Katholische Diakoninnen?

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Hansjürgen Knoche

 Aktuelle Bedeutung

Es ist oft gesagt worden, dass die römisch-katholische Kirche mit ihrem ausschließlich männlichen Klerus einen Mangel an weiblichem Einfühlungsvermögen und mütterlicher Wärme habe. In den evangelischen Landeskirchen hingegen sind inzwischen oft schon überwiegend Frauen im geistlichen Dienst. Wenn man nicht für alle Zeiten in einer feministischen oder antifeministischen Sackgasse stecken bleiben will, muss man nach dem Dienst von Frauen an und in der Kirche fragen.  Kirchen und Gemeinschaften, die Frauenordination grundsätzlich ablehnen, könnten Frauen für ihre Anliegen und für ökumenische Initiativen gewinnen, wenn sie nicht nur sagen müssten, dass sie keine Frauen ordinieren, sondern  auch sagen könnten: Für ein geistliches Amt der Frau, das  dem Glauben der Kirche  nicht widerstreitet, sind wir offen.

Kirchliche Erklärungen

Mit der urkirchlichen Tradition halten die  Römisch-Katholische und die Orthodoxen Kirchen an der alleinigen Weihe von Männern fest. Die Gründe sind in der Erklärung der Glaubenskongregation vom 15. 10 1976  zusammengefasst. Dazu gehört vor allem, dass Bischöfe und Priester bei der Ausübung ihres Amtes nicht in eigener Person handeln, sondern Christus vergegenwärtigen, der durch sie handelt. Da sie also „in persona Christi capitis“ handeln und Christus ein Mann gewesen sei, müsse auch eine „natürliche Ähnlichkeit“ (naturalis similitudo, DH 4600) ) des Bischofs und Priesters mit ihm gegeben sein. In dem Apostolischen Schreiben von Papst Johannes Paul II. „Ordinatio sacerdotalis“ über die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe vom 22. 5. 1994  wurde noch einmal auf diese Erklärung hingewiesen und diese inhaltlich bestätigt. Daraus folgt, dass Frauen auch nicht zum Diakonat geweiht werden könnten. Can. 1024 CIC sagt: „Die heilige Weihe empfängt gültig nur ein getaufter Mann“. Das wichtigste Argument war bisher, dass Aufgrund des dreigestuften Weiheamtes Frauen nicht zu einem sakramentalen Diakonat zugelassen werden könnten. Bischofs-. Priester- und Diakonenamt könnten nicht getrennt werden. Sie seien Entfaltungen des einen besonderen Amtes der Apostelnachfolge.

Nicht abgeschlossen ist damit aber die immer drängendere Frage nach der Bedeutung der Frau für die Kirche und ihrer spezielle Berufung in ihr. In diesem Zusammenhang sin  auch   Vorschläge für ein eigenständiges frauengerechtes Amt „sui generis“ in der Kirche aktuell und bedenkenswert. Auch der orthodoxe Metropolit Michael Staikos von Wien setzte sich vor Jahren für die Wiederbelebung des in der frühen orthodoxen Kirche bestehenden Diakonissenamtes ein, welches sich allerdings nicht mit dem des männlichen Diakons völlig gleichsetzen lässt.

Ein Amt sui generis?

Jedenfalls gibt es aber keine endgültige oder dogmatisch bindende Entscheidung gegen ein kirchliches Amt der Frau überhaupt. Deshalb erscheint es realistisch und in der gegenwärtigen kirchlichen Situation auch notwendig, zunächst in dieser Richtung weiterzudenken. 

In diesem Zusammenhang wird öfter darauf hingewiesen, dass es ja auch immer „geweihte Äbtissinnen“ gegeben habe, also könne es auch geweihte Diakoninnen geben. Dieses Argument ist nicht ganz richtig, aber trotzdem oder vielleicht gerade deswegen hilfreich. Die Abts- und Äbtissinnen-„Weihe“ ist nämlich ein Segnungsakt sui generis, eine „Benediktion“, die eine Analogie zu einem kirchlichen Amt für die Frau sein könnte. Sie ist  eine feierliche Einsegnung. Abt oder Äbtissin wird man durch Wahl, nicht durch Weihe. In der Benediktionsfeier werden dem oder der  Erwählten die Ordensregel und die Amtszeichen (Stab, Ring, oft auch die Mitra) überreicht. Sie überträgt auch Vollmachten, die denen eines Bischofs teilweise gleich sind, eine quasi-bischöfliche Jurisdiktion. Sie haben kein Weiheamt, aber ein Leitungsamt.

Bedeutung des Motu proprio „Omnium in mentem“

 Schon das  Motu proprio „Omnium in mentem“ vom 15. Dezember 2009 bestärkte den Eindruck, dass man einem Diakonat für Frauen oder einem dem Diakonat sehr ähnlichen Amt näher komme. Hier wurde nämlich ein bisher unüberwindlich scheinendes kirchenrechtliches Hindernis beseitigt und damit auch das am schwersten wiegende Gegenargument aus „Inter insigniores“ und „Ordinatio sacerdotalis“ zumindest relativiert: Es wurde nun klar zwischen den Kompetenzen von Bischöfen und Priestern gegenüber denen des Diakons unterschieden und das Kirchenrecht der jetzt geltenden Fassung der Nr. 1581 des Katechismus der Katholischen Kirche (Weltkatechismus) angepasst. In dessen erster Ausgabe hieß es, dass die Weihe [Bischöfe, Priester und Diakone in gleicher Weise] dazu ermächtige, „als Vertreter Christi, des Hauptes, in dessen dreifacher Funktion als Priester, Prophet und König zu handeln". Später hielt es die Kongregation für die Glaubenslehre für notwendig klarzustellen, dass die Befähigung, „in der Person Christi des Hauptes zu handeln", nur für die Bischöfe und  Priester gilt. Deshalb wurde der Text wie folgt neu gefasst: „Von Ihm (= Christus) empfangen die Bischöfe und die Priester die Sendung und die Vollmacht, in der Person Christi des Hauptes zu handeln, die Diakone hingegen die Kraft, dem Volk Gottes in der ‚Diakonie' der Liturgie, des Wortes und der Liebe zu dienen". Am 9. Oktober 1998 approbierte Johannes Paul II. diese Neufassung und ordnete eine entsprechende Anpassung des kirchlichen Gesetzbuchs an, die allerdings ein reichliches Jahrzehnt gedauert hat. Auch in c. 1008 CIC  hieß es bisher für Bischöfe, Priester und Diakone gleichlautend: „... die Dienste des Lehrens, des Heiligens und des Leitens in der Person Christi des Hauptes zu leisten und dadurch das Volk Gottes zu weiden“. Der jetzt geänderte Text lautet aber: „Durch das Sakrament der Weihe werden kraft göttlicher Weisung aus dem Kreis der Gläubigen einige mittels eines untilgbaren Prägemals, mit dem sie gezeichnet werden, zu geistlichen Amtsträgern bestellt; sie werden ja dazu geweiht und bestimmt, entsprechend ihrer jeweiligen Weihestufe unter einem neuen und besonderen Amt dem Volk Gottes zu dienen“. Dem can. 1009 wird folgende Bestimmung hinzugefügt: „Diejenigen, die zur Bischöfen und Priestern geweiht worden sind, empfangen das Amt und die Möglichkeit, in der Person Christi des Hauptes zu handeln, die Diakone hingegen erhalten die Aufgabe, das Volk Gottes im Dienst an der Liturgie, am Wort und der Nächstenliebe zu unterstützen“. Damit ist das Argument ausgeräumt, Frauen könnten nicht Diakoninnen werden, weil sie nicht befähigt seien, „in persona Christi capitis“  zu handeln.

Parallelen zum Ständigen Diakonat für Männer

Nach einer wechselvollen Geschichte wurde der ständige Diakonat sowohl in der altkatholischen Kirche wie auch in der römisch-katholischen Kirche wieder eingeführt. In der römisch-katholischen Kirche erfolgte dies durch einen Beschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils. Seitdem werden wieder Männer, die  verheiratet sein und Familie haben können, zu Ständigen Diakonen geweiht. Dieses Amt ist zwar kirchenrechtlich dem Stand der Kleriker sehr ähnlich geordnet (vgl. CIC cc. 236, 273 ff), käme also nach der heute herrschenden Lehre für Frauen so nicht in Frage, bietet aber in seinen Befugnissen wichtige Parallelen zu einem kirchlichen Amt für Frauen. Ständige Diakone können ihren Dienst sowohl hauptberuflich als auch neben ihrem Zivilberuf ausüben. Sie übernehmen in der katholischen Kirche eine ständig wachsende Zahl von Aufgaben. Zu ihnen gehören der Dienst der Nächstenliebe,  die Verkündigung des Wortes Gottes und die die Mitwirkung in der Liturgie. Diakone helfen in der Seelsorge der Gemeinden. Sie sollen sich besonders den gesellschaftlichen Randgruppen zuwenden. Sie assistieren dem Priester in der Heiligen Messe, spenden die Taufe, leiten kirchliche Begräbnisfeiern und assistieren bei der Spendung des Sakraments der Ehe, feiern Wortgottesdienste und Andachten, halten Segnungsfeiern und bringen Alten und Kranken die heilige Kommunion. Diakone unterliegen grundsätzlich  der Verpflichtung zum Zölibat. Allerdings können auch verheiratete Männer zu Diakonen geweiht werden, sie werden für die Dauer der bestehenden Ehe vom Zölibat dispensiert.

Hier werden die zahlreichen Parallelen zu einem denkbaren kirchlichen Amt sui generis für die  Frau deutlich: Es handelt sich um alle Dienste, die nicht ausnahmsweise den Priestern und Bischöfen vorbehalten sind. Die Träger des Amtes können verheiratet sein, auch nebenberuflich amtieren, bürgerliche Tätigkeiten und Funktionen ausüben, die  Klerikern sonst nicht erlaubt sind. Warum sollten alle diese und ähnliche Funktionen, sogar in der Gemeinde- und Kirchenleitung, nicht Frauen übertragen werden können, und zwar mit einer entsprechenden  Benediktion?