlichen Werken und großen Anstalten der barmherzigen Liebe.

Ein tiefer Eindruck ist mir geblieben von dem Buß-und Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim im Beisein höchster Repräsentanten des Staates und von Kardinal Koch vom Rat für die Einheit der Christen. Kardinal Marx und der Ratsvorsitzende Bedford-Strohm haben sich umarmt. Ich fand es überzeugend.

Was uns verbindet, ist mehr, als was uns trennt, sagen die einen. Die Unterschiede sind größer geworden seit Beginn der offiziellen Gespräche vor fünfzig Jahren, sagen die andern. Ich denke, beides trifft zu. Da gilt der alte kirchliche Grundsatz: Im Notwendigen Einheit, in Zweifelsfällen Freiheit, in allem Liebe. So bleibt die Frage, worin denn die wirklich trennenden Gegensätze bestehen und wie sie versöhnt werden können, denn schon jetzt fordern viele Abendmahlsgemeinschaft ohne Glaubensgemeinschaft und ohne Kirchengemeinschaft, was auch nach lutherischem Verständnis nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich ist.

Josef Kardinal Ratzinger, damals Präfekt der Glaubenskongregation, hat vor der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre (1999) einen überaus herzlichen, fast ganzseitigen Leserbrief in der FAZ untergebracht: „An unsere lieben lutherischen Freunde“. Darin hat er seine Freude über die Fortschritte im Gespräch betont, aber hervorgehoben, dass die Erklärung zur Rechtfertigungslehre nicht ausreicht, um die Einheit der Kirche im Glauben feststellen zu können. Der entscheidende Punkt: Ihr habt die Messe und das apostolische Amt nicht bewahrt. Das ist es.

Gefehlt hat in der zehnjährigen Vorbereitung auf das Reformationsgedenken eine Besinnung auf die Bekenntnisschriften der Luth. Kirche, die der Niederschlag des reformatorischen Glaubens sind. Sie wollen Ausdruck des Glaubens der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche sein (Schluss der Confessio Augustana) und sind in einem hohen Maße verbindlich. Bei Einführung ins Pfarramt habe ich folgende Verpflichtung unterschrieben: „Ego subscriptus sancte promitto, me in proponendis christianae religionis veritatibus normam Librorum Sybolicorum esse secuturum.“ (Ich, der Unterzeichnete, gelobe, dass ich beim Darlegen der Wahrheiten der christlichen Religion der Norm der Symbolischen Bücher folgen werde.) Bei einer Besinnung auf die Symbolischen Bücher hätte man im Augsburgischen Bekenntnis gefunden, dass die Messe bei uns beibehalten und mit größerer Andacht und Ernst gehalten wird denn bei den Widersachern. Auch ist in den Zeremonien (der Messe) keine merkliche Änderung geschehen (Art. xxiv). Ähnliches gilt von dem Amt der Kirche. In Luthers Großem Katechismus hätte man gefunden, dass der Priester täglich am Altar stehen und das Abendmahl austeilen soll, diesen großen Schatz, so man täglich unter den Christen handelt. Diesen „Schatz im Acker“ müssen wir ausgraben - und wenn es hundert Jahre dauerte.

Die Reformation muss von den Bekenntnisschriften her verstanden werden, von den kirchlichen „Symbolen“ her, nicht von den privaten Meinungen damaliger oder heutiger Theologen.

Die vollkommene Einheit im Glauben ist möglich, davon dürfen wir überzeugt sein, weil GOTT sie will und es nicht vorstellbar ist, dass das Gebet Jesu unerhört bleibt - es sei denn, wir wollen das Gnadengeschenk der Einheit gar nicht. Bitten wir Gott um die Liebe zur einen Kirche. Das Leben in der Gespaltenheit ist nicht nur ein schreckliches Unglück, das zu Streit, Krieg und Glaubensabfall geführt hat - in ihr bleiben zu wollen, wäre Sünde.

Fassen wir darum einen geistlichen Vorsatz: Lesen wir die Bibel, sie ist das Buch des Lebens, greifen wir nach dem Gesangbuch und singen wir, beten wir täglich Glaubensbekenntnis, Vaterunser und Angelus und gehen wir, so oft es uns möglich ist, am Sonntag treu zum Gottesdienst.

Der Sonntag ist der Tag des HERRN (Offenb. 1, 10).

Ave Maria gratia plena. „Wer will Maria jetzund selig preisen? Juden, Türken, Heiden, Heuchler und falsche Christen tun es freilich nicht. Deshalb tun Unrecht, die vor großer Weisheit und Heiligkeit nicht leiden können, dass man das Ave Maria spreche. - Wahr ists, es ist kein Gebet, es ist aber ein Gruß, darin die heilige Dreifaltigkeit Maria hat grüßen lassen. Hat es nun der heiligen Dreifaltigkeit gefallen, warum wollen wirs verachten? - Zum ersten lernen wir daraus den Anfang unsers Heils und Erlösung. Zum andern sehen wir, wie große Gnade Gott Maria verliehen hat. Zum dritten werden wir aus solchen Gnaden und Werken Gottes auch entzündet und verursachet, Gott zu bitten, daß er uns auch ein Fünklein seiner göttlichen Gnaden mitteilen wolle.“ (Aus einer Vorrede Martin Luthers, 1542).

 

 

Ökumenische Maiandacht

Volkmar Walther

Wiedererinnerung

Es ist eine ökumenische Tradition, während der Passionszeit den Kreuzweg mit römisch-katholischen Christen zu beten. Solche Kreuzwegandachten sind keine Seltenheit mehr (z.B. der „Ökumenische Jugendkreuzweg“). Da gibt es keine tiefgreifenden kontroverstheologischen Probleme zwischen den Konfessionen, die sich hindernd auswirken könnten. Anders scheint dies bei der „Maiandacht“, einer typisch römisch-katholischen Andachtsform zu sein. Sie würde evangelischerseits Verwunderung oder gar Widerspruch hervorrufen. Deshalb stellt es schon ein Wagnis dar, dieses Thema auf die ökumenische Tagesordnung zu setzen bzw. in der Praxis zu verwirklichen. Obwohl auf mariologischem Gebiet teilweise noch Kontroversen bestehen, darf dies für uns Evangelische kein Grund sein, das Thema „Maria“ ad acta zu legen und weiterem Vergessen zu überlassen. Es sollte Anlass zur Neubesinnung sein, „Maria ist nicht nur ‘katholisch', sie ist auch 'evangelisch’. Protestanten vergessen das leicht“[1] „Eine Kirche, die evangelisch sein will, kann an Maria nicht vorbei.“ [2] Leider ist diese Wahrheit in der evangelischen Frömmigkeit im Laufe der Zeit, bedingt durch eine auf römisch-katholischer Seite übertriebene marianische Volksfrömmigkeit, den Rationalismus und Liberalismus, wie auch staatliche Willkür [3] auf evangelischer Seite stark zurückgedrängt worden. Das Bild, welches evangelische Christen weithin von Maria haben, hat sich ja nicht geformt an den Zeugnissen der Reformatoren über sie, sondern an den Vorstellungen, welche die Aufklärung von den Reformatoren bot. Doch ist eine evangelische Marienverehrung immer vorhanden gewesen. [4] In der Heiligen Schrift, im Gottesdienst, im Verlauf des Kirchenjahres und in unserem Gesangbuch wird der Name Mariens genannt. Manche unserer Gotteshäuser tragen ihren Namen, auf zahlreichen Bildwerken und Glasfenstern aus alter und neuer Zeit finden wir Szenen des Marienlebens dargestellt. Für uns evangelische Christen bedürfen sie der Deutung, wenn sie sich erschließen sollen. Dann aber können sie oft Anregungen für die persönliche Frömmigkeit geben. Durch den ökumenischen Dialog mit Christen anderer Konfessionen, nicht zuletzt auch durch die Begegnung mit der Orthodoxie, wurde uns Maria und eine entsprechende Marienfrömmigkeit erneut vor Augen gestellt. Wertvolle Impulse lieferten dazu unter anderem die Mariologischen Kongresse, wie etwa in Kevelaer (1987) [5], wo ökumenische Erklärungen verabschiedet wurden, wie auch eine gemeinsame Tagung der Katholischen Akademie in Bayern und der Evangelischen Akademie Tutzing (1983), die sich mit dem Thema „Zwischen Verehrung und Vergessen -  Maria in Theologie, Frömmigkeit und Kirche“ [6] befasste.

Von besonderer Bedeutung für Lutheraner ist ein - evangelischerseits allerdings wenig beachtetes - Arbeitspapier „Maria - Evangelische Fragen und Gesichtspunkte. Eine Einladung zum Gespräch“ [7]. Auf praktisch - liturgischem Gebiet machte man bereits in den Jahren 1926 und 1930 Versuche, Andachten und  Gottesdienste zu feiern, welche Maria zum Thema hatten. In neuerer Zeit sei auf die schon erwähnte Tagung in Tutzing (1983), wo man sich in der katholischen Tutzinger Pfarrkirche zu einem „ökumenischen Marienlob“ versammelte [9], und den ökumenischen Abendgottesdienst am 25.1.1987 in der Leipziger Thomaskirche mit der Kantate „Ein evangelisches Marienlob“ von Bernt von Heiseler verwiesen.

Neue ökumenische Praxis

Die Anregung zu einer ökumenischen Maiandacht kam durch eine Notiz im Informationsdienst „Einheit der Christen in Hamburg“ (1985) [10]. Auf Anfrage teilte der Seelsorger von St. Joseph in Hamburg-Wandsbek mit: „Ökumenische Maiandachten sind bei uns schon eine Tradition: ich glaube, ich war der erste in Hamburg, der die Anregung gab und einen solchen Plan in die Tat umsetzte. ...Die Predigt hält in der katholischen Kirche ein evangelischer oder baptistischen Bruder, in der evangelischen Kirche ein katholischer oder orthodoxer Bruder. Nach der Maiandacht ist immer ein gemeinsames Treffen im Gemeindehaus.“ Anknüpfend an die Hamburger Praxis wurde in Absprache mit Weihbischof Weinhold, Dresden, und dem Ev.-Luth. Landeskirchenamt Sachsens das Modell einer ökumenischen Maiandacht erarbeitet, welches nach Genehmigung durch das Landeskirchenamt erstmals am 1. Mai 1988 mit katholischen und evangelischen Christen in der St. Wigberti-Kirche zu Werningshausen/Thüringen [11] und anschließend auch in anderen Gemeinden praktiziert wurde. Im Jahre 1988 berichteten davon die beiden in der damaligen DDR erscheinenden katholischen Kirchenzeitungen. [12] Leider weigerten sich zunächst die evangelischen Kirchenzeitungen davon Kenntnis zu nehmen. Umso erstaunlicher war es, dass etwas später in der Magdeburger Ausgabe der evangelischen Wochenzeitung „Die Kirche“ [13] über die ökumenische Maiandacht informiert wurde. Inzwischen wurde in verschiedenen Publikationen [14] das Modell einer ökumenischen Maiandacht vorgestellt, welches sich an dem Buch von Theo Schmidkonz [15] orientiert und dem die Andacht „An mir geschehe dein Wort“ zugrunde gelegt ist.

Maiandacht in Dresden

Nachdem die ökumenische Maiandacht an verschiedenen Orten, wie etwa in Erfurt [16] oder Marienborn [17] gefeiert wurde, machte ich im Juli 2015 den Vorschlag, in Dresden abwechselnd sowohl in der Frauenkirche als auch der Kathedrale (Kath. Hofkirche) das Marienlob auf ökumenische Weise zu begehen, zumal die Gottesmutter die Namenspatronin der Frauenkirche ist und es angemessen wäre, Maria in Form eines ökumenischen Gottesdienstes zu gedenken. Auf meine Initiative hin, bekam ich im September 2015 von der „Stiftung Frauenkirche“ zur Antwort: „Mit Interesse haben wir Ihre Hinweise bezüglich Ihres ökumenischen Engagements in Sachen 'Maiandacht' gelesen. Es ist unsere große Hoffnung, dass Ihre Impulse, vermittelt durch die Publikation im St.Benno-Verlag 'Maria, Mutter Gottes, bitte für uns... -Neue Maiandachten' eine große Beachtung im deutschsprachigen Raum erfahren. Die Dresdner Frauenkirche steht in einem direkten ökumenischen Verbundnetz, insbesondere mit der Römisch-katholischen Kirche sowie der Anglikanischen Kirche. ökumenische Gottesdienste haben eine starke Verwurzelung in der aus der Geschichte von Zerstörung und Wiederaufbau geprägten Beziehung der Frauenkirche nach Coventry und Gostyn. Für das verbleibende Jahr 2015 und für das folgende Jahr sind auch im Rahmen der Lutherdekade und des Themenjahres 'Reformation und die Eine Welt' die Gottesdienstplanungen weit vorangeschritten. Wir bitten Sie daher um Verständnis, dass wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt das von Ihnen angesprochene ökumenische Projekt nicht umsetzen können.“ Dann  wandte ich mich mit meinem Anliegen an den Pfarrer der evangelischen Dresdner Kreuzkirche, Holger Milkau, der zusagte, daran mitzuwirken. Großes Entgegenkommen kam von Domkapitular Norbert Büchner, dem Dompfarrer der kath. Kathedralgemeinde. So konnte erstmalig am 18. Mai 2016 in Dresden eine ökumenische Maiandacht in der Kathedrale unter Mitwirkung der Dresdner Kapellknaben gefeiert werden Im Gedenkjahr der Reformation 2017 fanden in Dresden ökumenische Maiandachten am 1. Mai in der Pfarrkirche Herz-Jesu und am 17.Mai in der Kathedrale St. Trinitatis statt. Neben der Kreuzkirchgemeinde und der Kathedralgemeinde war erstmals auch die russisch-orthodoxe Gemeinde beteiligt. Dazu schrieb Dompfarrer Büchner in der Mai-Ausgabe des Gemeindeblattes der Domgemeinde Dresden: „Auch das ist im Jahr des Reformationsgedenkens möglich. Wir feiern am 17. Mai um 18.00 Uhr in der Kathedrale eine ökumenische Maiandacht. Was ist das denn? Christen unterschiedlicher Konfessionen treffen sich zu einer Andacht, die sonst mehr in der katholischen Kirche beheimatet ist und bei der Maria, die Mutter Jesu, im Mittelpunkt steht. Im Monat Mai pflegt die katholische Kirche in den sogenannten Maiandachten, Akzente des Lebens Mariens besonders in den Blick zu nehmen. Maria in ihrer Lebens- und Glaubensentscheidung sich vor Augen zu stellen und als Vorbild einer christlichen Existenz für uns auch heute als beispielhaft wahr und anzunehmen, scheint ja nicht nur ein rein katholisches Merkmal zu sein. Maria, die in der Heilsgeschichte Gottes mit uns Menschen eine besondere Rolle spielt und in der gesamten christlichen Tradition einen besonderen Platz einnimmt, darf auch interkonfessionell ins Wort und Gebet gehoben werden. Volkmar Walther, Pfr.i.R., Holger Milkau, Pfarrer der Kreuzkirche, Roman Bannack, Diakon der russisch-orthodoxen Gemeinde und Dompfarrer Norbert Büchner werden am 17. Mai gemeinsam mit dem Gemeindechor der Dompfarrei eine solche Andacht gestalten. Sicherlich gibt es in den christlichen Konfessionen ganz unterschiedliche Ansätze und Herangehensweisen im Umgang mit Maria. Und dennoch werden die Unterschiede in allen christlichen Bekenntnissen nur ein Gemeinsames haben können, nämlich die Menschen über Maria zu Christus zu führen und in Maria die eigene Berufung im Plan Gottes entdecken zu lernen. Etwas, was wohl alle Bekenntnisse verbindet und was letztlich wohl auch das Anliegen Mariens war. Maria will uns damals wie heute Jesus entgegenhalten.“

 

 

Marienlob und Lob Christi

 Marienlob ist eingebettet in das Lob Jesu Christi. Er ist der Herr der Kirche. Maria ist das Urbild der Kirche. An ihr erkennen wir, wie Gott zu uns steht. So nahe, so zugewandt, so treu ist unser Gott. Martin Luther beschließt die Auslegung des Magnifikat mit einem Gebet: „Damit lassen wir es diesmal bewenden und bitten Gott, der da nicht allein leuchte und rede, sondern brenne und lebe in Leib und Seele, das verleihe uns Christus durch Fürbitte und um seiner lieben Mutter Maria willen. Amen.“

Anmerkungen

[1] Evangelischer Erwachsenenkatechismus, Gütersloh 1975,392 – [2] Landesbischof Johannes Hanselmann (München) im Vorwort zu Helmut Lamparter, „Maria-die Magd des Herrn“, Gießen/Basel 1988, 6. – [3] Ramge, Kar1.:Die Gottesmutter im Gottesdienst des Luthertums, in: Die Hochkirche 13 (1931) 231ff. – [4] Tappolet, Walter: Das Marienlob der Reformatoren, Tübingen 1962 – [5] Ökumenische Erklärung des X. Mariologischen Kongresses Kevelaer (11.-17.9. 1987), in: Una Sancta 42/4 (1987) – [6] Beinert, Wolfgang: Maria - Eine ökumenische Herausforderung, Regensburg 1984 – [7] Dieses Arbeitspapier wurde für den Catholica-Arbeitskreis der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und des Deutschen Nationalkomitees (DNK) des Lutherischen Weltbundes (LWB) vom Lutherischen Kirchenamt der VELKD herausgegeben, in: Una Sancta 37/3 (1982) – [8] Davon berichtet Pfr. Johannes Meusel von der Ev.-Luth. Kirche Klösterlein Zelle in Aue (Erzgeb.), in: Die Hochkirche 8/4 (1926), wie auch Professor Friedrich Heiler, Evangelische Marienandachten im Advent, in: Die Hochkirche 12/12 (1930). In beiden Beiträgen ist auch die liturgische Ordnung veröffentlicht. – [9] Herntrich, Hans-Volker: Neue Zugänge zur Gottesmutter Maria, in: Lutherische Monatshefte 22/6 (1983) – [10] 7.5.1985: Ökumenische Maiandacht in St. Joseph, Wandsbek; 6.5. 1986:ökumenische Maiandacht in der Emmauskirche (ev.); 3.5. 1988:ökumenische Teilnahme an der Mai-Andacht der Dominikaner in der St. Sophienkirche. Vgl. „Einheit der Christen in Hamburg“, Jahrgänge 13, 14, 16 (1985/1986/1988), jeweils I. Quartal. – [11] So berichtet Franz Schwarz, der Prior der Ev.-Luth. St. Wigberti Bruderschaft, der gleichzeitig auch Pfarrer von Werningshausen ist, von einem ökumenischen Gottesdienst besonderer Art: „Nun, ich glaube, diese ökumenische Maiandacht war eine gute, gelungene Sache. Die Kirche war gefüllt. Evangelische und katholische Christen beteten und sangen gemeinsam und kamen sich dadurch ein Stück näher. Wo geschieht das sinnvoller als beim gemeinsamen Gotteslob?“, in: Helga Mondschein, Lebendige Steine. Vom Leben und Wirken der St. Wigberti - Bruderschaft. Werningshausen 1989 (als Manuskript gedruckt). – [12] Walther, Volkmar: Ökumenische Maiandacht. Ein evangelischer Beitrag zum Marianischen Jahr, in: St. Hedwigsblatt 35/20 (1988); ders. Ein evangelischer Beitrag zum Marianischen Jahr, in: Tag des Herrn 38/13 (1988) – [13] Gottschalk, Hans: Maria - konfessionstrennend? Eine ökumenische Maienandacht. in: Die Kirche (Magdeburger Ausgabe) 44/25 (1989) – [14] 1. Liturgie Konkret, Regensburg 2/1990, 1 ff.

2. Pastoralblätter, Stuttgart 4/1997, 231 ff; 3. Anzeiger für die Seelsorge, Freiburg 5/2000, 230 f ; 4. Tag des Herrn, Leipzig Nr. 18 vom 4. Mai 2008; 5. „Maria Mutter Gottes, bitte für uns... - Neue Maiandachten“, Leipzig 2015, 42 – 49; 6. Quelle: Internetseiten des Bistums Dresden - Meißen. – [15] Schmidkonz, Theo: Maria - Gestalt des Glaubens. Maiandachten, Leipzig 1987, 35 ff. – [16] „Zehnte ökumenische Maiandacht“: „Maria ist nicht nur katholisch“ hatte der TAG DES HERRN am 4. Mai geschrieben. Dies sehen seit langem auch Erfurter Christen so und treffen sich deshalb am 6. Mai erneut in der evangelischen St. Gotthard - Kirche von Erfurt - Marbach zu einer traditionellen Maiandacht. Seit genau zehn Jahren beten und singen Mitglieder der katholischen Dom- und Severigemeinde im Marien-Monat gemeinsam mit evangelischen Christen des Ortsteiles Marbach das Gotteslob und gedenken dabei in Predigt und Meditation auch der Mutter des Herrn. Etwa 130 Gemeindemitglieder beteten geneinsam mit ihren Pfarrern Christian Gellrich (Domberg) und Ricklef Münnich (Marbach). In: Tag des Herrn, Leipzig Nr.21 vom 25.Mai 2008. – [17] Ökumenische Maiandacht: Zu einer ökumenischen Maiandacht sind alle Christen am 1. Mai, zur Wallfahrtskirche in Marienborn eingeladen. In: Tag des Herrn, Leipzig Nr. 18 vom 1. Mai 2016.

Buchhinweis

Maria, Mutter Gottes, bitte für uns... -Neue Maiandachten- St. Benno Verlag Leipzig 2016/2017

Seit Jahrhunderten wird Maria als Glaubensvorbild von den Christen verehrt. Gemeinsam mit der Römisch-Katholischen Kirche bekennen Christen ev.-luth. Bekenntnisses, dass Gott durch Maria, die Mutter Jesu ein unübersehbares Zeichen seiner Ghade gesetzt hat. Maria ist, wie es der Ev. Erwachsenenkatechismus (1975) betont, nicht nur katholisch, sondern auch evangelisch. „Protestanten vergessen das leicht“. „Eine Kirche, die evangelisch sein will, kann an Maria nicht vorbei“, sagt der ev. Landesbischof Johannes Hanselmann (München). Denn Kirche kann nicht ohne Maria sein. Maria ist, wie Papst Franziskus immer wieder betont, „das Herz und der Ursprung der Kirche und die Mutter der Barmherzigkeit.“

Die vorliegenden Maiandachten meditieren die wichtigsten Zeugnisse über Maria in der Heiligen Schrift. Sie bringen uns die Gottesmutter in Gebeten, Meditationen, Fürbitten, traditionellen Gesängen und Liedern aus dem neuen Gotteslob näher. Dabei kommt auch das Anliegen für ein ökumenisches Marienlob zur Geltung, das im Modell von Volkmar Walther für eine „ökumenische Maiandacht“ aufgegriffen wird. (42 -49). Die vorliegenden Maiandachten haben sich in der Praxis bewährt und bilden so eine willkommene Hilfe sowohl beim persönlichen Gebet als bei der Andacht in Gemeinschaft.

Der Lutherjubel ist verhallt, die Probleme bleiben

Hansjürgen Knoche

 

Ein realistisches Urteil

Pflichtgemäßen Jubel hat es genug gegeben. Nun wurde es Zeit, dass eine kompetente katholische Autorität  auf die bleibende ökumenische Realität hinweist. Der Kölner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki  sieht keine wesentlichen ökumenischen Fortschritte, die das Lutherjahr gebracht hätte. Bei aller  gegenseitigen Wertschätzung, gewissen theologischen Konvergenzen und gemeinsamen Projekten von Caritas, Diakonie und Bildungsarbeit hat nach seiner Einschätzung der Abstand zwischen den Konfessionen eher  zugenommen. Er bezieht sich besonders auf zunehmende Meinungsverschiedenheiten in moraltheologischen und sozialethischen Fragen etwa beim Embryonenschutz,  der „Ehe für alle“, bei Abtreibung oder Sterbehilfe. Das protestantische Modell einer „versöhnten Verschiedenheit“ der Konfessionen habe letztlich kaum Fortschritte gebracht. Grundlegende Unterschiede  in „sich wechselseitig bereichernde Dimensionen“ umdeuten zu wollen, bezeichnet er als „Etikettenschwindel“. Auch das Ziel einer eucharistischen Gemeinschaft sei nicht näher gerückt. Man könne sich nicht gegenseitig zum Abendmahl bzw. zur Eucharistie einladen, solange es kein gemeinsames christliches Bekenntnis gibt. Der protestantische Begriff „eucharistische Gastfreundschaft“ erwecke „die abwegige Vorstellung, dass der Einladende nicht Christus, sondern eine Konfessionsgemeinschaft“ sei. (Quelle: Herder Korrespondenz, zit. n. KNA-ÖKI  39, 26. 9. 2017, S.8). Auch in der Deutschen Bischofskonferenz sind die Bewertungen keineswegs einheitlich (M. Jacquemain/N. Zonker, „Grundwasserspiegel gestiegen“, KNA-ÖKI 40, 4. 10. 2017 S. 3).

Dogmatische  Realitäten

Die von Kardinal Walter Kasper herausgegebene Dokumentation „Harvesting the Fruits“ (2009), deutsche Ausgabe „Die Früchte ernten“ (2011) ist  wegen seiner ökumenischen Feinfühligkeit und Irenik das beste Zeugnis für die tiefgehenden Lehrdifferenzen, die sich im lutherisch-katholischen Dialog immer noch zeigen und meist sogar als nicht verhandelbare Bestandteile des protestantischen „Profils“ gelten.     

Jesus Christus und die Trinität:

Ein gemeinsames Grundverständnis des Evangeliums von Jesus Christus wird festgestellt. Es gelten die gemeinsamen altkirchlichen Glaubensbekenntnisse, und  gemeinsame fundamentale Überzeugungen über Christus, die Trinität und das Heilswerk der göttlichen Personen. Das alles wurde ja auch von der Reformation nicht bestritten. Sofort melden sich aber die Differenzen über das Verhältnis von Evangelium und Kirche und die Verbindlichkeit der Glaubensbekenntnisse. Von lutherischer Seite werden sie als Bekenntnisse und Zeugnisse verstanden, die nur gültig sind, insofern sie in Übereinstimmung mit der Heiligen Schrift stehen. Sie sind (ständig neu!) an der Schrift zu prüfen. Die jeweilige Exegese entscheidet also darüber, was in den Glaubensbekenntnissen verbindlich ist. Man denke an die jahrzehntelang in Gottesdiensten gebrauchte Formulierung „wir bekennen den Glauben mit den Worten unserer Väter“. Aber auch bei prinzipieller Anerkennung der Glaubenserkenntnisse werden immer wieder einzelne Teile wie zum Beispiel die jungfräuliche Geburt Jesu, sogar seine Gottheit oder die körperliche Auferstehung bestritten. Daraus ergeben sich für den Dialog weitere grundsätzliche Fragen über die theologischen Hermeneutik und Bibelkritik.

Erlösung, Rechtfertigung, Heiligung:

Hierzu wird zunächst auf die Einigung in der Gemeinsamen Erklärung und Feststellung über die Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre hingewiesen. Offen ist aber die Frage der Ablässe, die Bedeutung des Satzes „gerecht und Sünder zugleich“, die Rolle der Buße im christlichen Leben, die menschliche Mitwirkung bei der Rechtfertigung und die Stellung der Rechtfertigungslehre in der Gesamtheit des Glaubens (lutherisch  ist  sie das Kriterium für alles andere, katholisch steht sie im Kontext des gesamten Glaubens und kann nur so richtig verstanden werden). Hingewiesen wird in diesem Zusammenhang auch auf grundlegende Divergenzen in Fragen der christlichen Ethik, über die Frucht der Rechtfertigung und das neue Leben aus Gnade. Hieraus ergeben sich Divergenzen über die Ethik der Ehe und Familie, der menschlichen Sexualität und neueren Fragen der Bioethik. Aber auch grundlegende Fragen der sozialen Ethik und der Definition von Menschenwürde bleiben zwischen den Kirchen offen, z. B. der unbeschränkte Schutz des menschlichen Lebens von der der Empfängnis bis zum natürlichen Ende und die Einstellung zur Homosexualität.

Wesen und Sendung der Kirche:

Offen bleiben  Probleme wie die Teilhabe der Gläubigen am Wort Gottes und am Sakrament, besonders der Eucharistie, die Ausübung eines universalen Amtes der Einheit, das Verhältnis zwischen geistlichem Amt und Kirchenvolk und zwischen Männern und Frauen in der Kirche.

Die Quelle der Autorität in der Kirche:

 Ungelöst bleibt  das entscheidende Problem, was der Vorrang der Schrift konkret bedeutet  und wie dies  zusammengebracht werden kann mit dem Träger (Subjekt) der Tradition im umfassenden theologischen Sinn. Hier zeigten sich erneut die fundamentalen hermeneutischen Probleme.

Das Amt in der Kirche:

Das geistliche Amt wird zwar als die Fortsetzung der Sendung und des Amtes Christi verstanden, aber das Problem der Frauenordination überschattet alle bisher erzielten Konvergenzen. Übereinstimmung besteht darüber, dass das Amt personal, kollegial und gemeinschaftlich auszuüben ist. Ungelöst bleibt aber die Frage nach der konkreten Form des geistlichen Amtes und seiner Sakramentalität im katholischen Verständnis. Trotz gewisser Annäherungen und gemeinsamer Positionen in der Frage der Beziehung zwischen successio fidei und successio personae bleibt weiterhin die Frage des Episkopats und der apostolischen Sukzession offen. Annäherungen bestehen über die Notwendigkeit eines Amtes der episcopé, aber noch kein Konsens über die Dreigliedrigkeit des Amtes, besonders die Unterscheidung zwischen dem Bischofsamt und den anderen Ämtern. Das Verständnis der sakramentalen Ordination und des Unterschieds zur Beauftragung mit anderen Ämtern in der Kirche bleibt offen. In der Frage des Petrusamtes gibt es bisher nur ein sachlicheres Diskussionsklima und neue biblische Annäherungen in einigen Einzelpunkten. Ein wirklicher Konsens ist nicht in Sicht. Die historischen Konflikte um die Unfehlbarkeit und die Teilnahme der Laien im Prozess der Bestimmung und Klärung der Wahrheit des Evangeliums im autoritativen Lehrverfahren der Kirche bleiben offen.

Differenzen im Menschenbild

Weder Leibfeindschaft noch Leibvergötzung:

Andererseits muss das Christentum heute aber auch allen Tendenzen der einseitigen Leibverherrlichung oder Leibvergötzung entgegentreten, wie wir sie etwa in dem von der heutigen kommerziellen Werbung künstlich hervorgerufenen Jugendlichkeitskult und im Sexwahn finden. Die  Konflikte in Fragen der Ethik von Leiblichkeit und Geschlechtlichkeit, die heute die Kirchen trennen, können nur auf der Grundlage einer tieferen bibel- und fundamental-theologischen Besinnung überwunden werden. Daraus ergibt sich  eine ethische Bewertung  des Verhältnisses zwischen Mann und Frau, die sich von der heute in unserer Gesellschaft gängigen Durchschnittsmoral grundsätzlich unterscheidet.  Viele Christen verstehen unter christlicher Moral nichts anderes mehr als die Durchschnittsmoral in unserer Massengesellschaft. Christliche Wertordnung ist aber vorgegeben in der natürlichen Schöpfungsordnung. Christliche Ethik ist deshalb naturrechtlich begründet. Die Geschlechtlichkeit muss in die Ganzheit der menschlichen Person integriert werden, wozu die Tugend der Selbstbeherrschungen nötig ist. In diesem Sinne ist jeder Getaufte zur Keuschheit berufen und muss die Unkeuschheit meiden, wobei unter Unkeuschheit die Lösung des Geschlechtlichen von der Hinordnung auf Liebe und Ehe, Offenheit für die Weitergabe des Lebens und Wahrung der Menschenwürde verstanden wird. Alle dagegen gerichteten Praktiken entsprechen diesen Maßstäben nicht. 

Christliche Ehe als Sakrament:

Darauf beruhen letztlich auch die Unauflöslichkeit der Ehe und das Verbot der Wiederverheiratung Geschiedener.  Die Botschaft Jesu im sittlichen Bereich gilt der Wiederherstellung der ursprünglichen und damit natürlichen Schöpfungsordnung. Für das Ehescheidungsverbot ist das deutlich, wenn es heißt: „Aber von Anbeginn der Schöpfung hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau. Darum wird der Mensch seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird seinem Weibe anhangen und werden die zwei ein Fleisch sein. So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was denn Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden“ (Mk 10, 6-8; Mt 19, 1-9). Die sittliche Weisung wird  ohne jedes künstliche Moralisieren direkt aus der Schöpfungsordnung deduziert. Die Tatsache, dass Jesus die wesensnotwendige Unscheidbarkeit der Ehe so unmittelbar aus der Schöpfungsordnung ableitet,  ermöglicht es, das Verhältnis Mann-Frau in Analogie zum Verhältnis Christus-Kirche zu stellen. „Dieses Geheimnis ist groß; ich beziehe es auf Christus und die Kirche“ (Eph 5,21).

In diesem Zusammenhang wird oft behauptet, Jesus selbst habe unter bestimmten Voraussetzungen die Ehescheidung gebilligt. Verwiesen wird beispielsweise auf Mt 5, 32, wo die Scheidung „wegen Ehebruchs“ gestattet sei (ebenso Mt 19, 9; Offb 2, 20). Hierzu wird jetzt aber auch in den „Sach- und Worterklärungen“ der Lutherbibel (Art. „Unzucht“) darauf hingewiesen, diese Stelle beziehe sich „auf Ehen innerhalb bestimmter Verwandtschaftsgrade, die nach dem Gesetz Moses verboten waren“. Das entsprach dem damaligen Sprachgebrauch. In der in einer Höhle von Qumran gefundenen sogenannten Damaskusschrift aus dem ersten Jahrhundert vor Christus wird unter „Unzucht“ Polygamie und die Ehe zwischen Onkel und Nichte verstanden.  Auch nach unserem heutigen Rechtsverständnis sind bestimmte Verwandten-Ehen nichtig.

Moralisch entfesselte Technologien

In der Gentechnologie geht es um die vollkommene Entschlüsselung des menschlichen Erbguts, die ersten Versuche, nach Tieren nun auch Menschen zu klonen (Embryonen im frühesten Stadium werden bereits geklont, die Klonung vollkommener Menschen wird bereits von einigen Forschern angekündigt); weiter um Kryo-Technologie (Einfrieren von Erbgut bzw. Embryonen zum späteren „Gebrauch“, sogar Einfrieren ganzer Menschen für ein „späteres Leben”), Züchtung von Stammzellen (frühembryonale Zellen, die noch nicht auf die Bildung bestimmter Körperteile spezialisiert sind), die dafür benötigte Gewinnung oder gar Züchtung „überzähliger“ Em­bryonen (entweder als „Abfallprodukte“ künstlicher Fortpflanzung oder bewusst gezüchtet), den Betrieb von Samenbanken, die postmortale Klonung Verstorbener (aus Ewigkeitswahn oder rasse­züchterischen Gründen) und die teilweise bereits offen propagierte Züchtung bestimmter Men­schentypen.

Im Bereich der Organtransplantation und -züchtung geht es um das Bedürfnis, Patienten so früh wie möglich für tot zu erklären, um an ihre Organe heranzukommen (Hirntodtheorie, teilweise Forde­rung nach noch früherer Festlegung des „klinischen“ Todes), künstliche Züchtung menschlicher Organe (auf oder in Tieren oder in der Retorte), Züchtung von Tieren ausschließlich als Lieferanten für menschliche Organe und sogar die Züchtung „embryonaler Säcke“ (menschenähnliche Lebewe­sen ohne Gehirn und Zentralnervensystem, lediglich zur Gewinnung bestimmter Organe).

In der Technologie der künstlichen Fortpflanzung geht es um die bereits bekannten ethischen Prob­leme der Leihmutterschaft, des Samenhandels, industrieller Samenbanken und künstlicher Insemi­nation (homo - oder heterolog), bei der u.a. ebenfalls „überzählige“ Embryonen (die für gentechnologischen Verbrauch willkommen sind) oder Kinder mit schweren Erbschäden entstehen können.

Genmanipulationen werden bereits im großen Umfang auch  in der Pflanzenzucht eingesetzt. Natur­wissenschaftler warnen hier vor noch unbekannten und gegebenenfalls nicht mehr zu bremsenden Nebenfolgen, die u.U. die Vegetation ganzer Landstriche verderben können.

Besondere moralische Probleme bringt auch die Gendiagnostik mit sich, also die Herstellung „ge­netischer Fingerabdrücke“. Positiv daran ist die Möglichkeit, Anlagen für bestimmte Krankheiten frühzeitig zu erkennen. Auch die kriminalistischen Erfolge durch Gen-Vergleiche sind besonders bei schweren Sexualdelikten beachtlich und in der Öffentlichkeit weitgehend bekannt. Es besteht aber auch die Gefahr, tiefer denn je in die Intimsphäre des Menschen einzudringen und neue Dis­kriminierungstatbestände hervorzurufen (Gentests werden bereits bei der Bewerbung um Einstel­lung in manchen Unternehmen verlangt; die Entdeckung der Anlage zu Erbkrankheiten könnte ein neuer Anreiz für Abtreibung und damit eine weitere Schwächung des Lebensschutzes sein).  Diese „biologische  Revolution“ rast weiter. In der Gentechnologie sind nach der Meinung vieler Fachleute alle ethischen Dämme bereits gebrochen. Die Diskussion um die aktive Sterbehilfe und das angebliche „Recht auf Freitod“ (Euthanasie) hat mit der offiziellen gesetzlichen Freigabe in immer mehr Ländern ein neues Niveau erreicht.

 Die nun auch in Deutschland Gesetz gewordene „Ehe für alle“, der natürlich die „kirchliche Trauung für alle“ folgen wird,  geht an die Wurzeln des christlichen Verständnisses von Ehe und Familie. In verschiedenen christlichen Kirchen gibt es bereits bekennende und gleichgeschlechtlich praktizierende Geistliche beiderlei Geschlechts, die sicherlich ebenfalls „kirchlich getraut“ werden und sich Kinder anschaffen wollen.

Eine entscheidende Frage ist nicht nur für den Schwangerschaftsabbruch, sondern auch für die ethi­sche Beurteilung der meisten Biotechnologien, wann das menschliche Leben als spezifisch menschliches beginnt und deshalb geschützt werden muss. Die Schwierigkeit liegt darin, dass der Zeitpunkt streitig ist. Die katholische Kirche lehrt, dass dies vom ersten Augenblick der irdischen Existenz an erforderlich ist, und sie setzt diesen Zeitpunkt mit dem Augenblick der Empfängnis gleich. Es werden aber andere Theorien vertreten. Teilweise nimmt man die Einnistung des befruchteten Eis in die Gebärmutter an. Nach einem anderen Vorschlag soll der volle Lebens­schutz erst vom 57. Tag nach der Empfängnis an einsetzen. Wieder andere möchten diesen Zeit­punkt noch später legen, da bis zum 70. Tag nach der Empfängnis „noch keine Hirntätigkeit gege­ben“ sei. Da man über solche mehr oder weniger künstlich gesetzten Daten immer streiten kann, liegt hier bereits ein Einfallstor für moralische Relativierungen und Aufweichungen, wogegen nur noch  die katholische Lehre ein notwendiger und heilsamer Schutzwall ist, für den ich auch als katholischer Christ Augsburgischen Bekenntnisses („evangelisch-lutherisch“ bin ich nur für das Finanzamt) dankbar bin.

Wenn der christlichen Ethik manchmal vorgeworfen wird, sie huldige einem zu engen „Biologismus“, so ist umgekehrt zu diesen Theorien zu sagen, dass sie einen rabulistisch auf den Kopf gestellten Biologismus vertreten. Die Kirche sieht nämlich eine vom Schöpfer gewollte Harmonie von Natur und sittlicher Ordnung und weiß daher, dass aus der Un-Natur keine Sittlichkeit entstehen kann.

Folgerungen

Die Stellunnahme von Kardinal Woelki und die  Dokumentation „Die Früchte ernten“ zeigen, dass sich auch nach dem Lutherjahr an den Problemen des evangelisch-katholischen Dialogs im Prinzip nichts geändert hat. Seitdem der damalige Ratsvorsitzende der VELKD, Landesbischof Huber, die „Ökumene der Profile“ verkündet hat und das „Ende der Konsensökumene“ ausgerufen worden ist, zeigt sich der untrennbare Zusammenhang zwischen Dogmatik und Ethik immer deutlicher. Die lutherischen Kirchen haben kein sakramental autorisiertes verbindliches Lehramt mehr und können deshalb auch in der Ethik nicht mehr mit Autorität verbindlich entscheiden. Auch ein gemeinsames Ziel der Einheit ist nicht mehr zu erkennen: Die protestantische Seite will im Grunde von der Katholischen Kirche (und der Orthodoxie) nur die Anerkennung ihres jetzigen Zustandes als „gleichberechtigt“. Das Mantra „Luther wollte keine neue Kirche“, das zum festen Bestandteil der ecumenical correctness geworden ist, würde nie öfter gehört als in diesen Jubiläumsjahr. Vielleicht sollte man  aber einmal fragen, warum Luther keine neue Kirche gewollt hat. Die Antwort ist: Er hatte gar keinen Grund dafür, denn er war nach seiner festen Überzeugung innerhalb der katholischen Kirche und ihr legitimer Verteidiger, während sich der Antichrist in Rom und sein papistischer Anhang selbst aus dieser Kirche ausgeschlossen hätten. Da diese Überzeugung aber kaum etwas mit der sichtbaren Realität zu tun hatte, musste Luther die Theorie von der Unsichtbarkeit der wahren Kirche Christi erfinden. In unseren Landeskirchen hat sie sich tatsächlich unsichtbar gemacht. Solange es nicht zu der Einsicht kommt, dass die wahren Kirche Christi als sichtbare Wirklichkeit in der katholischen Kirche existiert (Lumen gentium 8), wird es nicht zur Einheit der Kirche kommen.

 

Eine Predigt zu Fronleichnam

Raymund B. Schwingel

 

Das Fest Fronleichnam (= Herrenleib) gehört eigentlich in die Karwoche des Gründonnerstags, geht es doch um die Einsetzung des hl, Altarsakramentes durch Jesus im Abendmahlssaal von Jerusalem. Aber die Karwoche ist eine sehr ernste Zeit, man gedenkt hauptsächlich des Sterbens und Leidens Jesu – da kommt die Eucharistie nur ganz kurz zur Geltung. Das hat die Eucharistie nicht verdient, und so gibt es seit dem Mittelalter ein eigenes Fest im Spätfrühling eines jeden Jahres.

 Damit verbunden werden die sog. Feldprozessionen, wo Priester und Gemeinde segnend über Wiesen und Felder schreiten  und um eine gute Ernte  bitten. Daher hat man sich in der Kirche entschlossen, auch mit der großen Hostie in der Monstranz (von lat. monstrare, zeigen) nicht nur über die Felder, sondern auch über die Straßen von Städten und Dörfern zu ziehen und die Menschen zu segnen, die dort wohnen oder am Wegesrand stehen.

Zweierlei soll durch die Prozession ausgedrückt werden: einmal will Jesus nicht nur in den Kirchen verehrt werden, sondern durch die Menschen in ihren konkreten Lebensumständen. Gott ist nicht nur in der Liturgie, sondern auch überall in der Welt gegenwärtig. Der andere Gedanke ist, dass der Glaube nicht nur Lehre ist, sondern immer auch ein Weg. Den Glauben muss man als Weg gehen, nicht im einsamen Kämmerlein, sondern mitten im Leben, wo meine Wirkungsstätte ist. Jesus will nicht nur die Kirche, sondern auch die Welt heiligen – durch uns!

Sicherlich machen wir uns so unsere Gedanken über dieses Fest. In der extremen Diaspora will festliche Stimmung nicht richtig aufkommen. In katholischen Gegenden ist das ganz anders: morgens um 4 Uhr wird aufgestanden, da werden dann die Altäre am Straßenrand geschmückt und Blumenteppiche gelegt. Alles ist in heller Aufregung, die Ministranten, die Schützen, die Feuerwehr, Frauen – und Männergemeinschaften – sie alle wollen mitmarschieren zu den Klängen passender Lieder, begleitet von einer Blaskapelle. Und dann die Kommunionkinder, direkt vor dem Baldachin, unter dem der Priester mit der Montranz segnend schreitet und an den Ältären halt macht, um eine kleine Andacht mit sakramentalem Segen zu zelebrieren. Das ist nicht nur ein großes Fest, sondern auch ein „kirchliches Event“, ein aufwendiger Betrieb. Und daher gibt es auch kritische Anfragen an die konkrete Gestaltung von Fronleichnam. Ich will es  an zwei kurzen Geschichten verdeutlichen:

Ein alter Rabbi erging sich einmal an einem Sommerabend mit seinem Schüler im Garten des Lehrhauses. Er sagte: „Wenn einer Rabbi wird und ein Lehrhaus begründet, müssen alle nötigen Dinge da sein, eingerichtete Zimmer, die Thora (Bibel), Bücher, Tische und Stühle für die Schüler, Verwaltung usf. Und dann kommt der böse Widersacher und reißt das innere Pünktlein heraus, aber alles andere bleibt wie zuvor, und das Rad dreht sich weiter und weiter, nur das innere Pünktlein fehlt.“ Und der Rabbi hob die Stimme und sagte feierlich: „Aber Gott helfe uns: man darfs nicht geschehen lassen, niemals!“

Und die andere Geschichte: Großes Fronleichnamsfest in einer riesigen Gemeinde. Der Prozessionsweg wird 4 km betragen, die Menschenmenge ist nicht zählbar, Fahnen, Weihrauch (mehrere Fässer), Kerzen, Girlanden, Musik. Und dann setzt sich die Prozession in Bewegung: Der Priester schreitet feierlich unter dem Baldachin, seine Hände im Velum die Monstranz umgreifend. Plötzlich bleibt er wie angewurzelt stehen. Die Baldachinträger schauen sich hilflos an. Was ist denn mit dem Pastor? Macht ihm die Hitze und die sengende Sonne zu schaffen? Der Pastor hat einen hochroten Kopf und weist auf die Monstranz, in der keine Hostie ist. Er hat sie einfach im Trubel des Tages vergessen einzulegen. Soll er nun einfach weitergehen? Die Leute haben ja nichts bemerkt! Soll er frommes Theater spielen? Nein, er spürt, dass das eigentlich Wesentliche, warum dieses Fest überhaupt gefeiert wird, fehlt: DER LEIB DES HERRN inmitten seines Volkes! Also, er lässt die Baldachinträger stehen, geht zurück in die Kirche und legt die Hostie in die Monstranz ein – und jetzt kann die Prozession weitergehen und ihren Sinn erfüllen.

Was sagen uns die beiden Geschichten?  „Das innere Pünktlein fehlt“, sagt der Rabbi. Die Hostie fehlt, erspürt der Pfarrer. Und daher müssen wir nicht traurig sein, wenn wir hier in St. Andreasberg, in Bad Sachsa, in Braunlage, in Walkenried keine Prozession mehr halten können. Auf die Prozession mit all ihren Vorbereitungen kann man verzichten, wenn das Wesentliche fehlt: Christus in der Gegenwart der Hostie. Und das Wesentliche können wir auch so feiern: Christus will nicht nur leiden, er will FÜR uns leiden, er will MIT uns gehen auf unserem Lebensweg, das ist ja der tiefere Sinn des Empfangs der hl. Kommunion: Christus will in uns und durch uns in der Welt gegenwärtig sein. Wenn wir Christus in uns tragen, haben wir alles Wesentliche, um diese Sendung zu erfüllen: „Ite missa est – geht hinaus als Gesendete!“ Und wenn wir hier in Bad Lauterberg noch in der Lage sind, eine Prozession zu halten, dürfen wir dankbar sein – aber im Hintergrund muss uns bewusst bleiben: Nicht die Monstranz ist entscheidend, sondern die Hostie, nicht die Prozession ist entscheidend, sondern der Lebensweg, nicht die sonntägliche Liturgie ist entscheidend, sondern die Liturgie unseres Lebens. Wenn wir das berücksichtigen, dürfen wir froh und dankbar Fonleichnam feiern.

 

Märtyrer und Heilige

Walter J. Pehl SJB

 

Historischer Überblick

Zu allen Zeiten haben Christgläubige ihren Glauben in Verfolgung und Anfeindung bezeugen müssen und auch bezeugt, nicht selten sogar unter Einsatz ihres Lebens. So sind sie Zeugen des Glaubens geworden, auf deren Zeugnis hin wir letzten Endes glauben und vertrauen. Sie werden als Märtyrer bezeichnet, als Zeugen Christi Jesu. Der Begriff kommt vom griechischen Wort mártyr, was ganz allgemein „Zeuge“ bedeutet, Augen- oder Ohrenzeuge eines Geschehens. So sind die Apostel Zeugen des Lebens, Sterbens und Auferwecktwerdens Jesu (Apg 1,8.22). Auf ihr Zeugnis hin und das ihrer Nachfolger glauben wir.

Insonderheit gilt das für jene unter ihnen, die dieses ihr Zeugnis mit ihrem Blute besiegeln mussten. In diesem Sinn hat die frühe Kirche denn auch den Tod Jesu als das erste Martyrium gewertet; allerdings wird ein solches Verständnis der Heilsbedeutung seines Todes als Sühnopfer nicht gerecht. Der erste Märtyrer im eigentlichen Sinn aber ist der Diakon Stephanus (Apg 7,54ff). Ihm folgte Jakobus (major), der Bruder des Johannes (Apg 12,2). Auch die Apostel Petrus und Paulus sind den Märtyrertod gestorben, der Herrenbruder Jakobus, nach dem unsere Bruderschaft benannt ist, in Jerusalem.

Mit dem Einsetzen der Christenverfolgung im römischen Reich stieg dann die Zahl der Märtyrer sprunghaft an, denn da die Christen dem römischen Kaiser die göttliche Verehrung verweigerten, galten sie eo ipso als Staatsfeinde. (Ohne diese und andere gesellschaftliche Konsequenzen hätten die Römer wohl nichts dagegen gehabt, ein Bild des „Götzen Christus“ im Pantheon aufzustellen.) Ein Großteil der uns namentlich bekannten Märtyrer stammen aus dieser Zeit, in der die Gemeinden meist noch klein waren und ihre Glieder einander persönlich kannten. Sie genossen früh schon besondere Verehrung als vollendete Heilige; alle ihre Sünden galten als mit ihrem Blut abgewaschen (Apg 7,14). Nicht selten entstanden über ihren Gräbern neue Kirchen. Meist wurden sie bald nach ihrem Tode als Heilige verehrt (bis weit ins X. Jahrhundert hinein war die Heiligsprechung eine Angelegenheit des Ortsbischofs).

Neben den Märtyrern, wenn auch ihnen an Rang nicht gleich, standen die confessores (Bekenner), also jene, die ihren Glauben in Verfolgung und unter der Folter bezeugt hatten und dafür bestraft worden waren; sie hatten einen Ehrenplatz im Presbyterium inne. Welche Rechte den confessores im Presbyterium zustanden (wenn überhaupt), wissen wir allerdings nicht.

Mit der Zulassung des Christentums im römischen Reich als religio licita (erlaubte Religion) endete die Zeit der ersten Märtyrer weitgehend. Von nun an traten an ihre Stelle vor allem die Asketen als „unblutige (‚weiße‘) Märtyrer“. Nicht mehr das Blutzeugnis, sondern das „heiligmäßige“ Leben in der Entsagung, dem Verzicht zugunsten anderer war nun ihre Besonderheit. Letzten Endes ist auch das Martyrium nichts als die höchste Form der Askese, der Verzicht auf das eigene Leben. Deshalb sind Asketen zu recht wie Märtyrer heiliggesprochen und verehrt worden.

Das „echte“ Martyrium verlagerte sich vor allem in die Missionsgebiete, doch sind wir über die Märtyrer dieser Zeit wesentlich schlechter unterrichtet. Viele der Missionare, die die Verkündigung der christlichen Botschaft mit dem Leben bezahlen mussten, dürften uns namentlich unbekannt sein. Dies gilt vor allem für die Zeit ab 1500, als sich die Missionsgebiete zunehmend nach Übersee verlagerten; eine Rückmeldung durch Briefe nach Europa war — im Gegensatz zu heute — eine langwierige und ungewisse Angelegenheit. Erst das XX. Jahrhundert war wieder eine Zeit, in der das Martyrium den Gläubigen Europas massenhaft abverlangt wurde. Dies gilt vor allem für die Zeit des deutschen Nationalsozialismus, der in den Kirchen beider Konfessionen einen zu beseitigenden Feind sah, noch mehr aber für die Sowjetunion bis zum Tode Stalins und danach wieder unter Chruschtschow, die beide den christlichen Glauben als „Volksverdummung“, als „Opium für das Volk“, mit Stumpf und Stiel ausrotten wollten. Die russisch-orthodoxe Kirche hatte einen geradezu unermesslichen Blutzoll zu entrichten; von den meisten der Märtyrer dieser Zeit wissen wir so gut wie  nichts. Wie schwierig es ist, Licht in diese dunkle Zeit zu bringen, zeigt das Buch „Priester vor Hitlers Tribunalen“ von B. M. KEMPNER: Trotz der typisch deutschen Gründlichkeit der Dokumentation in der hitlerschen Vernichtungsmaschinerie ließ sich von vielen Märtyrern kaum mehr als Name und Geburtsjahr feststellen.

Diese Sicht ist allerdings nicht vollständig: Es hat auch außerhalb der Grenzen des ehemaligen römischen Reiches Christen und unter diesen sicherlich auch Märtyrer gegeben, z. B. In Indien (Thomaschristen) bis ins XVII. Jahrhundert, oder im Jemen (stark judenchristlich geprägte, z. T. wohl ebionitische Christen) bis kurz vor 600 (Eroberung durch die sassanidischen Perser). Leider sind wir über deren Schicksal nur äußerst fragmentarisch unterrichtet, wohl deshalb, weil die Großkirche im römischen Reich sie als häretisch und damit als nicht erwähnenswert ansah. Dies ist ein großer Verlust, den die Archäologie nur sehr begrenzt wettmachen kann.

Heute, nach dem Ende des Kommunismus in den meisten Staaten, gibt es stattdessen einen Trend zum Fundamentalismus in fast allen Religionen (das Christentum nicht ausgenommen; man denke nur an Amerika und seine Evangelikalen!) Damit einhergehend, hat aber auch die Verfolgung der Christen in nichtchristlichen, vor allem in islamischen Ländern ein bisher nie gesehenes Ausmaß erreicht. Allerdings ist der zunehmende Fundamentalismus gerade des Islam im Prinzip wohl nur Symptom eines Glaubens, der sich angesichts der rasanten Veränderungen in unserer Welt seiner selbst nicht mehr sicher ist. Er wird damit aber auch zur Gefahr für den Islam selbst, wenn dieser sich nicht bald mit ihm als Häresie, als Verfälschung des Islam auseinandersetzt — wozu ihm meines Erachtens allerdings bislang die notwendigen Strukturen fehlen; gerade die Verquickung von Staat und Religion im Islam macht diesem die Aufgabe so schwierig.

Theologische Bedeutung

Märtyrer sind den Leidensweg Christi leibhaftig nachgegangen und erhalten Anteil an seinem Werk der Erlösung; schon bei dem Erzmärtyrer Stephanus arbeitet der Evangelist Lukas die Parallelen zu Christi Zeugentod deutlich heraus. So ist denn auch die früheste Form der Heiligenverehrung die Anrufung der Märtyrer um ihre Fürbitte: Die Fruchtbarkeit ihres Für-bittens und Für-leidens gehört zum ureigensten Bestand des Glaubens. Dabei weiß man sehr wohl, dass ein Märtyrer nicht um seiner selbst willen angerufen werden kann; kein Märtyrer kann dem Sühneleiden und -tod Christi etwas hinzufügen, seine Fürsprache bedeutet keine Mittlerschaft zwischen Christus und uns, sondern ist untrennbarer Bestandteil der Mittlerschaft Christi selbst. Erst im V. Jahrhundert beginnt die Vorstellung aufzukommen, dass das Opfer der Erlösten etwas Selbständiges gegenüber dem Opfer des Erlösers sei. Nun kann das Heil, das ein Märtyrer mit seinem Tode erwirbt, teilweise auch einer anderen Person angerechnet werden. Schließlich kommt es im frühen Hochmittelalter zu Verdinglichung der Verdienste der Märtyrer, die man durch eine Art von Kauf für sich erwerben zu können meinte, und zur Lehre vom Schatz der Kirche an guten Werken (thesaurus ecclesiae), die sie ihren Gliedern gegen eine entsprechende materielle Leistung zueignen könne. Solch ein Missbrauch, der im xv. Jahrhundert geradezu monströse Züge angenommen hatte, ist bekanntlich zu einer der Wurzeln der reformatorischen Bewegungen geworden; auch das Tridentinum spricht sich klar gegen einen solchen Missbrauch aus.

Der ursprüngliche liturgische Ort der Anrufung der Märtyrer sind die Diptychen, d.h. die eucharistischen Fürbitten. Weil die Märtyrer im Tod mit Christus vereint waren, hatten sie — passiv! — Anteil an seinem Heils- und Erlösungswerk; deshalb erinnerte man sich anfangs ihrer als der den Hinterbliebenen noch bekannten, nun aber vollendeten Glieder der Gemeinde. Hinzu kam, dass über ihren Gräbern oft neue Kirchen entstanden waren, die denn auch ihre Namen trugen; für diese Kirchen trugen die als Heilige verehrten Märtyrer gleichsam Verantwortung. Es blieb nicht aus, dass die Reichweite dieser Verantwortung immer weiter gefasst wurde; so wurde aus dem patrocinium des jeweiligen Heiligen schließlich seine „Zuständigkeit“ für bestimmte Notlagen des Lebens, eine Entwicklung, die in der West- ebenso wie in der Ostkirche zu beobachten ist. Die Definition von „Nothelfern“, die man bei diversen Missgeschicken anrufen konnte (und auch anrief), markiert wohl den Endpunkt dieser Entwicklung.

Bedeutung der Märtyrer für uns Heutige

Die Anrufung der Märtyrer ist letzten Endes nichts anderes als der Mut der Liebe, „du“ zu sagen auch über den Tod hinaus: Die vollendeten Glieder gehören genauso zur Kirche dazu wie die gerade lebenden! Mit irgendeiner Art von Heldenverehrung hat sie nicht das Geringste zu tun, kann also auch nicht in eine solche pervertiert werden. (Deshalb blendet die Kirche auch nicht die menschlichen Fehler und Schwächen der Heiligen aus; sie sieht sie so, wie sie wirklich waren, und hütet sich davor, sie zu „Heroen des Glaubens“ hochzustilisieren! Von CAMILLE CLAUDEL stammt der Satz: Der Held erscheint in schimmernder Rüstung; die Heiligen sind nackicht.) Nicht um ihrer Leistung, sondern um ihrer innigen Vertrautheit mit Christus willen rufen wir sie an. Das hat eine unübersehbar soziale Dimension: Wir Lebenden wissen uns in Gemeinschaft mit den uns vorausgegangenen Gliedern der Kirche, auch und gerade in der Feier der Eucharistie! Diese Gemeinschaft mit ihnen stiftet denn auch Gemeinschaft unter uns, so dass wir Christen in einem nicht nur räumlichen, sondern auch zeitlichen Beziehungsgefüge stehen. Es gehört, wie schon gesagt, zum Grundbestand unseres christlichen Glaubens, dass das stellvertretende Leiden und die Fürbitte für andere nicht vergebens sind; ebenso wie das Mit-leiden mit Christus und mit dem Nächsten (Dies ist die von Diktatoren aller Couleur gefürchtete Sprengkraft, die der christlichen Botschaft innewohnt!). Daraus ergibt sich aber auch die Spiritualität des Märtyrertums: Niemand kann für sich allein die Gemeinschaft mit Christus leben; das ist nur in der Pro-existenz des Martyriums oder der Askese (als eine Ersatzform des blutigen Martyriums) möglich. Es kann also nicht darum gehen, in der Heiligung die eigene Vollkommenheit zu suchen oder eine überdurchschnittliche ethische Leistung zu erbringen. (Das schließt keineswegs aus, dass es in der Vergangenheit dennoch so gesehen worden ist.) Nachfolge ist immer die stellvertretende Ausprägung des gekreuzigten Christus an der eigenen Person, wenn es sein muss, auch am eigenen Leibe und am eigenen Leben!

So sind die Märtyrer weniger Vorbild als lebendiges Beispiel, was Nachfolge bedeutet. Das wird vor allem im „Martyrium des Alltags“ zu geschehen haben: Compassio (Mit-leiden) mit Christus vollzieht sich im Annehmen von Leiden und Enttäuschungen, von Bedrückungen und Demütigungen. Damit ist keineswegs einem christlichen Duckmäusertum das Wort geredet — gegen alle Ungerechtigkeiten, die unseren Mitmenschen widerfahren, sollen wir so lautstark protestieren, wie es schon der irdische Jesus getan hat, und bereits vor ihm natürlich die Propheten des AT, durch die nach dem Zeugnis des Nicaenums Gott Selbst geredet hat („locutus per prophetas“)! Es geht vielmehr um die innere Bereitung für den Widerstand gegen unmenschliche und damit widergöttliche Mächte der Unfreiheit, der Angst und des Todes in der Öffentlichkeit. Die Spiritualität des Märtyrertums hat ihren letzten Grund und findet ihr entscheidendes Maß in der Liebe. Das Ausharren an der Seite der Kranken und Sterbenden, der Mutlosen und Verzweifelten, der Unterdrückten und Armen ist auf Dauer nur möglich, wenn wir uns bemühen, Christus ähnlich zu werden. Dazu zählt ebenso die Hingabe der Liebe ins Leere hinein, ohne auf irgendeine Art von Gegenleistung zu spekulieren, der Verzicht auf Dinge, die entbehrlich sind, aber ebenso auf Anerkennung und Ruhm, wie sie der Golgota-erfahrung Jesu korrelieren.

Die Frage, ob die Kirche Märtyrer brauche, ist angesichts ihrer Geschichtlichkeit überflüssig; die Kirche hat Märtyrer, und sie hat sie sich nicht selbst geschaffen. Es war die nichtchristliche Welt, in der die Kirche lebte, die ihre Glieder zu Märtyrern werden ließ. Dass sie ihrer Blutzeugen gedenkt, die ihr Leben für Christus hingaben, ist eine Selbstverständlichkeit.

Braucht die Kirche aber auch Heilige? Wollte man die Heiligen als Erlösungsmittler verstehen, so ist diese Frage ohne weiteres zu verneinen. Aber man hätte die Heiligen damit gründlich missverstanden. Wenn und indem die Kirche einzelne Menschen „zur Ehre der Altäre“ erhebt, so bewahrt sie damit (von der „Vorbildfunktion“ des Heiligen abgesehen) diese Menschen stellvertretend für ihre Zeit vor dem Vergessen-werden. Denn die Kirche lebt in der Kontinuität der Zeit, und damit auch in Kontinuität mit ihrer Vergangenheit. Sie kann nicht, wie es anderen Organisationen vielleicht möglich wäre, ihre Geschichtlichkeit abstreifen und sich neu erfinden. Ohne die geschichtliche Kontinuität, die sie mit ihrem Herrn Christus und dessen von ihm berufenen Nachfolgern verbindet, verlöre sie nicht nur ihren Auftrag, sondern jedwede Daseinsberechtigung. Mit und in ihren Heiligen hält sie diese geschichtliche Kontinuität aufrecht. Man hat dagegen eingewandt, dass doch auch Blutzeugen wie z. B. DIETRICH BONHOEFFER im Gedächtnis der Kirche verbleiben, ohne dass sie zu Heiligen erklärt wurden. Das mag für eine begrenzte Zeit, vielleicht für 100 bis 150 Jahre, auch richtig sein. Ob ihrer (und erst recht der Umstände ihres Lebens, die sie zu Blutzeugen werden ließen!) dann aber nach einem Jahrtausend immer noch gedacht werden wird, ist doch wohl eher zweifelhaft. Märtyrer und Heilige vergegenwärtigen Christus in ihrer jeweiligen Zeit; sie führen exemplarisch vor Augen, wie christliches Leben in der jeweiligen Zeit gelebt werden konnte und auch wurde. Märtyrer und Heilige sind aber noch in einem weiteren Sinne wichtig für die Kirche: Sie treten vor Gott fürbittend für die Kirche ein. Natürlich sind sie keine Mittler des Heils an Christi statt, und deshalb ist der aus dem Spätmittelalter herrührende Brauch verfehlt und abzulehnen, dass es für so ziemlich jeden Unglücks- oder sonstigen Notfall „zuständige“ Heilige gebe, die man dann anrufen müsse. Dass sie jedoch fürbittend für die Kirche einstehen, ist nicht nur katholischen und orthodoxen Christen geläufig, auch in den reformatorischen Bekenntnisschriften findet sich diese Überzeugung (wenn auch sehr versteckt, in den Schmalkaldischen Artikeln unter: De invocatione sanctorum) und kann deshalb auch nicht als mit dem Wesen des Protestantismus unvereinbar abgetan werden. Die Heiligen als die Vollendeten gehören untrennbar zur Kirche. Wer glaubt, sie entbehren zu können, macht aus ihrer in Christus Jesus gründenden Geschichtlichkeit eine abstrakte Idee, die nur zu bald die Verbindung zum konkret historischen Handeln Gottes in Christus Jesus verlöre — wie es dem sog. „Kulturprotestantismus“ ergangen ist, der letzten Endes gerade dadurch so anfällig für die Häresien des Nationalsozialismus und seiner „deutschen Christen“ geworden ist.

Liturgisches Gedächtnis der Märtyrer

Seit alters gilt der Todestag eines Märtyrers als der Tag, an dem er zum ewigen Leben auferweckt wurde, und wurde er dementsprechend als sein „himmlischer Geburtstag“ begangen. Unabhängig davon begeht die Kirche das Gedächtnis aller ihrer Heiligen an einem bestimmten Tage: im Westen am 1. November; im Osten hat man den ursprünglichen Termin am 1. Sonntag nach Pfingsten beibehalten. Dieses Fest ist auch der Tag, an dem die Kirche aller ihrer verstorbenen Glieder gedenkt; diese sind ja nach ihrem Tode nicht vergangen und vergessen, sondern treten nach dem Glauben der Kirche im Himmel fürbittend für sie ein. So ist es auch alter Brauch, die „zur Ehre der Altäre“ erhobenen Märtyrer und Heiligen darum zu bitten, die besonderen Anliegen der jeweiligen Gemeinde und ihrer gegenwärtig lebenden Glieder vor Gott zu bringen. Das darf freilich nicht in dem Sinne missverstanden werden, als bedürften wir ihrer Vermittlung und könnten unsere Bitten nicht direkt an Gott richten; wohl aber stimmen sie mit uns in den Chor der Beter ein und nehmen so Anteil am Leben der Kirche. Dass sie daran weder Anteil noch Interesse hätten, ist moderner Aberglaube.

Neben dem Gedächtnis aller Heiligen kennt die Kirche des Westens (und nur diese) noch ein zweites, ähnliches Fest: Allerseelen. Dieses ist ursprünglich ein Eigenfest der Cluniazenser gewesen: In den Klöstern des Verbundes von Cluny wurde seit dem Jahre 998 einmal jährlich aller Verstorbenen des gesamten Ordens namentlich gedacht, was im IX./X. Jahrhundert völlig ungewöhnlich war! Das Fest hat sich schnell in der gesamten abendländischen Kirche ausgebreitet und ist seit dem 15. Jahrhundert dadurch ausgezeichnet, dass an ihm drei Messen gefeiert werden können. Häufig wurde und wird nach wie vor eines der beiden Feste auch mit Prozessionen zu den Gräbern der verstorbenen Glieder verbunden, um sie zu segnen.

So lebt die Kirche mit und in ihren Märtyrern und Heiligen. Ohne diese verlöre sie ihre historische Bindung an den auferstandenen Christus, den sie damit vom historischen Jesus losrisse. Das aber wäre ihr Ende als Kirche Jesu Christi.

Jesus „Menschensohn“: Unser Bruder und Herr

Hansjürgen Knoche

Missdeutungen

Der Gründer und Herausgeber des „Spiegel“, Rudolf Augstein, hatte 1971 ein dickes Buch mit dem Titel „Jesus Menschensohn“  herausgebracht (2. Aufl. 2001). Er hatte darin alles zusammengetragen (oder von seinen Dokumentalisten zusammentragen lassen), was seit dem Ende des 18. Jahrhunderts in der unsäglichen „Leben-Jesu“-Forschung (mit der Albert Schweitzer in seinem monumentalen Werk zur Geschichte der Leben-Jesu-Forschung endgültig abgerechnet hat) und der (angeblich) historisch-kritischen Methode gegen das klare Zeugnis der Bibel erfunden worden war. Er behauptete, der biblische und kirchliche Christus sei eine Kunstfigur, die mit dem historischen Jesus, falls der überhaupt gelebt habe, nichts zu tun habe. Er habe die meisten Neutestamentlichen Worte nicht gesprochen, die meisten dort berichteten Taten nicht getan, er habe keine Religion stiften und keine Kirche gründen und schon gar nicht die Menschheit durch seinen Tod am Kreuz erlösen wollen. Jesus sei allenfalls ein das nahe Weltende verkündender Wanderprediger gewesen. „Menschensohn“ hieß für Augstein: Mensch und nichts als Mensch. Eine dreistere Missdeutung der biblischen Zeugnisse ist kaum noch denkbar. Sie ist allerdings in erster Linie nicht Augstein anzulasten, der kein Theologe, sondern Journalist war und nur zusammengetragen hat, was ihm protestantische Theologen über drei Jahrhunderte hinweg vorgekaut haben.

Der biblische Begriff

Das Wort Mensch, hebräisch adám ist in der biblischen Schöpfungsgeschichte (Gen 1) zunächst einen Gattungsbegriff ähnlich wie unser Wort Menschheit und wird erst im weiteren Verlauf zum Eigennamen des ersten Menschen (Adam und Eva). Solche Gattungsbegriffe ähnlich wie unser Wort „Menschheit“ finden sich im Alten Testament öfter. Wenn ein einzelnes Individuum aus einer solchen Gattung bezeichnet werden soll, geschieht das mit dem hebräischen Wort ben, eigentlich Sohn. Der einzelne Mensch heißt also ben-adám, Menschensohn (lat. filius hominis, gr. hyós tou anthrópou).

„Menschensohn“ im Alten Testament

Im Alten Testament findet sich dieser Begriff am häufigsten beim Propheten Ezechiel, der von der himmlischen Stimme, die ihm seine Aufträge erteilt, mit „ben-adám“ angeredet wird. Hier drückt der Begriff die Schwäche und Niedrigkeit des Menschen gegenüber den himmlischen Mächten aus. Eine ganz andere Bedeutung bekommt ben-adám in der Endzeitvision des Propheten Daniel in der es heißt: „Da kam mit den Wolken des Himmels einer wie ein Menschensohn. Er gelangte bis zu dem Hochbetagten (= JHWH) und wurde vor ihn geführt. Ihm wurden Herrschaft, Würde und Königtum gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen müssen ihm dienen. Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft. Sein Reich geht niemals unter“ (Dan 7,13-14).

Wegen dieses Bedeutungsunterschieds zwischen Ezechiel und Daniel übersetzt die Lutherbibel den Begriff bei Ezechiel mit „Menschenkind“ und erst bei Daniel mit „Menschensohn“.

Aufgrund dieser Weissagung erwarteten jüdische Kreise zur Zeit des neuen Testaments eine endzeitliche Erlösergestalt, der nach dem letzten Gericht von Gott die Weltherrschaft übertragen werden soll. 

Menschensohn als Selbstbezeichnung Jesu

Da Jesus diesen Begriff als Selbstbezeichnung übernimmt, macht er damit seine Sendung den Zeitgenossen unmittelbar verständlich. Zunächst spricht er eher verhüllt in der dritten Person von sich als dem Menschensohn (z. B. Lk 12,8.9; Mk 8,38). Er beruft sich auf diesen Titel aber auch schon für seine Vollmacht, zu entscheiden, was vor Gott erlaubt ist und was nicht (z. B. Mk 2,28) und dass er die Macht hat, Sünden zu vergeben (z. B. Mk 2,10). Den Jüngern gebietet er zunächst, die Bedeutung dieser Selbstbezeichnung geheim zu halten. Nach seiner Festnahme aber, in der dramatischen Gerichtsszene vor dem Hohen Rat, wird er von den verhörenden Hohenpriester in den Zeugenstand gerufen und in die Eidespflicht genommen („Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott“), um die Frage zu beantworten: „Bist du der Messias, der Sohn Gottes?“. Die Antwort offenbart nun offiziell die königliche Macht und den Sendungsauftrag Jesu: „Du hast es gesagt. Doch ich erkläre euch: von nun an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Macht (d. h. Gottes) sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen.“ Darauf die offizielle Feststellung des Hohenpriesters: „Er hat Gott gelästert!“ Er fordert die Todesstrafe nicht wegen des Messiasbekenntnisses (Messiasprätendenten gab es in dieser Zeit öfter), sondern wegen seines Bekenntnisses als Sohn Gottes.

In dieser Gestalt sieht ihn auch der Erzmärtyrer Stephanus unmittelbar vor seiner Ermordung: „Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“ (Apg 7,58). Die Offenbarung bestätigt es in der Vision vom Endgericht: „Dann sah ich eine weiße Wolke. Auf der Wolke thronte einer, der wie ein Menschensohn aussah. Er trug eine goldenen Kranz auf dem Haupt und eine scharfe Sichel in der Hand“ (Offb 14,14).

In der Selbstbezeichnung und dem Bekenntnis Jesu wird also die volle heilsgeschichtliche Bedeutung und Spannweite des Begriffs „Menschensohn“ offenbar. Jesus ist Mensch unter Menschen, unser Bruder, uns in allem gleich außer der Sünde, und er opfert sein Leben für uns. Und er ist der erhöhte Herr, der am jüngsten Tag die Welt erlösen wird. Deshalb ist es sinnvoll, wenn die liturgische Formel „durch Jesus Christus, unseren Herrn“ jetzt oft erweitert wird zu: „durch Jesus Christus, unseren Bruder und Herrn“. 

 

Wer war schuld? Verfolgung, Prozess und Hinrichtung Jesu rechtfertigen keinen Antisemitismus

Hansjürgen Knoche

 

Es kann nicht geleugnet werden, dass die neutestamentlichen Berichte schon frühzeitig und leider bis in unsere Zeit hinein immer wieder für eine pauschale Verurteilung des jüdischen Volkes und den Vorwurf des „Gottesmordes“ missbraucht worden sind.  In einer begreiflichen und wegen ihres Anliegens höchst sympathischen Gegenreaktion haben deshalb in neuester Zeit vor allem einige jüdische Schriftsteller versucht, die Schuld am Tod Jesu allein der römischen Behörde zuzuschreiben. So notwendig und erwünscht es aber auch ist, die Passion Jesu in einer Weise zu interpretieren, die keine antisemitischen oder antijudaistischen Vorwände mehr liefert, so unumgänglich ist es auf der anderen Seite auch, die historische Wahrheit objektiv darzustellen. Sonst würden alle gut gemeinten Interpretationsversuche unglaubwürdig bleiben.

Die Vorgeschichte

So kann man den Prozess gegen Jesus auch nicht richtig verstehen und verirrt sich leicht bei der Beantwortung der Schuldfrage, wenn man die Vorgeschichte des gerichtlichen Verfahrens nicht mit einbezieht. Aus ihr ergibt sich, dass Jesus bis zu seiner Vorführung bei Pilatus nie von römischer Seite verfolgt wurde, aber Monate lang vom Hohen Rat und seinen Beauftragten. Das konnte auch nicht anders sein, denn es ging eindeutig um eine innerjüdische Religionsangelegenheit, bis sie, um Pilatus zu einem Urteil zu bewegen, politisiert wurde. Die wesentlichen Tatsachen sind folgende:

Pharisäer (nicht „die Pharisäer“) erregten sich, teilweise zusammen mit  Priestern (nicht „den Priestern“), besonders über Jesu demonstrative Heilungen am Sabbat, sein Eintreten für die Ehebrecherin (Joh 8,1-11), die Anprangerung von Überheblichkeit beim öffentlichen Auftreten (z.B. Lk 11,37-40), die Vertreibung der Händler und Geldwechsler aus dem Tempel, den Vorwurf der Anmaßung (Lk 11,43 ff), die Deutung von Tempelritualen als Hinweis auf ihn selbst (Joh 7,37 spielt auf die Wasserspende des Hohenpriesters am letzten Festtag, Joh 8,12 auf die Festbeleuchtung des Tempels an), viele seiner Gleichnisse und Aussprüche.

Andererseits versuchten manche auch, ihn durch Fangfragen zu strafbaren Äußerungen zu veranlassen (die Ehebrecherin, die Steuer an den Kaiser, die sechsmal verheiratete Witwe im Himmel usw.) oder ihm Sabbatverstöße (das Ährenausraufen der Jünger, die Heilungen am Sabbat usw.) nachzuweisen. Sie suchten mitunter nach ihm, um ihn in entsprechende Gespräche zu verwickeln (Joh 7,11-13; 14-17) oder von Zeugen (z.B. den geheilten Blinden Joh 9,8-23) etwas Nachteiliges über ihn zu erfahren. Schließlich warf man ihm öffentlich Gotteslästerung vor (Joh 10, 22-28.33) und drohte ihm die Steinigung an. Nach der Auferweckung des Lazarus war für die regierenden Kreise das Maß voll. In der Sitzung des Hohen Rates wurde beschlossen, ihn zu töten (Joh 11, 45-52), wobei die Staatsräson (Besorgnis vor dem Eingreifen der Römer bei etwaigen Tumulten) nun klar betont wird (Verse 48.50). Jesus wird nun mit Haftbefehl des Hohen Rates gesucht (Vers 57).

Jesus zieht sich zunächst in die Gegend von Efraim zurück (Vers 54), entschließt sich dann aber doch,  nach Jerusalem hinaufzugehen, wobei er seinen Tod klar vor Augen hat (Mk 10, 32-34). Auf dem Wege erregt er nochmals Ärgernis durch die Blindenheilung in Jericho (Mt 20, 29; Mk 10, 46; Lk 18, 35).

Bei seinem triumphalen Einzug in Jerusalem ist die Tempelwache schon allarmiert, kann aber wegen des Massenandrangs nicht eingreifen (Joh 12,19). Im Tempel vollbringt Jesus nochmals Heilungswunder (Mt 21,14 ff). Vor dem ganzen Volk hält er die große Gerichtsrede über  Pharisäer und Schriftgelehrte (Lk 19, 48; Mt 23).

Zwei Tage vor dem Fest tagt nochmals der Hohe Rat und beschließt seine Verhaftung, aber nicht auf dem Fest, damit es keinen Tumult gibt (Mk 14,1). Nun muss Judas Ischariot als Informant dienen und den nächtlichen Aufenthaltsort am Ölberg verraten, wo dann die Festnahme erfolgt. Bisher war weit und breit kein Römer in Sicht.

Der Religionsprozess

Die Verhaftung Jesu erfolgt durch die Tempelwache. Es kommt zu einem informellen Vorverhör beim Oberhaupt der hohenpriesterlichen Familie und anschließend zum eigentlichen Religionsprozess vor dem Hohen Rat unter Vorsitz des regierenden Hohenpriesters. Die zunächst von angeblichen Zeugen vorgebrachten Anschuldigungen fallen in sich zusammen. Schließlich ruft der Hohepriester Jesus in den Zeugenstand und befragt ihn unter Eid („ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott“), ob er der Messias und  der Sohn Gottes sei. Jesus bejaht beide Fragen. Die Inanspruchnahme der Messianität hätte wohl nicht zur Verurteilung ausgereicht (es traten häufig Messias-Prätendenten auf), die Bejahung der Gottessohnschaft aber wurde als Gotteslästerung ausgelegt, die nach jüdischem Strafrecht mit der Todesstrafe durch Steinigung bedroht war. Deshalb wird Jesus zum Tod verurteilt.

Der Strafprozess

Die Verhandlung vor Pilatus, der Urteilsspruch und das weitere Verfahren von der Geißelung bis zur Kreuzigung und dem Anbringen der dreisprachigen Kreuzinschrift entsprechen dem römischen Prozessrecht. Die Todesstrafe konnte nach allgemeiner und nachgewiesener römischer Staatspraxis von den jüdischen Religionsbehörden damals nicht legal  vollstreckt werden, sondern bedurfte der Bestätigung durch den Statthalter. Eine Streitigkeit über das jüdische Religionsgesetz reichte aber nach römischem Recht nicht aus, um diese Bestätigung zu erlangen. Es musste vielmehr ein auch nach römischem Recht strafbarer Tatbestand geltend gemacht werden. Deshalb wurde dem Statthalter vorgetragen, Jesus habe sich den Königstitel angemaßt und verstehe sich als Messias im politischen Sinn. Nach römischem Strafrecht wäre das Majestätsbeleidigung und Hochverrat (perduellio) gewesen und war mit der Todesstrafe bedroht. Der Statthalter hat diese politische Auslegung des Anspruches Jesu nicht geglaubt. Er ist aber von den Vertretern der jüdischen Behörde unter politischen Druck gesetzt worden: „... dann bist du des Kaisers Freund nicht“ (Joh 19,12).

Nicht „Freund des Kaisers“?

Dazu ist eine ergänzende Anmerkung angebracht. Diese Stelle wird von den Exegeten oft nicht so gewichtet, wie es ihr zukommt. Es handelt sich nämlich um eine kaum verhüllte, massive politische Drohung, um nicht zu sagen: Erpressung. Dies müsste bei einer „Schuldabwägung“ zwischen Juden und Römern, wenn man sie denn vornehmen will (was ich freilich für unstatthaft halte), gebührend berücksichtigt werden. „Freund des Kaisers“ (amicus Caesaris) war ein offizieller hoher Hoftitel, den die Römer anscheinend aus dem Vorderen Orient übernommen hatten. In der amtlichen Kabinettsliste Salomos (1 Kö 4,5) wird Sabud ben Nathan als „Freund des Königs“ aufgeführt. In 1 Makk wird der Titel mehrfach erwähnt (2,18; 10,20; 11,26.37). Eine Steigerung ist „Freund ersten Ranges“ (11, 27). Der „Freund“ gilt als Angehöriger der kaiserlichen „Familie“ (10, 89). Augustus hatte Herodes diesen Titel strafweise entzogen, wie Josefus berichtet. Dass Pontius Pilatus als Prokurator von Palästina (26-36) ihn trug, ist überliefert. Man drohte ihm also damit, sich beim Kaiser, dem als grausamen Choleriker gefürchteten Tiberius, für den Entzug des Titels einzusetzen, natürlich mit der Begründung, er sei gegen einen Aufrührer und Hochverräter nicht energisch genug vorgegangen. Das hätte wohl das Ende jeder Karriere wenn nicht Schlimmeres bedeutet. Man kann das  am Schicksal von Pilatus’  Kollegen Cornelius Gallus, Statthalter von Ägypten, ablesen, dem der Kaiser diesen Titel aberkannt hatte. Er wurde aus dem Staatsdienst entlassen, mit falschen Beschuldigungen und Denunziationen überschüttet und in den Selbstmord getrieben.  

Unter diesem politischen Druck hat Pilatus dann die Todesstrafe bestätigt und den Vollzug durch eine römische Militäreinheit angeordnet. Da Jesus aber nie eine politische Machtposition beansprucht hatte und dies auch unmissverständlich klargestellt hat („mein Reich ist nicht von dieser Welt“), war die Hinrichtung ein klassischer Justizmord.

Die Schuldfrage

Unter der Wucht dieser historischen Tatsachen bricht jede einseitige Schuldzuweisung in sich zusammen. Es geht nicht um Juden oder Römer, sondern um eine einzige Schuldzuweisung an die gesamte Menschheit. Hier findet die allgemeine menschliche Tragödie ihren Höhepunkt, die mit der Ermordung und Vertreibung der Propheten Israels beginnt, sich über die Steinigung des Stephanus fortsetzt, aber auch in der Mitschuld der Kirche an allen Pogromen, Verfolgungen und Morden weiter geht und in den Juden- und Christenverfolgungen des 19. und 20. Jahrhunderts ihren vorläufigen Gipfelpunkt findet.

Wer waren „die Römer“?

Hierzu ist eine ergänzende historische Anmerkung angebracht. In Palästina war zu dieser Zeit die zehnte römische Legion „Fretensis“ stationiert. Man hat Ziegelsteine mit ihrem Stempel auch in Jerusalem gefunden. Eine Legion hatte regulär etwa 6000 Mann Infanterie, einer heutigen Brigade entsprechend, dazu aber meist umfangreiche Hilfstruppen, die oft aus der besetzten Provinz stammten. In diesem Falle können es also auch Syrer gewesen sein. Eine Legion wurde von einem Prokonsul oder Legaten kommandiert. Die Hauptgarnison der zehnten Legion  war Caesarea (Maritima), wo auch der Statthalter residierte. In Jerusalem, auf der Burg Antonia, lag gewöhnlich eine Kohorte (griechisch Speira), der zehnte Teil einer Legion, also 6OO Mann, geführt von einem Tribunen oder Cohors (griechisch Chiliarchos). Sie bestand aus sechs Centurien (Hundertschaften), jeweils kommandiert von einem Centurio (gr. Hekatontarchos, Luther: Hauptmann). In Lk 23, 47; Joh 18,3.12 ist mit der „Schar der Soldaten“ (Einheitsübersetzung) die Kohorte gemeint. An der Hinrichtung Jesu wird also eine Centurie (oder eine Gruppe von ihr) der zehnten Legion beteiligt gewesen sein. Wir kennen aber, im Unterschied zu anderen Kohorten (Apg 10,1; 27,1) nicht den Namen oder die Dienstnummer. An der Hinrichtung selbst waren nur vier Soldaten (Teilung der Beute in vier Teile, Joh 19, 23) unter Führung eines Centurio beteiligt. Das können Soldaten der Hilfstruppen, also auch Syrer, gewesen sein, denen man diese schmutzige Arbeit überlassen hat.

Der Antisemitismus und die historischen Wurzeln

Nach alledem müsste klar sein, dass eine generelle Feindschaft gegen „die Juden“ oder gar der neuzeitliche Antisemitismus nicht von den Christen oder von der Kirche erfunden worden sind. Der Begriff Antisemitismus ist erst 1879 durch Wilhelm Marr geprägt worden. Er ist schon deshalb töricht, weil er so ungenau ist, denn auch die Araber und andere Völker sind Semiten, während sich doch der Antisemitismus allein gegen die Juden richten soll. Antisemitische Verhaltensweisen, nämlich feindselige Volksstimmungen, Pogrome, rechtlich Diskriminierungen, Vertreibungen und Vernichtungsaktionen gibt es seit uralten Zeiten, also auch schon im vorchristlichen Altertum. Sie lassen sich geschichtlich bis an die Anfänge des Volkes Israel zurückverfolgen und entstehen aus der gleichen Ursache, aus der sie bis heute fortbestehen: Weil Israel auf Grund seiner Erwählung als besonderes Volk Gottes und auf Grund seines Glaubens eben eine Sonderstellung unter allen Völkern einnimmt. Judenhass entsteht bezeichnender Weise zuerst dort, wo gläubige Juden ihre Gemeinschaft in der Diaspora leben und bewahren müssen. So berichtet schon das Buch Ester (3, 8) dass der Perser Haman die Juden als „ein zerstreutes und abgesondertes Volk, dessen Satzungen von denen aller Welt verschieden sind und das die Satzungen des Königs nicht befolgt“ denunziert und verfolgt. Gegen die starke Judengemeinde in Alexandrien wurde im Jahre 38 n.Chr. ein Pogrom angezettelt, weil sie sich weigerten, in den Synagogen Standbilder des Kaisers aufzustellen. Die Juden geraten also gegenüber dem Kaiserkult in die gleiche Zwangslage wie die Christen. Nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 n.Chr. wird die Tempelsteuer von dem Römern in eine Judensteuer zugunsten des Jupiter Capitolinus umgewandelt, was natürlich eine schwere und beabsichtigte Demütigung der religiösen Gefühle bedeutet. Die Kaiser führen gesetzliche Bestimmungen ein, um eine jüdische Mission zu behindern. Im zweiten Jahrhundert n.Chr., als das Judenchristentum auch zahlenmäßig immer weniger Bedeutung hat, verstärkt sich die Neigung, die neutestamentlichen Äußerungen unter totaler Verkennung ihres historischen Sinnes für anti-jüdische Polemik zu missbrauchen. Kaiser Konstantin macht das Christentum zur Staatsreligion, um die religiöse Einheit des Imperiums zu wahren. Um dieses Zweckes willen setzt eine verschärfte rechtliche Diskriminierung der Juden ein, die in die Rolle von Bürgern minderen Rechtes gedrängt werden. Jeder Missionsversuch wird unter Strafe gestellt. Eine antijüdische Polemik leider auch bei einigen Kirchenvätern begünstigt diese Entwicklung. Auch für das Mittelalter ist die Einheit von Staat und Kirche der tragende Ordnungsgedanke, der natürlich ebenfalls wieder zu Benachteiligung von Juden und antijüdischer Polemik führt. Als Nichtchristen unterstanden die Juden zwar grundsätzlich nicht der Inquisition. Es wurde aber die Auffassung vertreten, dass die Inquisition zuständig sei, wenn Christen zum jüdischen Glauben übertraten oder wenn versucht wurde, Christen zum Judentum zu bekehren. Die Inquisition sollte sogar dann zuständig sein, wenn von Juden Glaubenswahrheiten, die im Alten Testament enthalten sind, geleugnet wurden. Die rechtliche und wirtschaftliche Minderstellung und soziale Degradierung der Juden seit dem Mittelalter ist im Übrigen sattsam bekannt. Anlässlich der Kreuzzüge ließ sich auch die christliche Bevölkerung zu Pogromen gegen die Juden hinreißen (erstmals 1096). Es entstanden die schrecklichen antijüdischen Legenden über die angebliche Hostienschändung und den Ritualmord. In Spanien wurde Maßnahmen zur Zwangsbekehrung der Juden eingeleitet. Schließlich entstand tatsächlich die entsetzliche Situation der Ghettos. Das letzte europäische Ghetto vor der Nazizeit war übrigens das römische, das bis zum Ende des Kirchenstaates 1870 bestand. Die nationalistische und rassistische Motivation der Judenfeindschaft, also das, was wir heute vornehmlich unter Antisemitismus verstehen, ist dagegen erst im 19. Jahrhundert entstanden, beginnend vor allem mit dem französischen Rassentheoretiker Arthur de Gobineau. Der Gedanke der „Blutreinheit“ scheint aber schon im 16. Jahrhundert im Zusammenhang mit den Zwangsbekehrungen in Spanien (Marranen) aufgetaucht zu sein.

Revision Kirchlicher Verirrungen

Das IV. Laterankonzil verfügte, dass Juden ein Kennzeichen tragen und am Karfreitag in ihren Häusern bleiben mussten. Luther hatte zunächst 1523 eine relativ juden-freundliche Schrift mit dem Ziel ihrer friedlichen Bekehrung und Integration veröffentlicht („Dass Jesus ein geborener Jude sei“). 1543 aber forderte er das Verbot der jüdischen Religionsausübung, die Wegnahme ihrer religiösen Bücher, die Zerstörung ihrer Synagogen und Häuser, ihre Ghettoisierung und schließlich Auswanderung nach Israel („Von den Juden und ihren Lügen“).

Die antijüdischen Schriften Luthers sind von der ev.-lutherischen Kirche Kanadas auf ihrer Nationalversammlung 1995 offiziell verworfen worden.

Wenn auch erst  das Zweite Vatikanische Konzil und die Entschließung des Weltrates der Kirchen in New Delhi 1961 endgültig mit antisemitischen Anwandlungen in den Kirchen Schluss gemacht haben, darf doch folgendes nicht vergessen werden: Bereits1894 wandte sich der Kardinalstaatssekretär Rampolla gegen antisemitische Passagen, die christlich-soziale Politiker in Wien in ihr Parteiprogramm aufnehmen wollten. Eine ausdrückliche Verurteilung des Antisemitismus wurde von Rom bereits 1928 ausgesprochen.

Ungeachtet der Ablehnung des Evangeliums durch die Juden sagt das Konzil: „Nichts desto weniger sind die Juden nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt um der Väter willen; sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich“ (unter ausdrücklicher Bezugnahme auf Röm 11, 28-29). Ebenso wichtig ist der zentrale Satz zur Schuldfrage: „Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen. Gewiss ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern“. Schließlich werden alle Verfolgungen und Hassausbrüche bedauert und ausdrücklich verurteilt.

Gerade die Äußerung zur Frage der Schuld an Passion und Tod Jesu ist im Rahmen unseres Themas von entscheidender Bedeutung. Sie entspricht auch eindeutig der historischen Wahrheit. Kardinal König hat während der Konzilsdebatte wörtlich erklärt, für den Tod Jesu seien verantwortlich gewesen „eine kleine Gruppe Juden, ein Römer und eine Handvoll Syrer, die zur zehnten, in Palästina stationierten Kohorte (richtiger: Legion. H.K.) gehörten“.

                                                           

Blick in die Ökumene

 

 Katholizität muss sichtbar sein

In altlutherischen Kreisen gibt es die Meinung, weil das Glaubensbekenntnis von Nicaea-Konstantinopel in der einen, noch ungeteilten Kirche entstanden sei, gelte es  auch weiterhin in gleicher Weise für alle christlichen Kirchen. Diese imaginäre Katholizität  liefe also darauf hinaus, dass die Kirche als eine Art Leuenberger Super-Konkordie verstanden wird, in der alles so bleiben kann wie es ist. Auf dieser Basis ist ein Konsens mit der katholischen Kirche natürlich nicht möglich. Der Leiter des Johann-Adam-Moehler-Instituts für Ökumene in Paderborn, Wolfgang Thönissen schreibt im  Jahresbericht „2017 und Zukunft der Ökumene“ (KNA-ÖKI 51-52, 19.12.2017, Dokumentation): „Das Christentum braucht eine Einheit in gestalteter Vielfalt. Identitäten können ihre Eigenheiten entfalten, wenn klar ist, dass es Einigkeit im Fundament gibt. Es muss eine glaubwürdige und sichtbare Einheit in Christus geben. Wie sieht diese Gestalt der Einheit aus? Rechtfertigung, Sakramente, Amt und Kirche sind Elemente dieser Einheit. Unser gemeinsamer Glauben kann auf diese Grundelemente nicht verzichten. Das Christusbekenntnis ist nicht ohne das Bekenntnis zur Kirche und ihrer Einheit, die Gnade nicht ohne die vom Heiligen Geist inspirierten guten Werke, demnach Rechtfertigung nicht ohne Heiligung, die Heilige Schrift nicht ohne die Überlieferungsgemeinschaft Kirche. Nicht solus Christus sondern totus Christus heißt deshalb die Botschaft.“ (Hervorhebungen von mir)

Die Internationale Konferenz Bekennender Gemeinschaften hat ihren VII. Ökumenischen Bekenntniskongress unter das Thema „Evangelische Katholizität“ gestellt. Wie die in die Diakrisis 4/2017 wiedergegebenen Referate zeigen, geht es um ein klares altlutherisches Bekenntnis. Für katholisch hält man sich auch hier,  weil das  nizänische Glaubensbekenntnis für alle  christlichen Kirchen gelte. Die sichtbare Einheit, die Christus in seinem hohenpriesterlichen Gebet erfleht hat, ist das nicht. Ähnlich lehrt das theologische Grundsatzpapier der St. Johannesbruderschaft in der Hochkirchlichen Vereinigung Augsburgischen Bekenntnisses aufgrund der Privattheologie Friedrich Heilers, die katholische Kirche „subsistiere“ in allen christlichen Kirchen. Das Ergebnis ist das gleiche. Deshalb ist dem Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kurt Kardinal Koch zu danken, dass er in seinem Grußwort zum Bekenntniskongress geschrieben hat: „dass die Reformatoren, allen voran Martin Luther, keineswegs den Bruch mit der katholischen Kirche und die Gründung einer neuen Kirche gewollt haben… diese Kirchenreform konnte in der damaligen Zeit bedauerlicherweise nicht zur Erfüllung gelangen.

Das wirkliche Gelingen und damit auch die Vollendung der Reformation wird man deshalb erst in der Überwindung der ererbten Spaltungen unter den Christen und in der Wiederherstellung der im Geist des Evangeliums erneuerten einen Kirche wahrnehmen können“.  (Hervorhebungen von mir)

Kirchliche Trauung „für alle“ in der EKD?

Der Rat der EKD hat in einem viel beachteten Votum den Beschluss des Bundestages zur „Ehe für alle“ ausdrücklich begrüßt und die völlig undifferenzierte Definition von „ Ehe“ als verantwortlicher Lebensgemeinschaft zweier Menschen in vollem Umfang akzeptiert. Das hat der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Schaumburg-Lippe, Karl-Hinrich Manzke, in seinem Jahresbericht vor der Landessynode mit deutlichen Worten kritisiert und dazu eine ausführliche theologische Stellungnahme abgegeben, die in KNA-ÖKI 50, 12. Dezember 2017, in vollem Wortlaut dokumentiert ist.                          H. K.

 

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