Berühmte Frauen in der Bibel

Hansjürgen Knoche

 

I. Die Prophetinnen

Manche feministische Theologinnen urteilen sehr streng über die Heilige Schrift: Sie sei „sexistisch“ und „patriarchalisch“. Die Bedeutung und Leistung der Frauen werde systematisch verschleiert oder bagatellisiert. Ein Blick auf die großen Frauengestalten des Alten Testaments und das Frauenbild des Neuen Testaments zeigt aber, dass es so nicht ist. Die Bibel folgt keineswegs der Macho-Parole, die Frauen hätten nichts zu sagen, das aber laut und häufig. Sie zeigt uns vielmehr starke und mutige Frauen, die Wichtiges gesagt und getan und damit die Geschichte wesentlich mit gestaltet haben. Sie verschweigt freilich auch nicht ihre menschlichen Schwächen und manche Charaktermängel, aber das gilt für die Männer in der Bibel genauso: „Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren. ohne es verdient zu haben, werden sie gerecht dank seiner Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus“ (Röm3, 23). Die Reihe der starken und bedeutenden Frauen beginnt mit den Prophetinnen.

Schon in den frühesten Zeiten Israels treten Propheten auf. Das sind Menschen, denen Gott  eine bestimmte Botschaft aufgetragen hat. Sie verkünden dem ganzen Volk Israel oder einzelnen Personen, besonders dem König und den führenden Kreisen, was Gott ihnen in einer bestimmten Situation zu verkünden oder zu befehlen hat. Dazu gehört in vielen Fällen auch eine Vorausschau in die Zukunft. Im Mittelpunkt stehen aber Mahnungen und Gerichtsdrohungen oder auch Trost und Ermutigung für das Volk oder die angesprochenen Personen. Man spricht aber wenig davon, dass es besonders in der Frühzeit Israels auch große Frauengestalten gegeben hat, die als Prophetinnen bezeichnet werden.

Mirjam

Die erste Frau, die so genannt wird, ist Mirjam (Maria), die ältere Schwester von Mose und seinem Bruder Aaron. Von ihr wird besonders im zweiten Buch Mose (Exodus) berichtet. Wie man annimmt, spielt sie schon in der Jugendgeschichte von Mose eine Rolle: Weil der Pharao den Hebammen befohlen hatte, jeden neu geborenen jüdischen Knaben zu töten (2 Mose 1), versuchte seine Mutter zunächst, ihn zu verstecken. Als das nicht mehr länger möglich war, setzte sie den kleinen Mose in ein Papyruskörbchen und legte ihn in das Schilf am Flussufer, wo ihn eine pharaonische Prinzessin fand. „Aber seine Schwester stellte sich in einiger Entfernung hin, damit sie erführe, wie es ihm ergehen würde ...“ (2 Mose 2, 4). Sie bot dann der Prinzessin an, eine hebräische Amme zu rufen, die  das Kind stillen sollte. Die Schwester des Mose vermittelte dann, dass seine leibliche Mutter diese Amme wurde (2 Mose 2, 3-9). Diese nicht mit Namen genannte Schwester ist wahrscheinlich Mirjam gewesen.

Jahrzehnte später, in hohem Alter, führte sie als Prophetin den Triumphgesang der Frauen nach dem Untergang der Ägypter im Roten Meer an (2 Mose 15, 21; Gute Nachricht Bibel): Mirjam sang ihnen vor und sie antworteten im Chor: „Singt, alle, singt, dem HERRN zu Ehren,/ denn er hat siegreich seine Macht gezeigt: / Ins Meer geworfen hat er Ross und Mann!“ In diesem Zusammenhang wird sie als Prophetin bezeichnet.

Sie war aber nicht immer mit den Entscheidungen ihres Bruders Mose einverstanden. Als er eine Äthiopierin zur Frau genommen hatte, lehnte sie sich zusammen mit ihrem Bruder Aaron gegen ihn auf und sagte: „Redet denn der Herr allein durch Mose? Redet er nicht auch durch uns?“ (4 Mose 12, 2). Hier scheint eine gewisse Eifersucht gegen die Führerstellung von Mose im Spiel gewesen zu sein, es zeigt aber auch die große Autorität, die auch Mirjam und Aaron im Volk hatten. Mose selbst war offenbar zu „sanftmütig“ um dem energisch entgegenzutreten (4 Mose 12, 3). Da trat Gott selbst Mirjam und Aaron in der Wolkensäule entgegen und zog sie zur Rechenschaft. Mirjam wurde mit Aussatz bestraft (4 Mose 12, 1o). Auf Moses Fürbitte hin wurde sie nach sieben Tagen Aufenthalt außerhalb des Lagers geheilt und wieder in das Volk aufgenommen (4 Mose 12, 13-15).

Gegen Ende der Wüstenwanderung starb sie im hohen Alter bei Kadesch und wurde dort begraben (4 Mose 2o, 1). Sie blieb als große jüdische Frauengestalt immer im hohen Ansehen. Zusammen mit ihren Brüdern wurde sie als Führerin des Volkes beim Auszug aus Ägypten verehrt (Micha 6, 4).

Hulda

Als weitere Prophetin wird Hulda genannt, die Frau des Vorstehers der königlichen Kleiderkammer, Sallum. Als unter König Josia (639/38-6o9) Israel sich allmählich aus der assyrischen Herrschaft befreien konnte und der assyrische Staatskult im Tempel in Jerusalem beendet wurde, fand man bei Renovierungsarbeiten im Tempel „das Gesetzbuch“ (wahrscheinlich 5. Mose, Deuteronomium) wieder (2 Könige 22, 8). Die Verlesung löste Entsetzen über die damals eingerissenen religiösen Zustände aus und führte zu einer entsprechenden Reformbewegung. Hulda wurde als Prophetin über die Autorität des gefundenen Gesetzesbuches befragt und bestätigte seine Verbindlichkeit mit den Worten:

„So spricht der Herr: Siehe, ich will Unglück bringen über diesen ort und über        seine Bewohner, nämlich alle Worte des Buches, welches der König von Juda gelesen hat, weil sie mich verlassen und anderen Göttern geräuchert haben ... darum wird mein Grimm gegen diesen ort entbrennen und nicht ausgelöscht werden. Aber dem König von Juda, der euch gesandt hat, den Herrn zu befragen sollt ihr sagen: ... Weil dein Herz weich geworden ist und du dich vor dem Herrn gedemütigt hast, ... weil du deine Kleiner zerrissen und vor mir geweint hast, ... will ich dich zu deinen Vätern versammeln, dass du in Frieden in dein Grab gebracht wirst, und deine Augen sollen alles Unglück dass ich über diesen ort bringen will, nicht sehen“ (2 Könige 22, 14-2o).

Noadja

Eine weniger rühmliche Rolle spielte eine Prophetin namens Noadja in der Zeit Nehemias. Er war der organisator des Neuaufbaus in Juda und Jerusalem nach dem Exil in der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts vor Christus. Ursprünglich war er hoher Beamter am Königshof in Susa, wurde dann aber zum persischen Statthalter in Jerusalem ernannt. Er ließ die zerstörte Stadtmauer wieder aufbauen und brachte den größten Teil der jüdischen Bevölkerung hinter sich. Ferner sorgte er für einen Schuldenerlass (eine Art „Lastenausgleich“) für die Not leidenden Teile der Bevölkerung. Er organisierte den Zuzug nach Jerusalem, um der Hauptstadt wieder eine ausreichende Bevölkerung zu verschaffen. Für die Einhaltung der jüdischen Religionsgesetze, insbesondere die Beachtung des Sabbatgebots, und gegen Mischehen von Juden mit Nichtjuden machte er sich stark. Gegenüber zahlreichen politischen Anfeindungen musste er sich behaupten. Auch eine prophetische Bewegung scheint gegen ihn opponiert zu haben. Es gab auch Mordpläne gegen ihn. Deshalb betet er an einer Stelle: „Gedenke, mein Gott, ... auch der Prophetin Noadja und der anderen Propheten, die mir Furcht einjagen wollten!“ (Nehemia 6, 14).

Madame Jesaja

Es gibt auch eine Frau, die wohl nicht deshalb als Prophetin bezeichnet wird, weil sie selbst dieses Amt ausgeübt hat, sondern weil sie als Ehefrau eines Propheten dessen schweres Lebensschicksal mit getragen und erduldet hat. Es ist die Frau des Propheten Jesaja. Er musste seinem Volk die bevorstehende Eroberung von Israel durch die Assyrer voraus verkünden und wurde dazu von Gott mit zwei symbolischen Handlungen beauftragt: Zunächst musste er auf eine große öffentlich ausgestellte Tafel schreiben: „Bald kommt Plünderung, eilends Raub“ (Jes 8, 1; Genfer Studienbibel). Dann musste er dem Sohn, den ihm seine Frau, „die Prophetin“, schenkte, den Namen „Raubebald-Eilebeute“ geben (Jes 8, 3; Lutherbibel). Man könnte meinen: Wieder so ein Fall, wo unvernünftige Eltern ihr Kind durch die Verleihung eines unmöglichen Vornamens für das ganze Leben schädigen? Hier geht es aber doch um mehr. Die Propheten des Alten Testaments mussten oft genug für die Ausführung ihres Auftrages selbst große Leiden erdulden, und auch ihre Familien blieben davon nicht unberührt.

Hanna

Schließlich tritt bei der Darstellung des Jesuskindes im Tempel von Jerusalem (d.h. bei der Darbringung des Erstgeburtsopfers für ihn) noch eine Prophetin aus der Welt des Alten Testaments auf. Nachdem der greise Simeon seinen Lobgesang angestimmt hat („Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen“, Lk 2, 29.3o), wird auch von einer Prophetin Namens Hanna berichtet: „Die war hoch betagt, sie hatte sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt, nachdem sie geheiratet hatte, und war nun eine Witwe an die 84 Jahre; die wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. Die trat auch hinzu zu der selben Stunde und pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten“ (Lk 2, 36-38; Lutherbibel).

Debora

Die wohl größte als Prophetin bezeichnete Frauengestalt des Alten Testaments haben wir uns bis zuletzt aufgehoben: Es ist Debora („Biene“), die nicht nur als Prophetin, sondern auch noch als Richterin bezeichnet wird. Die im Buch der Richter geschilderten Führergestalten, die so genannten großen Richter, haben keine gerichtlichen Funktionen ausgeübt wie etwa die Könige (man denke besonders an Salomo) und Männer wie Josua und Samuel. Sie waren vielmehr begnadete Volksführer in Notzeiten, insbesondere Zeiten der Bedrohung durch äußere Feinde. In dieser Zeit unterstanden die Stämme Israels noch keiner zentralen Regierungsgewalt; sondern lebten autonom. In Zeiten der Not und Bedrohung wurden aber solche „Richter“ als politische und militärische Führer gewählt oder beauftragt. Die einzige Frau unter ihnen war Debora. Sie leitete die Befreiung der galiläischen Stämme Sebulon, Naftali und Isaschar von der Bedrückung durch die Kanaanäer ein, indem sie den oberbefehlshaber Barak („Blitz“) zum militärischen Befreiungsschlag inspirierte, der mit einem Sieg über die Kanaanäer in der Jesreel-Ebene endete. Barak traute sich das offenbar allein nicht zu, denn er sagte zu Debora: „Ich gehe nur, wenn du mitkommst! ohne dich gehe ich nicht“ (Ri 4, 8). Sie antworte ihm: „Gut, ich komme mit. Aber der Ruhm für den Sieg wird dann nicht dir gehören. Der Herr wird Sisera in die Hand einer Frau geben!“ (Ri 4, 9; Sisera war der oberkommandierende der kanaanäischen Armee und vielleicht auch selbst König und Anführer der politischen Koalition gegen Israel). Als Barak dann genügend Kämpfer aus den Stämmen Naftali und Sebulon auf dem Berg Tabor gesammelt hatte, gab Debora den Befehl zum Angriff und sagte zu Barak: „Schlag los! Heute hat der Herr dir Sisera und sein ganzes Heer ausgeliefert. Ich sehe, wie der Herr selbst vor dir her in die Schlacht zieht!“. Man sieht, wie sich hier die prophetische Gabe der Vorausschau und das Charisma einer großen Volksführerin in dieser Frau verbunden haben. Nach errungenem Sieg sang sie zusammen mit Barak das große Siegeslied (Ri 5, 2-31; Gute Nachricht Bibel):

 

 

2 Zum Kampf entschlossen war ganz Israel, / freiwillig stellten sich die Männer ein / gelobt, gepriesen sei der HERR dafür! 3 Ihr Könige und Fürsten, hört mir zu! Dem HERRN zu Ehren will ich singen, / erklingen soll mein Lied und Spiel / zum Ruhm des Gottes Israels!  4 Als du vom Bergland Seïr auszogst, HERR, / und zu uns kamst von Edoms grünen Steppen, / da zitterte vor dir die ganze Erde, / vom Himmel stürzten Wasserfluten nieder, / die Wolken gossen ihren Regen aus. 5 Die Berge schwankten, als der HERR sich nahte, / der Gott, den sein Volk Israel verehrt, / der seinem Volk am Sinai erschien. 6 Zur Zeit, als Schamgar lebte, Anats Sohn, / auch in den Tagen Jaëls, der Keniterin, / da lagen alle Wege menschenleer; /  wer damals über Land zu reisen hatte, / der musste auf versteckten Pfaden gehn.  7 Die Felder wagte niemand zu bestellen, / wie ausgestorben waren alle Dörfer, / bis endlich du, Debora, dich erhobst / und handeltest, du Mutter Israels! 8 Noch hielt das Volk nach neuen Göttern Ausschau, / da stand auch schon der Feind vor ihren Toren./ Doch von den vierzigtausend Männern Israels besaß nicht einer Speer und Schild.  9 Mein Herz schlägt für die Helden Israels, / die Männer aus dem Volk, die willig kamen / gelobt, gepriesen sei der HERR dafür! 1o Geht in euch, denkt darüber nach, ihr alle, / die vornehm ihr auf weißen Eseln reitet, / die ihr auf einem weichen Teppich sitzt, / auch ihr, die ihr zu Fuß die Straße zieht! 11 An allen Brunnen, wo die Hirten lärmen / und Wasser schöpfen, um ihr Vieh zu tränken, / dort soll man laut die großen Taten rühmen, / durch die der HERR sein Volk gerettet hat; /  dazu soll Israel aus allen Städten kommen!  12 Auf, auf, Debora, auf und sing dein Lied! / Auf, Barak, Abinoams Sohn, auch du, / bring die herbei, die du gefangen hast! / 13 Es kamen alle, die noch übrig waren, / und stießen zu den Führern Israels; / gerüstet kam das Volk des HERRN zu ihm: 14 die Efraïmiten, stark wie Amalekiter, / danach die mutigen Scharen Benjamins; / von Machir kamen mächtige Gebieter, /  von Sebulon die Führer mit dem Stab; 15 die Fürsten Issachars erschienen alle, / gemeinsam mit Debora kamen sie /  und Barak folgte ihnen auf dem Fuß / so stürmten sie hinunter in das Tal. /   Die Sippen Rubens hielten lange Rat /und konnten sich trotz allem nicht entschließen. 16 Was bleibt ihr zwischen euren Hürden liegen / und hört dem Flötenspiel der Hirten zu? / Bei Ruben überlegten sie zu lange!  17 Von Gad in Gilead war keiner da, /   sie blieben auf der andern Jordanseite. / Warum verweilte Dan bei seinen Schiffen? / Am Strand des Meeres wohnen die von Ascher, / sie blieben dort an seinen Buchten sitzen. 18 Doch die von Sebulon und Naftali / bewiesen auf dem Schlachtfeld ihren Mut /   und setzten ohne Furcht ihr Leben ein. 19 Da kamen sie, die Herrscher Kanaans, / sie rückten an zur Schlacht bei Taanach, / beim Bache von Megiddo kämpften sie; /  doch Silberbeute gab es nicht zu holen.  2o Sogar die Sterne droben griffen ein / von ihren hohen Himmelsbahnen aus, / sie kämpften gegen Sisera mit Macht. /  21 Der Kischon drang heran mit seiner Flut / und riss die Feinde alle mit sich fort. /  Auf, auf, mein Herz, nimm allen Mut zusammen!  22 Da jagten sie heran, die schnellen Rosse, / der Boden dröhnte unter ihren Hufen. 23 Sprecht einen Fluch aus über die Stadt Meros! / – Das sagt der HERR durch seinen Engel. /  Verflucht die Stadt und alle, die dort wohnen, /  weil sie dem HERRN nicht Beistand leisten wollten, / weil ihre Krieger ihm nicht halfen! 24 Doch Gottes Segen komme über Jaël, / die Frau von Heber, dem Keniter! / Gepriesen sei sie unter allen Frauen! 25 Als Sisera bei ihr um Wasser bat, /  da reichte sie ihm sogar Milch zu trinken, / in edler Schale gab sie ihm den Trunk.  26 Doch dann ergriff sie einen spitzen Zeltpflock /  und mit der Rechten packte sie den Hammer. / Dann schlug sie zu, zermalmte ihm den Schädel, / durchbohrte seine Schläfe mit dem Pflock.  27 Er brach zusammen, stürzte nieder, / vor ihren Füßen blieb er liegen. / Tot lag er da, das war sein Ende. 28 Zu Hause wartet ängstlich seine Mutter, / voll Sorge späht sie durch das Gitterfenster. / »Wo bleibt er?«, fragt sie. »Warum kommt er nicht? / Wann höre ich das Dröhnen seines Wagens?«  29 Die klügste ihrer Edelfrauen sagt / die Mutter spricht es immer wieder nach: / 3o »Gewiss, sie haben Beute, teilen sie: / ein Mädchen oder zwei für jeden Mann, /  für Sisera gewebte, teure Stoffe /  und zwei gestickte, bunte Tücher /  für jede Frau, die sie erbeutet haben.« 31 Wie Sisera so soll es allen gehen, /  die dir, HERR, feindlich gegenüber treten! / Doch deine Freunde sollen siegreich sein, / der Sonne gleich, die strahlend sich erhebt!

 

Es ist eines der dichterisch schönsten Lieder des Alten Testaments (was in dieser Übersetzung auch gut zum Ausdruck kommt) und zugleich eines der ältesten, aus dem 12. Jahrhundert v. Chr. Sein Dichter ist leider unbekannt. Es ist zugleich ein klarer Spiegel für den Glauben des alten Israel an das gnädige und mächtige Handeln Gottes im Leben der Völker und der einzelnen Menschen und Ausdruck der Zuversicht, dass Gott sein Volk Israel nicht im Stich lässt.

 

Vierzig Jahre lang hatte das Land nun Ruhe vor seinen  Feinden.

 

 

 

 

II. Kluge Frauen

 

Rahab

Das Alte Testament erzählt uns eine Geschichte, die zwar um 123o v.Chr. spielt, sich aber  auch heute noch ereignen soll: die Zusammenarbeit zwischen dem ältesten Gewerbe der Welt, also der verkäuflichen Liebe, mit dem zweitältesten Gewerbe, nämlich der Spionage. Nachdem Tod von Mose, der das Israel versprochene Land nur noch aus der Ferne überblicken durfte (5 Mose 34) wurde Josua, der Sohn Nuns, „mit dem Geist der Weisheit erfüllt; denn Mose hatte seine Hände auf ihn gelegt und die Kinder Israels gehorchten ihm und taten wie der Herr Mose geboten hatte“ (5 Mose 34,9). Übrigens eines der ältesten Zeugnisse dafür, dass unter Juden wie unter Christen die göttliche Beauftragung durch Handauflegung vermittelt und weiter gegeben wird. Joschua ist übrigens die Verkürzung von Jeho-schua und später auch Jeschua, also Jesus, und bedeutet: Gott ist Rettung (Hilfe).

 

Um 123o übernahm also Josua den militärischen oberbefehl und begann den Einmarsch in das verheißene Land. Als umsichtiger Führer schickte er zunächst zwei Kundschafter in die erste Stadt voraus, die erobert werden musste, nämlich nach Jericho (Israel rückte ja von osten, also vom heutigen Transjordanien aus, am Nordende des Toten Meeres über den Jordan, also sozusagen durch die Hintertür, und Jericho war dann die erste größere Stadt auf dem Weg).

 

Die Männer wurden also als Geheimagenten ausgesandt (Jos 2,1) und landeten auf der Suche nach einem möglichst unauffälligen Quartier im Eros-Center der Prostituierten Rahab. Der Name hat übrigens nichts mit dem scheinbar gleichnamigen urweltlichen Ungeheuer zu tun, das mitunter auch als Symbol feindlicher Mächte genannt wird (Hiob 9,13; 26,12; Jes 3o,7; 51,9) dieser Name bedeutet so viel wie Stolz, Hochmut, Auflehnung. Bei der hier be-sprochenen Gunstgewerblerin liegt dagegen der Wortstamm  rachab zugrunde, was so viel wie weit, breit, geöffnet oder, als Tätigkeitswort, öffnen heißt.

 

Die beiden Agenten wurden aber von irgend jemandem verpfiffen, und ein Festnahme-Kommando erschien im Hause von Rahab. Hier zeigte sie ihre Schlauheit. Sie sagte: „Freilich sind Männer zu mir hereingekommen, aber ich wusste nicht woher sie waren. Als nach Einbruch der Dunkelheit die Tore geschlossen werden sollten, gingen sie hinaus, ich weiß nicht wohin. Jagd ihnen schnell nach, dann werdet ihr sie einholen“ (Jos 2, 4-5). Diese Antwort war professionell, denn in beiden Gewerbezweigen wird Diskretion groß geschrieben. Das Festnahme-Kommando jagte davon, aber die beiden Agenten waren auf dem Dach unter Flachs-Stängeln versteckt, und nun zeigte die Freudendame nicht nur Schlauheit, sondern auch politischen Weitblick. Sie sagte zu ihnen: „Ich weiß, dass euch der Herr das Land geben wird; denn es hat uns Furcht vor Euch überfallen, und alle Einwohner des Landes sind vor Euch verzagt“ (Vers 9). Und dann schlug sie einen Deal vor, der auch prompt ausgeführt wurde: Die Männer wurden in einem Korb über die Stadtmauer herunter gelassen und konnten entkommen, mussten aber vorher eidlich versprechen, Rahab und ihre Angehörigen im Falle der Einname  Jerichos zu verschonen. Das Erkennungszeichen für die Eroberer sollte ein aus dem Fenster hängendes rotes Seil sein (Vers 21). Die Kundschafter erhielten auch noch gute Ratschläge, wie sie das Land am sichersten verlassen könnten.

 

So ist dann alles auch gekommen. Josua gab den Befehl, die eroberte Stadt vollkommen zu zerstören und nur Rahab und ihre Angehörigen am Leben zu lassen (Jos 6, 17). Sie wurde mit der ganzen Familie sicher aus der Stadt heraus geführt (Verse 22, 23).

 

Ist das nicht eine sehr unmoralische Geschichte? Die Genfer Studienbibel bemerkt aber dazu: „Josua 2 bezeugt die Macht der Gnade Gottes, die eine solche Frau dazu bewegt, seine Barmherzigkeit zu suchen und zu finden. Die Geschichte von Rahab wirft ein Licht auf das Gericht Gottes, das in diesem Buch einen so wichtigen Stellenwert hat“ (Anm. zu Jos 2, 1-24).

 

Man könnte hier fast an das Wort des großen Geschichtsphilosophen Hegel denken, dass der Weltgeist durch alle menschlichen Leidenschaften, Verfehlungen und Unzulänglichkeiten hindurch, ja gerade durch sie, seine Ziele verfolgt und erreicht. Aus dem Mund dieser Prosti-tuierten „hören die Kundschafter die Bestätigung der Verheißung und der Macht Gottes“ (a.a.o.).

 

Das Neue Testament bestätigt uns in dieser Betrachtungsweise: „Durch den Glauben ging Rahab, die Hure, nicht verloren mit den Ungläubigen, weil sie die Kundschafter mit Frieden aufgenommen hatte“ (Hebr 11, 33). „Ist nicht ebenso auch die Hure Rahab durch Werke gerechtfertigt worden, da sie die Boten aufnahm und auf einem anderen Wege entließ?“ (Jak 2, 25). Im Stammbaum Jesu taucht Rahab unter den unmittelbaren Vorfahren des Königs David und damit auch der Vorfahren Jesu auf (Mt 1, 5). Hierzu heißt es in der Genfer Studienbibel (Anm. zu Mt 1, 3 – 16): „Frauen werden gewöhnlich in den Genealogien des Vorderen ori-ents nicht erwähnt, aber sie sind wesentlich für Gottes Absicht der Sendung Christi. Die fünf in der Genealogie Jesu genannten Frauen erinnern uns alle daran, dass Gott oft das Unerwar-tete tut und das Unscheinbare erwählt. Tamar erinnert uns an Judas Vergehen, Rahab war eine Hure, Ruth war eine Moabiterin und daher unter einem besonderen Fluch, Urias Frau Batseba erinnert an Davids Fall. Maria erfüllt nicht nur Jes 7, 14, sondern die viel wichtigere Ver-heißung von 1 Mose 3, 15 (vgl. Gal 4, 4)“. Mit dem letzten Satz wird auf das sogenannte Proto-Evangelium (1 Mose 3, 15) hingewiesen: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, zwischen deinem Samen und ihrem Samen, derselbe soll dir den Kopf zertreten und du wirst ihn in die Ferse stechen“. Diese Stelle wird in der Kirche von jeher auf die Mutter Gottes gedeutet. Sie erfüllt und vollendet die Sendung all der Frauen, die in der Heilsge-schichte Gottes eine Rolle spielen durften, so unvollkommen sie auch oft waren.

 

 

 Abigajil

Wenn sich eine schöne und kluge Frau in freundlichster und höflichster Weise nähert, noch dazu mit vielen Geschenken bepackt, dann schmelzen  Männerherzen. So erging es David, als er auf der Flucht vor dem Killerkommandos König Sauls mit seinen Männern in die Nähe von Karmel kam, wo ein schwer reicher Mann Namens Nabal ansässig war. „Der Mann hieß Nabal, seine Frau hieß Abigajil. Und sie war eine Frau von Verstand und schön von Angesicht, der Mann aber war roh und boshaft  in seinem Tun“ (1 Sam 25, 3). Die beiden Namen passen zu dieser Geschichte, die in der Zeit vor dem Tode Sauls (1oo4 v. Chr.) spielt. Nabal heißt Tor, Dummkopf; Abigajil heißt „mein Vater ist Freude“. David also bat den Nabal höflich um Proviant für sich und seine Leute. Der aber antwortete: „Wer ist David? ... Es gibt jetzt viele Knechte, die ihren Herren davongelaufen sind“  (1 Sam 25, 1o) und weigerte sich. Daraufhin machte sich David mit 4oo bewaffneten Männern auf, um die Sache mit Waffengewalt auszutragen. Wieder einmal musste eine kluge und diplomatische Frau einen Krieg verhüten. Abigajil erfuhr von dieser Geschichte, auch davon, dass Davids Männer die Hirten von Nabal geschützt und ihnen keinen Schaden zugefügt hatten. Der Bedienstete, der das Herannahen Davids mit seiner Freischar meldete, wandte sich wohlweislich nicht an Nabal, sondern an Abigajil. Die wusste was  zu tun war: Sie nahm 2oo Brote, zwei Krüge Wein, fünf zubereitete Schafe, fünf Maß Röstkorn, hundert Rosinenkuchen und zweihundert Feigenkuchen und lud alles auf einen Esel (V. 18). Ihre Ansprache an David (1 Sam 25, 24-31) war ein Meisterstück weiblicher Diplomatie. Die wichtigsten Verse seien hier (nach „Die gute Nachricht“) wiedergegeben:

 

„Als nun Abigajil David sah, stieg sie eilends vom Esel und fiel vor David nieder und beugte sich zur Erde und fiel ihm zu Füßen und sprach: „Ach, mein Herr, auf mich allein falle die Schuld! Mein Herr errege sich nicht über Nabal, diesen heillosen Menschen, denn wie sein Name so ist er: er heißt Tor, und Torheit ist bei ihm. Ich aber, deine Magd, habe die Leute meines Herrn nicht gesehen, die du gesandt hast. Nun aber, mein Herr, so wahr der Herr lebt und so wahr du selbst lebst: der Herr hat dich davor bewahrt, in Blutschuld zu geraten und dir mit eigener Hand zu helfen. So sollen deine Feinde und alle die meinem Herrn übelwollen,  wie Nabal werden! Hier ist die Segensgabe, die deine Magd meinem Herrn gebracht hat; das soll den Leuten gegeben werden, die meinem Herrn folgen. Vergib deiner Magd die Anmaßung! Der Herr wird meinem Herrn ein beständiges Haus bauen, denn du führst des Herrn Kriege, es möge nichts Böses an dir gefunden werden dein Leben lang ... Wenn dann der Herr meinem Herrn all das Gute tun wird, was er dir zugesagt hat, und dich zum Fürsten bestellt hat über Israel, so wird das Herz meines Herrn frei sein von dem Anstoß und Ärgernis, dass du unschuldiges Blut vergossen und dir selber geholfen hast. Und wenn der Herr meinem Herrn wohl tun wird, so wollest du an deine Magd denken“.

 

David war entsprechend beeindruckt und wohl auch geschmeichelt, bedankte sich bei der schönen Frau und sagte: „Zieh mit Freuden hinauf in dein Haus; siehe, ich habe auf deine Stimme gehört und dein Antlitz wieder erhoben“ (V. 35).

 

Zehn Tage später starb Nabal, und David ließ Abigajil ausrichten, dass er sie zur Frau nehmen wolle. Sie wurde seine Frau, und die Ehe wurde offenbar glücklich. Im Krieg gegen die Amalekiter sah es zunächst schlecht für David aus. Die Feinde zerstörten die Stadt Ziklag und nahmen die beiden Frauen Davids, Ahinoam und Abigajil, gefangen. Schließlich besiegte David aber die Amalekiter, und beide Frauen konnten befreit werden ( 1 Sam 3o, 5.18). Abigajil schenkte David seine zweiten Sohn, Kilat (2 Sam 3, 3). Auch später, als sich David einen ansehnlichen Harem hielt und zahlreiche Söhne geboren wurden, blieb Abigajil treu bei ihm (1 Chr 3).

 

 

III. Eine Tyrannin

 

Isebel

Nach der Teilung des Königreiches von David und Salomo in das Nordreich Israel (Hauptstadt Samaria) und das Südreich Juda (Hauptstadt Jerusalem) kamen finstere und blutige Zeiten. Die geschwächten beiden Staaten zogen die Begehrlichkeit umliegender Mächte auf sich. Zweifelhafte außenpolitische Manöver Israels waren eine Folge davon. Isebel, die Frau des Königs Ahab (871-852) war in dieser Zeit eine berühmte Frau und muss deshalb pflichtgemäß unter der gewählten Überschrift behandelt werden, obwohl sie leider böse war. Außenpoli-tische Gründe führten zu ihrem verhängnisvollen Wirken in Israel. König omri nämlich (882-871) wollte das politische Bündnis mit Tyrus festigen und verheiratete deshalb Isebel, die Tochter des Stadtkönigs und obersten Baalspriesters von Tyrus und Sidon, mit seinem Sohn Ahab. Baal (hebräisch: Besitzer, Herr) wird im Alten Testament als Sammelbezeichnung für heidnische Gottheiten verwendet, von deren Verehrung sich die Juden nach dem Gesetz Jahwes eigentlich streng fern halten mussten. Der in Tyrus und Sidon verehrte Baal trug den Namen Melkart. Isebel setzte durch, dass sie diese Gottheit weiterhin verehren konnte, und erzwang die Einführung eines Melkart-Kultes in Israel. Ahab musste ihm einen Tempel und einen Altar in Samaria bauen und dort auch ein Standbild der Aschera, der neben Baal verehrten Fruchtbarkeitsgöttin, errichten, „so dass Ahab mehr tat, den Herrn, den Gott Israels, zu erzürnen, als alle Könige von Israel, die vor ihm gewesen waren (1 Kön 16, 33). Nicht genug damit, Isebel brachte 45o Baalspropheten und 4oo Propheten der Aschera mit, die von der Hofküche versorgt werden mussten (1 Kön 18, 19).

 

Auf dem Berg Karmel kam es dann zu der dramatischen Kraftprobe zwischen diesen heid-nischen Priestern und dem Propheten Elia, die als „das Gottesurteil auf dem Karmel“ bezeich-net wird (1 Kön 18; Lutherbibel). Beide Seiten richteten einen jungen Stier als Brandopfer zu, durften aber, wie Elia mit der Gegenseite vereinbart hatte, selbst kein Feuer an das Holz legen, auf dem der opferstier lag. Die Baalspriester riefen nun vom Morgen bis zum Mittag ihre Gottheit an, damit diese das Brandopfer selbst entzünde, aber vergebens. „Als es nun Mittag wurde, verspottete sie Elia und sprach: Ruft laut! Denn er ist ja ein Gott; er ist in Gedanken oder hat zu schaffen oder ist über Land oder schläft vielleicht, dass er aufwache“ (1 Kön 18, 27). Die Baalspriester gerieten in Ekstase und ritzten sich mit Messern und Spießen, aber bis in den Abend hinein geschah nichts. Dann richtete Elia sein Stieropfer zu und ließ dreimal große Mengen Wasser darauf gießen, so dass der um den Altar herum laufende Graben voll Wasser war. Dann rief Elia Jahwe an und sagte: „Erhöre mich, Herr erhöre mich, damit dies Volk erkennt, dass du, Herr, Gott bist und ihr Herz wieder zu dir kehrst! Da fiel das Feuer des Herrn herab und fraß Brandopfer, Holz, Steine und Erde und leckte das Wasser auf im Graben“ (37-38). Daraufhin wurden alle Propheten des Gottes Baal hingerichtet (4o).

 

Diese schwere Niederlage steigerte aber nur den Starrsinn und Trotz Isebels. Es wurde immer deutlicher, dass sie eine absolute Monarchie anstrebte, die mit der jüdischen Vorstellung des Bundes zwischen Gott, dem König und dem Volk nicht zu vereinbaren war. Wie die Geschichte von Nabots Weinberg (1 Kön 18) zeigt, handelte sie auch hinterlistig, brutal und gewissenlos. Nabot besaß in der Nachbarschaft des Königspalastes in Samaria einen Weinberg, den Ahab gern erwerben wollte, aber Nabot weigerte sich. Isebel ließ deshalb unter dem Namen des Königs an die zuständigen Behörden schreiben: „Lasst ein Fasten ausrufen und setzt Nabot obenan im Volk, und stellt ihm zwei ruchlose Männer gegenüber, die da zeugen und sprechen: Du hast Gott und den König gelästert! Und führt ihn hinaus und steinigt ihn, dass er stirbt“ (21, 9-1o). So geschah es dann auch (21, 13). Elia kündigte Ahab daraufhin im Auftrage Gottes seinen gewaltsamen Tod an (21, 19). Und über die Königin prophezeite er: „Die Hunde sollen Isebel fressen an der Mauer Jesreels“ (23).

 

Nach dem Tod ihres Mannes übte Isebel aber unter den Nachfolgern Ahasja und Joram weiterhin politischen Einfluss aus. König Joram (851-845) wurde dann in der blutigen Revolution des Generals und späteren Königs Jehu auf der Flucht getötet (2 Kön 9, 27). Als er in die Residenz Jesreel einzog, trat ihm Isebel, in königliche Gewänder gekleidet, mutig entgegen und beschuldigte ihn öffentlich des Mordes. Jehu ließ sie daraufhin von Kämmerern aus dem Fenster stürzen. „Und sie stürzten Isebel hinab, so dass die Wand und die Rosse mit ihrem Blut besprengt wurden; und sie wurde zertreten. ... Als sie aber hingingen, um sie zu begraben, fanden sie nichts von ihr als den Schädel und die Füße und ihre Hände“ (9, 33). Als Jehu das gemeldet wurde, sprach er: „Das ist es, was der Herr geredet hat durch seinen Knecht Elia, als er sprach: Auf dem Acker von Jesreel sollen die Hunde das Fleisch Isebels fressen“ (9, 36). So ging die düstere Gerichtsprophezeiung Elias nach vielen Jahren fürchterlich in Erfüllung.

 

Isebels Name taucht noch einmal viel später in der offenbarung des Johannes auf. Im Sendschreiben an die Gemeinde in Thyatira (offb 2, 2o) wird der Gemeinde gesagt: „Aber ich habe gegen dich, dass du Isebel duldest, diese Frau, die sagt, sie sei eine Prophetin, und lehrt und verführt meine Knecht, Hurerei zu treiben und Götzenopfer zu essen“. Das zeigt, dass die schreckliche Isebel von Israel nie vergessen worden ist und ihr Name schließlich zum Symbol für den Abfall von Gott geworden war.

 

 

IV.  Femmes fatales

 

Als femmes fatales bezeichnet man heute meist Frauen, die einem Mann zum Verhängnis werden, und von hommes fatals, die es auch reichlich gibt, spricht niemand . Das ist eine typisch männliche Einseitigkeit (Feministinnen, aufgemerkt!). Eigentlich heißt „femme fatale“ nur: schicksalhafte Frau. Es kann sich also auch um eine gute Frau handeln, die einem Mann ein gutes Schicksal bereitet. In diesem Sinn ist jede glücklich verheiratete Ehefrau eine femme fatale. Es gibt aber auch bedauernswerte Frauen, die ohne eigene Schuld einem Mann oder Männern zum bösen Verhängnis werden. Diese verschiedenen Möglichkeiten spiegeln sich auch in biblischen Frauengestalten wider.

 

 

Tamar

Der Name Tamar (Palme) kommt im Alten Testament mehrfach vor, hier ist aber die Tochter König Davids gemeint, von der im 2. Samuelbuch berichtet wird. Sie war eine bedauernswerte Frau, die ohne eigene Schuld ihrem Vater schweren Kummer bereitete und zweien ihrer Brüder zum Verhängnis wurde. In dieser düsteren Schauergeschichte verwirklicht sich an David auch das Dichterwort „alle Schuld rächt sich auf Erden“: Zwei seiner Söhne folgten dem Beispiel ihres Vaters, der Ehebruch und Mord begangen hatte..

 

Der Davidssohn Amnon verliebte sich eines Tages in seine schöne Schwester Tamar. „Und Amnon grämte sich so, dass er krank wurde um seiner Schwester willen; denn sie war eine Jungfrau, und es schien Amnon unmöglich, ihr etwas anzutun“ (2 Sam 13, 2). Er lässt sich durch den bösen Rat eines „guten Freundes“ moralisch korrumpieren, stellt sich krank und bittet den König: „Meine Schwester Tamar soll kommen und hier vor meinen Augen ein paar Küchlein backen; von ihrer Hand werde ich sie essen“. Als die Pfannkuchen fertig waren, lockte Amnon seine Schwester zunächst heimtückisch ins Schlafzimmer, wo sie ihn füttern sollte, und begann sofort, sie massiv sexuell zu bedrängen. Tamar appellierte verzweifelt an ihn, nicht die Schande einer Vergewaltigung zu begehen, verwies auf die moralischen Grund-sätze Israels, berief sich auf seinen menschlichen Anstand und sein Mitgefühl und bat ihn, auch sich selbst nicht durch eine Schandtat herabzusetzen (13, 12.13) – alles vergeblich. Und nun geschah jene schmutzige Geschichte, die sich seitdem unzählige Male wiederholt hat: „Doch Amnon wollte nicht auf sie hören. Er fiel über sie her und vergewaltigte sie. Hinterher aber empfand er eine solche Abneigung gegen das Mädchen, dass er es nicht mehr ausstehen konnte. Seine Abscheu war größer, als vorher sein Verlangen gewesen war. Steh auf! Mach, dass du fortkommst!, sagte er zu ihr“ (13, 14.15). Durch seinen Diener ließ er das verzweifelte Mädchen aus dem Haus werfen. Sie weinte laut, streute sich Staub auf das Haar und zerriss ihr Kleid. Dann blieb Tamar, nun völlig vereinsamt, im Hause ihres Bruders Absalom (13, 2o).

 

Hass- und Rachegefühle reiften zwei Jahre lang heran, bis Absalom seinen Bruder Amnon während eines Gastmahls zunächst betrunken machte und ihn dann ermorden ließ (13, 29). Angst und Trauer kehrten im Haus des Königs ein.

 

Auch an Absalom rächte sich seine eigene Schuld. Er wurde zum Revolutionär und Ver-schwörer gegen seinen Vater, riss die Königswürde illegal an sich, zwang David zur Flucht aus Jerusalem und eignete sich sogar die im Harem zurückgebliebenen Nebenfrauen des Königs an (16, 22). In der Entscheidungsschlacht fand er schließlich ein fürchterliches Ende (18, 9).

 

 

Abischag von Schunem

Ein schönes und unschuldiges Mädchen geriet nach dem Tode des Königs David in die Machtkämpfe zwischen dem Nachfolger Salomon und seinen Rivalen hinein. Die Geschichte beginnt rührend und ein wenig komisch:

„Als aber der König David alt und hoch betagt war, konnte er nicht warm werden, obgleich man ihn mit Kleidern bedeckte. Da sprachen seine Knechte zu ihm: Man sollte unserem Herrn, dem König, ein Mädchen, eine Jungfrau suchen, dass sie vor dem König stehe und ihn pflege und an seiner Brust schlafe und unseren Herrn, den König, wärme. Und sie suchten ein schönes Mädchen in allen Gebieten Israels und fanden Abischag von Schunem, die brachten sie dem König. Sie war aber ein sehr schönes Mäd-chen und pflegte den König und diente ihm. Aber der König erkannte sie nicht“ (1 Kön 1, 1-4).

 

Einer der Thronprätendenten war Salomos Bruder Adonia gewesen. Er steckte sich hinter Salomos Mutter Batseba und ließ durch sie den König bitten, ihm Abischag von Schunem zur Frau zu geben. Die Reaktion Salomos war altorientalisch und ist für uns befremdlich: Er geriet in höchsten Zorn und ließ Adonia sofort hinrichten (1 Kön 2, 13-25). Wie ist diese uns barbarisch scheinende Reaktion zu erklären? Der Harem des Königs ging auf seinen Nachfolger über! obwohl die junge Abischag dem alten König David  nur als Wärmflasche mit ohren gedient hatte, war sie doch Mitglied seines Harems geworden. Die illegale und gewaltsame Aneignung des königlichen Harems war, wie man schon in der Geschichte von Absaloms Aufstand gesehen hat, ein revolutionärer Akt, also Hochverrat am König. So deutete Salomo also auch die Bitte Adonias. Über das weitere Schicksal der armen Abischag wird nichts mehr berichtet, man muss aber annehmen, dass sie im Harem von König Salomo verblieben ist, wo es ihr sicherlich nicht schlecht ging.

 

 

Susanna

Zum Buch des Propheten Daniel, das hebräisch und aramäisch geschrieben ist und im Kern historische Informationen enthält, gibt es zwei Anhänge in griechischer Sprache, die in evan-gelischen Bibelausgaben zu den Apokryphen gerechnet werden. Dazu gehört die Geschichte von Susanna und Daniel (Dan 13). Hier geht es um eine unschuldig verleumdete und verur-teilte Frau, deren Ehre im letzten Augenblick gerettet werden kann, und eine Aufklärung, die ihre Verfolger das Leben kostet.

 

Susanna wird als schön und gottesfürchtig geschildert (Dan 13, 2). In Babylon, wo Susanna mit ihrem Ehemann lebte, „amtierten in jenem Jahr zwei Älteste aus dem Volk, von denen galt, was der Herr gesagt hat: Ungerechtigkeit ging von Babylon aus, von den Ältesten, von den Richtern, die als Leiter des Volkes galten“ (Dan 13, 5). Sie entbrannten in sexueller Be-gierde zu der unbescholtenen Dame und belauerten sie, um ein Rendezvous mit ihr zu er-schleichen. Als Susanna eines Tages in ihrem Garten baden wollte, hatten sie sich unbemerkt eingeschlichen und sagten zu ihr: „Das Gartentor ist verschlossen, und niemand sieht uns; wir brennen vor Verlangen nach dir: Sei uns zu Willen, und gib dich uns hin! Weigerst du dich, dann bezeugen wir gegen dich, dass ein junger Mann bei dir war und dass du deshalb die Mädchen weggeschickt hast“. Durch diese unverschämte Erpressung brachten die beiden alten Voyeure Susanna in eine Zwangslage. Sie sagte: „Ich bin bedrängt von allen Seiten: Wenn ich es tue, so droht mir der Tod; tue ich es aber nicht, so werde ich euch nicht entrinnen. Es ist besser für mich, es nicht zu tun und euch in die Hände zu fallen, als gegen den Herrn zu sün-digen“ (13, 22.23). Dann schrie sie laut um Hilfe. Die beiden Lustgreise schrieen aber eben-falls und behaupteten nun, sie hätten Susanna mit einem jungen Mann im Garten ertappt, der ihnen aber leider entkommen sei. Es kam zur Gerichtsverhandlung. Die versammelte Gemein-de glaubte ihren Aussagen mehr als denen Susannas, „weil sie Älteste des Volkes und Richter waren, und verurteilte Susanna zum Tod“ (13, 41). Sie schrie daraufhin laut zu Gott, der ihr Rufen erhörte. Als man sie schon zur Hinrichtung führte, „erweckte Gott den Heiligen Geist in einem jungen Mann Namens Daniel“ (13, 45). Er forderte zunächst einen fairen Prozess mit Prüfung der Beweise und beschuldigte die beiden Ältesten der Falschaussage. Nun ver-nahm er sie getrennt und wandte dabei eine prozessuale List an: Er befragte jeden, was das für ein Baum gewesen sei, unter dem er angeblich Susanna mit dem fremden jungen Mann zu-sammen gesehen habe. Der eine antwortete: Unter einer Zeder. Der andere aber sagte: Unter einer Eiche. Damit war die Falschaussage bewiesen. Die Stimmung der Gemeinde richtete sich jetzt gegen die beiden unmoralischen Richter. Sie wurden zum Tode verurteilt und hinge-richtet. „Daniel aber gewann seit jenem Tag und auch weiterhin beim Volk großes Ansehen“ (13, 64).

 

 

Batseba

Bei dieser politisch sehr einflussreichen Frau, der Ehefrau König Davids und Mutter seines Nachfolgers Salomo, kann man von einer femme fatale sprechen, da sie den Söhnen Davids, die näher an der Thronfolge standen, zum Schicksal geworden ist und einem von ihnen, Adonija, sogar zum tödlichen Schicksal. Im Unterschied zu Tamar und Abischag kann man aber wohl nicht sagen, dass sie ganz schuldlos an ihrer Rolle gewesen sei.

 

Die Geschichte beginnt bereits mit einem Ehebruch. Während ihr Mann Uria im Felde stand, beobachtete David vom Dach seines Palastes aus die schöne Frau beim Baden, ließ sie holen und wohnte ihr bei. Sie wurde schwanger und brachte einen Sohn zur Welt (2 Sam 11, 1-5).

 

offenbar sollte diese Affäre zunächst vertuscht werden, denn David ließ Uria nach Hause holen, angeblich um Bericht über die Lage an der Front zu erstatten. In Wirklichkeit wollte er, dass Uria zu Batseba ging, um ihm die Vaterschaft anhängen zu können. Uria aber, treuer und eifriger Soldat des Königs, ging nicht nach Hause, sondern übernachtete im Armeelager vor dem Königspalast (13, 6-9). David lud ihn scheinheilig zum Abendessen ein und machte ihn betrunken, in der Hoffnung, dass er nun endlich zu seiner Frau ginge, aber der tat es nicht. Nun kam das Unglaubliche: David schickte Uria an die Front zurück und gab ihm einen Brief für den oberbefehlshaber Joab mit, der diesem befahl, Uria in die vorderste Front zu stellen und ihn dann im Kampf im Stich zu lassen, damit er erschlagen wird und stirbt (13, 12-15). So wurde es bei Gelegenheit eines Ausfalls der Feinde aus ihrer belagerten Stadt ausgeführt, und Uria fiel im Kampf, weil das eigene Heer ihm nicht genug beistand. Das ganze wurde dann noch mit einer üblen Lügengeschichte vertuscht: Es wurde behauptet, Uria sei nicht bei diesem Ausfall der feindlichen Truppen aus der Stadt, sondern nachträglich durch einen Pfeilschuss von der Mauer herab getötet worden, also durch einen nicht vorhersehbaren Unfall. Nach Ablauf der Trauerfrist holte David die Witwe Batseba in seinen Harem (13, 27).

 

Der Prophet Nathan kündigte nach dieser gemeinen Intrige David das Gericht Gottes an. Das erste Kind, das Batseba zur Welt brachte, starb nach einer Woche (12, 1-18). Batseba wurde dann wieder schwanger und brachte Salomo zur Welt (12, 24).

 

Noch während David auf seinem letzten Krankenbett lag und von Abischag betreut wurde, setzte der Machtkampf ein. Adonija, der älteste Sohn nach Absalom, erhob öffentlich den An-spruch auf die Thronfolge. Er brachte die Heeresführung und den oberbefehlshaber der königlichen Leibgarde (Kreter und Peleter) auf seine Seite. Der Prophet Nathan, der Salomo von Jugend an erzogen hatte, und seine Mutter Batseba taten sich nun zusammen und erzählten dem todkranken König in grober Übertreibung, dass Adonija bereits tatsächlich die Macht an sich gebracht habe (1 Kön 1, 1-26). Daraufhin sicherte er Batseba unter Eid zu, dass Salomo sein Nachfolger werden solle. Sofort wurde Salomo vom Propheten Nathan und dem Hohenpriester Zadok  öffentlich gesalbt und zum Thronfolger ausgerufen (1 Kön 1, 38 ff). Adonija musste fürchten, nach orientalischem Brauch als erfolgloser Thronprätendenten sofort getötet zu werden, aber Salomo zögerte noch, und Adonija huldigte ihm als dem neuen König (1, 51-53). Er war also noch einmal davon gekommen.

 

Umso unbegreiflicher ist, dass er nun, wie bereits berichtet, über die Königinmutter beim König um die Hand Abischags anhielt. Damit hatte er sich aus den bereits genannten Gründen sein Todesurteil selbst geschrieben. Man kann bis heute darüber rätseln, was hier grenzenlose Naivität und was böse Berechnung war. Adonijas Verhalten lässt sich wohl nur mit Naivität erklären. Batseba aber kann man schwerlich als naiv bezeichnen. Sie wird die Bitte Adonijas wohl kaum an den neu gekrönten König weitergeleitet haben, um zwischen den beiden Brüdern Frieden zu stiften und Adonija einen Wunsch zu erfüllen. Viel wahrscheinlicher ist, dass sie diesen verhängnisvollen Wunsch weitergegeben hat, weil sie wusste, dass dies das Todesurteil für den unglücklichen Mann bedeutete.

 

 

Rut (Ruth)

Eine im guten Sinne des Wortes für alle folgenden Generationen schicksalhafte Frau war die Titelheldin des Buches Ruth ( in neuer Schreibweise Rut; Freundin, Gefährtin?). Diese kleine historische Novelle gilt als dichterisches Meisterwerk. Sie spielt in der Richterzeit, wurde aber wohl zunächst mündlich überliefert bis zur Aufzeichnung in der Zeit von König Salomo. Für die Juden ist dieses Buch eine „Festrolle“ (liturgische Lesung) zum Wochenfest. Manche Ausleger bezeichnen den Zweck dieses Buches als „Führungsgeschichte“: Sie soll zeigen, wie Gott das Schicksal guter und gesetzestreuer Menschen zum Besten lenkt. Rut war von Geburt Moabiterin, also Heidin, wurde aber durch die Fügung Gottes zur Großmutter König Davids (1 Chron 2, 12) und damit zu einer Vorfahrin Christi (Mt 1, 5). Und das ist ihre Geschichte:

 

Sie war die Schwiegertochter der Israelitin Noomi (Liebliche), die während einer Hungersnot in Israel mit ihrem Mann und zwei Söhnen aus Bethlehem in das Land der Moabiter ausge-wandert war. Ihr Mann starb dort. Die beiden Söhne heirateten Moabiterinnen. Zehn Jahre später starben auch die beiden Söhne, und Noomi wollte in ihre Heimat nach Bethlehem zurückkehren. Sie entließ ihre beiden verwitweten Schwiegertöchter aus dem Familienverband und riet ihnen, da sie noch jung waren, wieder zu heiraten (Rut 1, 6-14). Die eine Schwiegertochter blieb nach tränenreichem Abschied in Moab zurück, aber Rut sagte zu Noomi:  „Dränge mich nicht, dich zu verlassen. Ich kehre nicht um, ich lasse dich nicht allein. Wohin du gehst, dorthin gehe ich auch; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da will auch ich sterben; dort will ich begraben werden. Der Zorn des HERRN soll mich treffen, wenn ich nicht Wort halte: Nur der Tod kann mich von dir trennen!“  (1, 16-17). So kehrten die beiden Frauen bettelarm nach Bethlehem zurück und kamen dort zu Beginn der Gerstenernte an.

 

Dort lebte ein wohlhabender Grundbesitzer namens Boas, ein Verwandter des verstorbenen Ehemannes von Noomi. Rut musste etwas tun, was in den Hungerjahren nach dem Zweiten Weltkrieg viele Frauen und Mütter auch bei uns tun mussten: Sie ging zum „Ährenlesen“ auf eines der Felder von Boas. Nach jüdischem Gesetz mussten die bei der Ernte herab gefallenen Ähren für solche armen Leute auf dem Feld liegen bleiben. Boas verguckte sich offenbar gleich in die hübsche junge Frau. Er sprach sie freundlich an und lud sie ein, auf allen seinen Feldern die Ähren zu lesen, sogar mit seinen Knechten und Mägden zu gehen und von ihren Getränken zu nehmen. Es kam zu einer gefühlvollen Szene:

„Rut warf sich vor ihm zu Boden und fragte: »Wie kommt es, dass du so freundlich zu mir bist? Ich bin doch eine Fremde.«  Boas antwortete: »Ich weiß, was du seit dem Tod deines Mannes für deine Schwiegermutter getan hast; es wurde mir alles erzählt. Du hast deinen Vater und deine Mutter und deine Heimat verlassen und bist mit ihr zu einem Volk gegangen, das du vorher nicht kanntest. Der HERR vergelte dir, was du getan hast, und belohne dich reich dafür – der Gott Israels, zu dem du gekommen bist, um Schutz zu finden unter seinen Flügeln!«“  (2, 1o-12).

 

Boas lud die junge Frau auch zum Mittagessen in der Feldmark ein und war offenbar bereits ihrem Charme erlegen. Seinen Knechten befahl er: „Lasst sie auch zwischen den Garben sammeln und treibt sie nicht weg! Lasst absichtlich Ähren aus den Garben fallen, damit sie sie auflesen kann, und sagt ihr kein unfreundliches Wort!“  (2, 15-16): So ging es die ganze Zeit der Gersten- und Weizenernte hindurch (2, 23).

 

Noomi aber sorgte sich um die Zukunft ihrer verwitweten Schwiegertochter, zumal sie keine Kinder hatte. Das galt in der alten Zeit für eine hebräische Frau als Unglück und gesellschaft-licher Makel. Das Gesetz sah hier eine Abhilfe vor: Die sogenannte Leviratsehe. Wenn ein Mann kinderlos starb, war zunächst sein Bruder verpflichtet, als „Löser“ die Witwe zu heira-ten. Ihr erstes Kind galt dann als Kind des verstorbenen Bruders, um dessen Familie weiterzu-führen. Das wurde von den beiden Frauen klug vorbereitet:

 

„ Eines Tages sagte Noomi zu Rut: »Meine Tochter, ich möchte, dass du wieder einen Mann und eine Heimat bekommst. Du weißt, dass Boas, mit dessen Leuten du auf dem Feld warst, mit uns verwandt ist. Er arbeitet heute Abend mit der Worfschaufel auf der Tenne, um die Spreu von der Gerste zu trennen. Bade und salbe dich, zieh deine besten Kleider an und geh zur Tenne. Sieh zu, dass er dich nicht bemerkt, bevor er mit Essen und Trinken fertig ist.  Pass gut auf, wo er sich hinlegt, und wenn er schläft, schlüpfe unter seine Decke und lege dich neben ihn. Er wird dir dann schon sagen, was du tun sollst.«  »Ich werde alles so machen, wie du gesagt hast«, antwortete Rut. Dann ging sie zur Tenne und verfuhr genau nach den Anweisungen ihrer Schwiegermutter. Als Boas gegessen und getrunken hatte, legte er sich gut gelaunt und zufrieden am Rand des Getreidehaufens schlafen. Leise ging Rut zu ihm hin, schlüpfte unter die Decke und legte sich neben ihn. Um Mitternacht schrak Boas auf und tastete um sich. An ihn geschmiegt lag – eine Frau. »Wer bist du?«, fragte er und bekam die Antwort: »Ich bin Rut, deine Sklavin! Breite deinen Gewandsaum über mich und nimm mich zur Frau; du bist doch der Löser!«“.

Das war die traditionelle Bitte der unversorgten Witwe um Schutz.

„Boas erwiderte: »Der HERR segne dich! Was du jetzt getan hast, zeigt noch mehr als alles bisher, wie treu du zur Familie deiner Schwiegermutter hältst. Du hättest ja auch den jungen Männern nachlaufen können und jeden bekommen, ob arm oder reich. Nun, meine Tochter, sei unbesorgt! Ich werde tun, worum du mich gebeten hast. Jeder in der Stadt weiß, dass du eine tüchtige Frau bist.“ (Rut 3, 1-11; Gute Nachricht Bibel).

 

Am nächsten Tag kam es zu der vorgeschriebenen öffentlichen Verhandlung. Weigerte sich der Löser, die Witwe zu heiraten, so konnte die Witwe ihm in der Öffentlichkeit einen Schuh ausziehen und ihn anspucken. Hier ging es jedoch etwas friedlicher zu. Wahrscheinlich hatte Boas das bereits vorbereitet. Ein näher stehender Verwandter weigerte sich, die Leviratsehe einzugehen; er selbst zog in der Öffentlichkeit seinen Schuh aus. Nun war Boas an der Reihe und erfüllte seine gesetzliche Pflicht offenbar mit Freuden. Es wurde eine glückliche Ehe. Das Buch Rut schließt mit dem folgenden Happy end:

„ So nahm Boas Rut zur Frau. Der HERR ließ sie schwanger werden und sie gebar einen Sohn.  Da sagten die Frauen zu Noomi: »Der HERR sei gepriesen! Er hat dir heute in diesem Kind einen Löser geschenkt. Möge der Name des Kindes berühmt werden in Israel! Es wird dir neuen Lebensmut geben und wird im Alter für dich sorgen. Denn es ist ja der Sohn deiner Schwiegertochter, die in Liebe zu dir hält. Wahrhaftig, an ihr hast du mehr als an sieben Söhnen!«  Noomi nahm das Kind auf ihren Schoß und wurde seine Pflegemutter. Ihre Nachbarinnen kamen, um ihm einen Namen zu geben, denn sie sagten: »Noomi ist ein Sohn geboren worden!« Und sie gaben ihm den Namen obed“ (Diener; weil er Noomi dienen, d.h. für sie sorgen wird) (4, 13-17):

 

 

V.  Kämpfende Frauen

 

Jael

Wir kehren noch einmal zum Siegeslied von Debora und Barak zurück. Nach dem Sieg über das Heer der Kanaaniter floh deren oberbefehlshaber Sisera zu Fuß und kam zum Zelt von Jael (Wildziege), der Ehefrau eines Keniters. Sie lud ihn freundlich ein und deckte ihn im Zelt mit einer Decke zu. Als er um Wasser bat, öffnete sie sogar den Milchschlauch und gab ihm Milch zu trinken. Er forderte sie auf, vor der Zelttür Wache zu halten und seine Anwesenheit zu leugnen. „Da nahm Jael ... einen Zeltpflock und einen Hammer zur Hand und ging leise zu ihm hinein und schlug ihm den Pflock durch die Schläfe, so dass er in die Erde drang. Er aber war vor Müdigkeit fest eingeschlafen; und er starb“ (Ri 4, 17-22). So erfüllte sich noch einmal die Voraussage Deboras: „Der Herr wird Sisera in die Hand einer Frau geben“ (Ri 4, 9). Es galt als Schande, von einer Frau getötet zu werden.

 

Durch den Tod des oberbefehlshabers war der Sieg über die Kanaaniter vollständig. Er befreite Israel für immer von ihrer oberherrschaft. Die damit gewonnene Kontrolle über die Jesreel-Ebene war auch strategisch wichtig.

 

 

Judit (Judith)

Hier haben wir wieder die Titelheldin eines Buches des Alten Testamentes vor uns. Es war wohl ursprünglich hebräisch oder aramäisch geschrieben, ist aber nur in griechischer Sprache überliefert, wurde deshalb von den rabbinischen Autoritäten nicht zur Heiligen Schrift gerechnet und findet sich in evangelischen Bibelausgaben, wenn überhaupt, unter den Apokry-phen. Die katholische Kirche unterwirft sich nicht der rabbinischen Entscheidung  und ordnet das Buch unter den Geschichtsbüchern ein. Dort steht es auch in der Einheitsübersetzung. Es schildert, wie Gott rettend eingreift, wenn Israel sich zu ihm bekehrt, am Beispiel der Bedro-hung Israels durch den König Nebukadnezzar. Es ist „eine Lehrschrift im Gewand einer Geschichtserzählung“. Die symbolische Bedeutung steht also im Vordergrund. Das sieht man daran, dass hier fälschlich Nebukadnezzar als König der Assyrer bezeichnet wird, was er nie gewesen ist. Er war König von Babylon und hat im Jahr 586 v.Chr. Jerusalem zerstört und das Gottesvolk in die Verbannung nach Babylon geführt. Er erscheint deshalb hier als eine übergeschichtliche Symbolfigur für das gottwidrige Heidentum, dessen Mächte Israel immer wieder bedrängen, ähnlich wie der „Antichrist“ im Neuen Testament (z.B. offb 13, 1-1o). Das Buch Judit (so die neuere Schreibweise)  dürfte erst im zweiten Jahrhundert v.Chr. entstanden sein.

 

Die ersten vier Kapitel schildern den militärischen Zugriff der Assyrer unter ihrem oberbe-fehlshaber Holofernes auf Palästina. Dadurch gerieten auch die eben erst aus der babyloni-schen Gefangenschaft zurückgekehrten Juden in große Bedrängnis. Schon bald belagerte er die jüdische Stadt Betulia und brachten die Bewohner durch Wassermangel in große Not (Kap 7).

 

In Betulia lebte die schon seit drei Jahren verwitwete Judit. Sie sprach den verzweifelten Führern der Belagerten Mut zu und riet ihnen von der bereits beschlossenen Kapitulation ab. Sie sagte:

„Hört mich an! Ich will eine Tat vollbringen, von der man noch in fernsten Zeiten den Kindern unseres Volkes erzählen wird ... Bevor die Frist abgelaufen ist, die ihr für die Übergabe der Stadt an unsere Feinde gesetzt habt, wird der Herr durch meine Hand Israel gnädig Hilfe bringen. Fragt nicht nach meinem Vorhaben, denn ich werde euch nichts mitteilen, bevor vollendet ist, was ich tun will“ (8, 32-34).

 

Die Ältesten der Stadt waren damit einverstanden. Dann betete Judit lange und inbrünstig zu Gott, erinnerte ihn an seine früheren Gnadentaten und bat ihn um Beistand für ihr Vorhaben. Sie zog  Bußgewand und Witwenkleider aus, badete gründlich, machte großes Make-up, warf sich mit ihrem elegantesten outfit in Schale und machte sich auf den Weg in das Feldlager der Assyrer. Bei den Vorposten angekommen, erklärte sie denen:

„Ich gehöre zum Volk der Hebräer und laufe von ihnen fort, weil sie euch doch bald zum Fraß vorgeworfen werden. Ich will zu Holofernes, dem oberbefehlshaber eures Heeres, gehen und ihm eine zuverlässige Nachricht bringen; ich will ihm zeigen, welchen Weg er einschlagen muss, um das ganze Bergland in seinen Besitz zu bringen, ohne dass dabei einer von seinen Leuten Leib und Leben verliert“ (1o, 12-13).

 

Die Soldaten waren nicht nur von dieser Nachricht fasziniert, sondern ebenso von Judits Schönheit, und sie wussten, dass der Feldherr in dieser Beziehung nichts anbrennen ließ. So kam sie in sein Zelt. Es gelang ihr, ihn regelrecht einzuwickeln. Sie spiegelte ihm vor, die Israeliten könnten nicht siegen, denn ihr Gott werde sie verlassen, weil sie wegen der Hungersnot beschlossen hätten, nicht nur verbotene Tiere, sondern auch die für den Tempel in Jerusalem bestimmten opfergaben zu verzehren. Sie hätten nun Boten nach Jerusalem geschickt, um sich vom dortigen Ältestenrat Dispens für diese Notversorgung erteilen zu lassen. Das werde aber nichts daran ändern, dass Gott sich von ihnen abwenden werde. Sie wolle deshalb Holofernes Nachricht geben, sobald mit der Ausgabe der gotteslästerlichen Notverpflegung begonnen worden sei. „Dann will ich kommen und es dir mitteilen. Du aber wirst mit deinen Truppen ausziehen und keiner von ihnen wird dir Widerstand leisten. Ich werde dich quer durch Judäa bis nach Jerusalem führen und dort mitten in der Stadt deinen Feldherrenstuhl aufrichten“ (11, 18-19). Natürlich gefiel das dem Feldherrn. Sie wurde zum festlichen Abendessen eingeladen, „Holofernes aber war über sie ganz außer sich vor Entzücken. Seine Leidenschaft entbrannte und er war begierig danach mit ihr zusammen zu sein. Denn seit er sie gesehen hatte, lauerte er auf eine günstige Gelegenheit, um sie zu verführen“ (12, 16). Judit ging scheinbar auf die Anmache ein, und Holofernes trank so viel Wein, dass er schließlich sturzbetrunken war. In diesem Zustand überschätzen Männer häufig ihre noch verbliebenen Fähigkeiten. Die Gäste wankten nach und nach benebelt davon. „Judith allein blieb in dem Zelt zurück, wo Holofernes vom Wein übermannt, vornüber auf sein Lager gesunken war“. Nicht ohne noch einmal inbrünstig gebetet zu haben, griff sich Judit das Schwert des Feldherrn und schlug ihm den Kopf ab (13, 8). Den Kopf brachte sie im Triumph in die belagerte Stadt, man fasste wieder Mut, im feindlichen Heerlager machte sie Verwirrung breit, die assyrischen Generäle verließ der Mut und das feindliche Heer zog ab.

 

Das Buch schließt mit „Judits Lobgesang“ (Kap 16) der sich dichterisch durchaus mit dem Deborah-Lied messen kann. Auch in Jerusalem wurde ein großes Siegesfest gefeiert. Judit blieb bis zu ihrem Lebensende als hoch geachtete Witwe in ihrer Heimatstadt Betulia. Nach ihrem Tode wurde sieben Tage öffentlich getrauert. „Niemand aber wagte mehr, die Israeliten zu beunruhigen, solange Judit lebte, und auch noch lange Zeit nach ihrem Tod“ (16, 25).

 

 

Ester

Hier haben wir wieder die Titelheldin eines alttestamentlichen Buches vor uns. Auch Ester gehört für die Juden zu den Festrollen (liturgische Lesungen an Feiertagen) und gilt für viele Juden sogar als die wichtigste, so dass diese Schrift unmittelbar hinter den fünf Büchern Mose (Pentateuch) eingeordnet wird. Hier handelt es sich um die Festrolle zum Purimfest, das am 13. Adar (12. Monat im Jahr, Februar/März) gefeiert wird. Das Buch wurde im fünften oder vierten Jahrhundert v.Chr. abgefasst. Auch ihm geht es um die Botschaft der Bewahrung Israels durch seinen Gott vor den Angriffen aller Feinde. Es ist zugleich das früheste Zeugnis für Antisemitismus und Pogrom-Gesinnung. ob es sich wirklich um einen historischen Bericht handelt, ist nicht ganz sicher. Die Handlung spielt jedenfalls zur Zeit des Perserkönigs Ahas-veros (Xerxes, 485-465 v.Chr.) in dessen Hauptstadt Susa. Dort lebte zusammen mit ihrem onkel und Pflegevater eine schöne junge Jüdin, die eigentlich Hadassa (Myrthe) hieß und später den Namen Ester (vermutlich von dem persischen Wort Stara, Stern) bekam. Dazu kam es folgendermaßen:

 

Eines Tages feierte der König in seinem Palast ein rauschendes Fest und wollte dort seine Frau, die Königin Waschti, sehen. Die gab aber auch gerade ein Fest für die Damen und weigerte sich, vor dem König zu erscheinen. Der König fragte seine engsten Mitarbeiter, was er nun tun solle. Die hatten wohl Angst, zu Pantoffelhelden zu werden und  machten deshalb daraus eine Staatskrise. Sie und rieten dem König:

„Königin Waschti hat sich nicht nur am König vergangen, sondern auch an seinen Fürsten, ja am ganzen Volk in allen Provinzen des Reiches. Was sie getan hat, wird sich unter allen Frauen herumsprechen. Sie werden auf ihre Männer herabsehen und sagen: 'König Xerxes befahl der Königin Waschti, vor ihm zu erscheinen; aber sie weigerte sich.'  Die Frauen der Fürsten im Reich haben es gehört und sie werden sich schon heute ihren Männern gegenüber darauf berufen. Das wird eine Menge böses Blut geben. Wenn der König es für richtig hält, sollte er einen königlichen Befehl erlassen, dass Waschti nie wieder vor ihm erscheinen darf. Dies müsste unter die Gesetze der Meder und Perser aufgenommen werden, die unwiderruflich sind. Und dann sollte der König an ihrer Stelle eine andere zur Königin machen, die diese Würde auch verdient. Wenn dieser Beschluss des Königs in seinem ganzen Reich bekannt wird, werden alle Frauen, von den vornehmsten bis zu den einfachsten Familien, ihren Männern den schuldigen Respekt erweisen“ (Est 1, 16-2o).

 

So geschah es dann auch, und die Königin Waschti wurde verstoßen. Nun musste eine neue her, und im ganzen Land begann eine Suche nach schönen Mädchen. Auch Ester schien geeignet als Haremsdame-Anwärterin und wurde zusammen mit den anderen Azubis in die Residenz des Chefeunuchen gebracht, um dort ein Jahr lang bei erstklassiger Verpflegung und intensiver Körperpflege Grundlagen der Hofetikette und Harems-Sitten zu erlernen. Beim Vorstellungstermin war der König sofort Feuer und Flamme für Ester und machte sie zur Königin (2, 5-17).

 

Zweiter Mann im Reich, also Wesir, war Haman, der leider ein schlimmer Finger war. Alle Hofbeamte, darunter auch Mordechai, der bisher verschwiegen hatte, dass er Jude war, sollten zur Huldigung vor Haman niederknien und sich tief vor ihm verneigen. „Mordechai aber blieb stehen und verbeugte sich nicht. Die Leute des Königs fragten ihn: Warum gehorchst du nicht dem Befehl des Königs? Weil ich Jude bin, sagte er“ (3, 2-4). So blieb es auch, Mordechai verweigerte dem Wesir täglich die vorgeschriebene Ehrenbezeigung. Mit religiösen Gründen war das eigentlich nicht zu erklären, denn das Alte Testament kennt durchaus die Praxis des Niederknieens oder Niederwerfens  vor Königen und anderen ehrwürdigen Personen. Haman aber war Amalekiter, und diese waren Todfeinde der Israeliten, gegen die König Saul viele Kämpfe führen musste. Deshalb wohl wollte Mordechai sich nicht vor ihm verneigen, und daraus erklärt sich dann auch der wilde Hass gegen die Juden, den Haman nun zeigte. Er überredete den König, ein Edikt zu erlassen, dass alle Juden im Reich getötet und ihre Vermögen eingezogen werden sollten. Haman ließ durch Losentscheid den 13. Tag des Monats Adar als Pogromtermin bestimmen. An diesem Tag feiern also die Juden bis heute das Purimfest. Purim heißt: Lose (wahrscheinlich von dem assyrischen Wort Puru, Kleiner Stein, Kieselstein, der zum Loswerfen benutzt wurde; 3, 7-14).

 

Mordechai war tief erschrocken und beschwor Ester, beim König gegen dieses barbarische Vorhaben zu intervenieren. Sie wusste, dass sie dabei mit ihrem Leben spielte, und ließ die jüdische Gemeinde drei Tage lang für ihr Vorhaben beten und fasten (Kap. 4). Inzwischen musste Haman auf Befehl des Königs Mordechai eine hohe Auszeichnung als verdientem Beamten verleihen, was seinen Hass noch steigerte (Kap. 6). Ester musste nun mutig und zugleich listig vorgehen, denn es galt das eiserne Gesetz, dass jeder sterben musste, der unge-rufen vor den König treten wollte. Nur wenn der König ihm das goldene Zepter entgegen-streckte, wurde er am Leben gelassen. Ester war aber schon 3o Tage lang nicht mehr zum König gerufen worden (4, 11). Ester begab sich also mutig in den Thronsaal, wurde vom Kö-nig, der immer noch in sie verliebt war, freundlich begrüßt, durfte also am Leben bleiben, enthüllte ihre jüdische Herkunft und flehte den König um Gnade für ihr Volk an. Der gab sich ahnungslos, wie das Politiker mitunter tun, und fragte Ester: „Wer wagt so etwas? Wo ist der Mann, der so schändliche Pläne ausheckt?“ Ester antwortete: „Unser Todfeind ist dieser böse Haman hier“ (7, 5-6). Der König verurteilte ihn zum Tode und ließ ihn an dem Galgen aufhängen, den Haman bereits für Mordechai errichtet hatte (7, 8). Mordechai wurde Hamans Nachfolger als Wesir. Der König erließ ein neues Edikt und erlaubte den Juden die Selbstverteidigung gegen alle Angriffe (Kap. 8). Die Juden konnten alle Angreifer besiegen (9, 1-19), und Mordechai und Ester riefen daraufhin in Rundschreiben an alle jüdischen Gemeinden das Purimfest aus, bei dem die Juden noch heute den Namen Hamans schmähen (9, 2o-32). Mordechai regierte fortan segensreich für Perser und Juden (Kap. 1o).

 

 

VI.  Die Mütter Israels

 

Sara (Sarah)

Sara (Prinzessin, Herrin; der ursprüngliche Name Sarai ist wohl nur die ältere Form dafür), die Frau Abrahams, ist die erste der Stamm-Mütter Israels. Sie war wahrscheinlich Abrahams Halbschwester (1 Mose 1, 29.31; 2o,12: „meines Vaters Tochter, aber nicht meiner Mutter Tochter“). Deshalb konnte er sie aus Gründen, die wir noch sehen werden, zweimal nach der Devise „mit der Wahrheit lügt man am besten“ als seine Schwester ausgeben (1 Mose 12 und 2o).  Abraham heiratete sie noch am ursprünglichen Stammsitz der Familie in Ur in Chaldäa. Aber sie war unfruchtbar (1 Mose 11, 3o).

 

Die Bibel schildert nicht einen einzigen „Idealmenschen“, weder  Mann noch Frau. Für die Stamm-Mütter Israels gilt nichts anderes. Sie waren starke Frauen, aber auch mit vielen menschlichen Schwächen, und verfolgten ihre Ziele teilweise mit unmoralischen Mitteln. Es ging ihnen also genau so, wie es uns allen zuweilen ergeht, und wir haben keinen Grund, ihre Lebenswege mit moralischer Überheblichkeit zu betrachten. Was sie schließlich vor Gott gerechtfertigt hat, war nichts anderes als das, was auch uns allein vor ihm rechtfertigt, nämlich der Glaube an seine verzeihende Gnade.

 

Bis in ihr hohes Alter hinein musste Sara die Last der Kinderlosigkeit tragen, für eine hebrä-ische Frau eine absolute Tragödie. Aber sie hielt treu zu ihrem Ehemann Abraham, und auch er hielt ihr die Treue und verstieß sie nicht. Abraham verließ auf Gottes Weisung die gesicherte Heimat in Ur nahe dem Zusammenschluss von Euphrat und Tigris im heutigen Irak und begab sich auf eine Wanderung ins Ungewisse hinein, zunächst etwa 1.ooo km den Euphrat aufwärts bis nach Haran, dann nochmals etwa 1.ooo km nach Süden, in das Land Kanaan (1 Mose 11, 31; 12, 5). Später musste er wegen einer Hungersnot auch noch nach Ägypten ziehen. Alle Wanderungen führten durch fremde Gebiete, teilweise mit feindseligen oder gefährlichen Einwohnern und ihren Machthabern. Sara war eine besonders schöne Frau, die ihre jugendliche Figur erhalten hatte, da sie noch keine Kinder zur Welt gebracht hatte. Als semitische Asiatin war sie von hellerer Hautfarbe als die Ägypterinnen und manche Bewohnerinnen der durchwanderten Landstriche. Während des Aufenthalts in Ägypten stach sie sofort dem Pharao ins Auge. In seiner Angst traf Abraham mit Sara folgende Verabredung:  (1 Mo 12,11-2o):

 »Ich weiß, dass du eine schöne Frau bist. Wenn die Ägypter dich sehen, werden sie sagen: 'Das ist seine Frau', und sie werden mich totschlagen, um dich zu bekommen. Sag deshalb, du seist meine Schwester, dann werden sie mich deinetwegen gut behandeln und am Leben lassen.« In Ägypten traf ein, was Abram vorausgesehen hatte. Überall fiel Sarai durch ihre Schönheit auf. Die Hofleute priesen sie dem Pharao in den höchsten Tönen, und er ließ sie in seinen Palast holen. Ihr zuliebe war er freundlich zu Abram und schenkte ihm Schafe und Ziegen, Rinder, Esel und Kamele, Sklaven und Sklavinnen. Doch weil der Pharao sich die Frau Abrams genommen hatte, bestrafte der HERR ihn mit einer schweren Krankheit, ihn und alle andern in seinem Palast. Da ließ der Pharao Abram rufen und sagte zu ihm: »Warum hast du mir das angetan? Du hättest mir doch sagen können, dass sie deine Frau ist!  Aber du hast sie für deine Schwester ausgegeben, nur deshalb habe ich sie mir zur Frau genommen. Nun, sie gehört dir; nimm sie und geh!« 

 

Der Pharao bestellte eine Abteilung Soldaten und ließ Abram mit seiner Frau und seinem ganzen Besitz über die Grenze bringen.

 

 

Später im Gebiet von Gerar, wo Abimelech (mein Vater herrscht, ist König) regierte, wiederholte sich die selbe demütigende Geschichte (1 Mose 2o, 1-18). Die Angst war freilich nicht grundlos. Abraham und seine Familie waren Fremde und damit praktisch rechtlos. Nach damaligem Recht konnten sich die Herrscher jede Frau, die sie begehrten, ohne weiteres aneignen und ihrem Harem einverleiben. Bei verheirateten Frauen musste allerdings zuerst der Ehemann getötet werden. So musste Abraham nicht nur um das Schicksal seiner Frau, sondern zugleich um das eigene Leben fürchten. Glücklicherweise waren der Pharao und Abimelech einsichtig genug, Abraham mit seiner ganzen Familie und dem Tross jedes Mal freien Abzug zu gewähren. Auf diesen Hintergrund erscheint die zweimalige Notlüge verständlicher. Die Bibel betrachtet die zweimalige Rettung als Gnadenakt Gottes ungeachtet der Schwachheit und Sünde der Eheleute.

 

Eine kinderlos gebliebene Ehe musste in diesen Zeiten aber einer hebräischen Frau als Verlust ihres Lebenssinnes erscheinen. Damals wie auch bei uns noch weit in die Neuzeit hinein galt ja immer nur die Frau als die Schuldige an der Kinderlosigkeit. In ihrer Verzweiflung suchte Sara daher einen Ausweg, der damals als legitim galt, aber gleichzeitig ihre Magd Hagar einem schweren Schicksal auslieferte:  (1. Mose 16, 1-1o).

 

 Abrams Frau Sarai blieb kinderlos. Sie hatte aber eine ägyptische Sklavin namens Hagar. So sagte sie zu ihrem Mann: »Du siehst, der HERR hat mir keine Kinder geschenkt. Aber vielleicht kann ich durch meine Sklavin zu einem Sohn kommen. Ich überlasse sie dir.« Abram war einverstanden, und Sarai gab ihm die ägyptische Sklavin zur Frau. Er lebte damals schon zehn Jahre im Land Kanaan. Abram schlief mit Hagar und sie wurde schwanger. Als sie merkte, dass sie ein Kind bekommen würde, begann sie auf ihre Herrin herabzusehen. Da sagte Sarai zu ihrem Mann: »Mir geschieht Unrecht, und du trägst dafür die Verantwortung! Ich habe dir meine Sklavin überlassen. Seit sie weiß, dass sie ein Kind bekommt, verachtet sie mich. Ich rufe den HERRN als Richter an!« Abram erwiderte: »Sie ist deine Sklavin. Mach mit ihr, was du für richtig hältst!« Sarai ließ daraufhin Hagar die niedrigsten Arbeiten verrichten; da lief sie davon. In der Wüste rastete Hagar bei dem Brunnen, der am Weg nach Schur liegt. Da kam der Engel des HERRN zu ihr und fragte sie: »Hagar, Sklavin Sarais! Woher kommst du? Wohin gehst du?« »Ich bin meiner Herrin davongelaufen«, antwortete sie. Da sagte der Engel: »Geh zu deiner Herrin zurück und ordne dich ihr unter!  Der HERR wird dir so viele Nachkommen geben, dass sie nicht zu zählen sind.

 

 

So müssen wir, um gerecht zu sein, auch Hagar als starke und tapfere Frau ehren. Durch ihr schweres Schicksal durfte sie den Grundstein für eine fundamentale Gemeinsamkeit zwischen Judentum, Christentum und Islam legen. Alle drei Religionen verehren,  ungeachtet aller Un-terschiede, auch in der Ethik, gemeinsam den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Der Koran betrachtet den Hagar-Sohn Ismael (arabisch: Ismail), den Erstgeborenen, als den legitimen Sohn von Abraham (Ibrahim), bezeichnet beide als „die ersten Muslime“ (Glaubende, Gottesfürchtige) und als die Gründer des Zentralheiligtums in Mekka, der Ka’aba. Auch Hagar (Hegira) steht in hohen Ehren. Noch heute gibt es an der Ka’aba eine Stelle, an der Ibrahim als Vater des Glaubens traditionell verehrt wird.

 

Sara spielte hierbei keine rühmliche Rolle. Nach der ersten Verstoßung und Errettung von Hagar, als Sara dann endlich den lange ersehnten und eigentlich nicht mehr erhofften leiblichen Sohn bekommen hatte, kam es endgültig zur Verstoßung Hagars: (1 Mose 21, 9-2o). Das Alte Testament bestätigt, dass Ismael (Gott hört) der Stammvater von zwölf arabischen Stämmen wurde (1. Mose 25, 12-16).

 

Sara aber musste bis weit über die Wechseljahre hinaus warten, bis Gott sie von ihrer Kinder-losigkeit befreite. Er hatte nun einmal in seinem Weltplan beschlossen, dass nicht Ismael, sondern der eigene Sohn Saras zum Stammvater des Volkes werden sollte. Abraham war sogar 99 Jahre alt, als ihm Gott erschien und sprach: „Ich bin der allmächtige Gott, wandle vor mir und sei fromm. Und ich will meinen Bund zwischen mir und dir schließen und will dich über alle Maßen mehren“ (1 Mose 17, 1-2; Lutherbibel). Gott versprach ihm, er werde zum Vater vieler Völker werden. Mit Abrahams Nachkommen wolle er einen ewigen Bund schlie-ßen. Seine Frau Sara werde ihm einen Sohn gebären, den er Isaak nennen solle. Warum „Isaak“ (er lacht; Gelächter)? Abraham musste selbst angesichts seines Alters und des seiner Frau über diese Verheißung lachen (17,17). Trotzdem vertraute er auf die Verheißung Gottes (Röm 4, 2o). Lachen musste erst recht Sara, als sie von dieser Verheißung erfuhr (18, 12). Schließlich wurde sie aber doch glückliche Mutter. Als Sara schließlich mit 127 Jahren starb, erwarb Abraham Land für ein Erbbegräbnis und begrub dort als erste seine geliebte Frau (23, 19).

 

 

Rebekka

Die zweite in der Reihe der Mütter Israels war Rebekka (vermutlich von Birka, Kuh). Sie stammte aus einer aramäischen Sippe, deren Ahnherr Nahor, der Bruder Abrahams war.  Abraham wollte nicht, dass sein Sohn Isaak ein kanaanitisches Mädchen heiratete. Deshalb beauftragte er seinen Großknecht, in seine Heimat und zu seiner Verwandtschaft zu reisen und dort eine Frau für Isaak auszusuchen. Der Großknecht machte sich, nicht ohne viele Geschenke, auf die Reise in die Stadt Nahors.

 

„Vor der Stadt ließ er die Kamele am Brunnen lagern. Es war gegen Abend, um die Zeit, da die Frauen herauskommen, um Wasser zu schöpfen. Er sagte: Herr, Gott meines Herrn Abraham, lass mich heute Glück haben, und zeig meinem Herrn Abraham deine Huld! Da stehe ich an der Quelle, und die Töchter der Stadtbewohner werden herauskommen, um Wasser zu schöpfen. Das Mädchen, zu dem ich dann sage: Reich mir doch deinen Krug zum Trinken!, und das antwortet: Trink nur, auch deine Kamele will ich tränken!, sie soll es sein, die du für deinen Knecht Isaak bestimmt hast. Daran will ich erkennen, dass du meinem Herrn Huld erweist (1. Mose 24, 1o – 14; Einheitsübersetzung).

 

Das Mädchen, das er suchte, war die junge und schöne Rebekka. Nachdem sie die Kamele getränkt hatte, verehrte der Großknecht ihr einen Nasenreif und zwei Armspangen, alle aus schwerem Gold. Er wurde im Hause ihres Vaters Laban freundlich aufgenommen, und man zeigte sich aufgeschlossen für den Heiratsplan. Zusammen mit Rebekka trat der Großknecht die Rückreise an. Als sie schließlich vor Isaak standen, stieg das Mädchen vom Kamel ab, nahm ihren Schleier und verhüllte sich (24, 65). Die Verschleierung war das Zeichen dafür, dass es vor der Eheschließung zu keinem intimen Kontakt zwischen den Verlobten kommen durfte. Es wurde aber trotzdem eine Liebesehe. Aber auch hier mussten die Eheleute zwanzig Jahre lang eine große Belastung mit einander tragen: Rebekka blieb kinderlos. Schließlich erhörte Gott die Gebete der Eheleute, und Rebekka wurde endlich schwanger, und zwar mit den Zwillingen Esau und Jakob. Als erster kam Esau, der sich dann als ziemlich rauher Geselle herausstellte, zur Welt, nach ihm Jakob, der mit einer Hand die Ferse Esaus hielt (in dem Namen Jakob steckt das hebräische Wort für Ferse).

 

Nun kamen wieder menschliche Schwächen ins Spiel. Eigentlich sollten Eltern alle Kinder gleich lieb haben, aber Isaak zog Esau vor, der ein herumstreifender Jäger wurde, und Rebekka liebte Jakob; der war „ein gesitteter Mann und blieb bei den Zelten“ (25, 27). Er konnte aber auch berechnend und hinterlistig sein, und Esau war töricht genug, auf ihn hereinzufallen. So kaufte Jakob ihm für das berühmte „Linsengericht“ sein Erstgeburtsrecht ab. Der erst-geborene Sohn hatte nach hebräischem Recht besondere Rechte und Pflichten.  Er hatte nach dem Tode des Vaters für die Mutter und die Geschwister zu sorgen, wurde dafür aber auch erbrechtlich begünstigt und wurde Chef der Familie. Der in Isaak vernarrten Mutter reichte das aber noch nicht, sondern sie wollte, dass Isaak, wie es orientalische Sitte war, vor seinem Ableben dem Erstgeborenen den besonderen Segen erteilte, also das gekaufte Erstgeburtsrecht so zu sagen sanktionierte. Auf dem Sterbebett bat Isaak den Esau, für ihn ein Stück Wild zu jagen und ihm eines seiner Lieblingsgerichte zu kochen, um ihm nach der Mahlzeit den Erstgeburtssegen zu erteilen. Rebekka überredete aber Jakob, an einer Täuschung mitzuwirken: Sie kochte selbst ein ähnliches Gericht, umwickelte Jakobs Hände und Hals mit Ziegenfell, damit er sich so rau anfühlen sollte wie sein Bruder Esau, und schickte ihn zum Vater, der sich tatsächlich täuschen ließ. Er betastete Isaak, hielt ihn für Esau und erteilte ihm den Erstgeburtssegen (Kap. 27).

 

Rebekka und Jakob aber mussten dafür viel Leid auf sich nehmen. Jakob war gezwungen, Elternhaus und Heimat zu verlassen und zunächst nach Haran zu fliehen. Rebekka hat ihren Sohn nicht mehr wiedergesehen. Paulus zieht daraus die Lehre:

„Rebekka war von unserem Vorfahren Isaak mit Zwillingen schwanger, mit Esau und Jakob. Die beiden Kinder waren noch nicht geboren und keines von beiden hatte irgendetwas Gutes oder Böses getan. Da sagte Gott zu ihrer Mutter Rebekka: »Der Ältere muss dem Jüngeren dienen.« Damit stellte er klar, dass es allein von seinem freien Entschluss abhängt, wenn er einen Menschen erwählt. Es kommt dabei nicht auf menschliche Leistungen, sondern nur auf den göttlichen Ruf an.  Das selbe geht aus der anderen Stelle hervor, wo Gott sagt: »Ich liebe Jakob, Esau aber hasse ich.«“

(Röm. 9, 1o – 13, Gute Nachricht Bibel)

 

Rahel und Lea

Die Geschichte der beiden Schwestern Lea (vielleicht: wilde Kuh) und Rahel (hebräisch rachel, Mutterschaf) ist leider nicht ganz einmalig. Zwei Schwestern, wie sie verschiedener nicht sein könnten: Die wohl ziemlich unhübsche, aber gutherzige Ältere und die schöne, aber auch kapriziöse Jüngere, die natürlich zunächst einmal die Blicke der Männer auf sich zieht. So ging es auch hier. Auf seiner langen Wanderung nach der Flucht aus dem Elternhaus kam Jakob nach Haran, wo ein naher Verwandter wohnte, nämlich Laban, der Sohn seines onkels Nahor. Von dessen jüngerer Tochter Rahel war Jakob natürlich sofort begeistert. Familie Laban war einer ehelichen Verbindung auch nicht abgeneigt. Laban aber machte erst einmal aus Jakobs Verliebtheit ein lukratives Geschäft: Er ließ Jakob sieben Jahre lang kostenlos für sich arbeiten, um sich Rahel zu verdienen. „Weil er sie liebte, kamen sie ihm wie wenige Tage vor“ (1 Mose 29, 2o). Als die Zeit abgelaufen war und sich Jakob die endgültige Verbindung mit Rahel erhoffte, schlug Laban noch einmal zu: Nach der Devise, dass in der Nacht (nicht nur) alle Katzen grau sind, schob er Jakob die ältere Tochter Lea unter, wobei er sich auch die Sitte zunutze machte, die Braut dem Bräutigam verschleiert zuzuführen. Er nutzte sie ziemlich skrupellos aus, um das Mauerblümchen Lea unter die Haube zu bringen. Ein sehr sensibler Liebhaber scheint aber Jakob nicht gewesen zu sein, denn er entdeckte den Betrug erst am nächsten Morgen. Seine Reklamation wegen der Falschlieferung beantwortete Laban mit dem Angebot, ihm weitere sieben Jahre zu dienen und dann Rahel zu bekommen. Jakob ging auch darauf ein und erhielt nach vierzehn Jahren endlich Rahel zur Frau (1 Mose 29, 1-3o).

 

Die Katze im Sack hatte aber Jakob mit Lea nicht gekauft, sondern auch diese Ehe wurde glücklich. Sie gebar ihm sechs seiner zwölf Söhne und die Tochter Dina. Die immer noch kinderlose Rahel gestattete Jakob nach der damaligen orientalischen Sitte die Verbindung mit ihrer Magd Bilha, die ihm ebenfalls zwei Söhne gebar. Als Lea merkte, dass sie keine Kinder mehr bekommen würde, gab sie Jakob ihre Magd Silpa, die ihm ebenfalls zwei Söhne zur Welt brachte. Die hübschen Namen, die diese Frauen ihren Kindern gaben, verraten viel von Hoffnung, Bangen, Traurigkeit, aber auch Glück, das in dieser Großfamilie herrschte. Lea nannte ihre Söhne Ruben (seht, ein Sohn!), „denn sie sagte: der Herr hat mein Elend gesehen, jetzt wird mein Mann mich lieben“ (29,32). Den zweiten Sohn nannte sie zum Dank dafür, dass Gott sie erhört hatte, Simeon (Hörer). Als ihr dritter Sohn zur Welt kam sagte sie: „Jetzt endlich wird mein Mann an mir hängen, denn ich habe ihm drei Söhne geboren. Darum nannte sie ihn Levi (Anhang). Als der vierte Sohn geboren wurde, war sie voll Dankbarkeit gegen-über Gott und nannte ihn Juda (Dank). Als Rahels Magd Bilha einen Sohn zur Welt brachte, der nach orientalischem Brauch als Sohn Rahels galt, sagte sie: „Gott hat mir Recht verschafft“ und nannte ihn Dan (Richter). Den zweiten Sohn Bilhas nannte sie Naftali (Kämpfer), denn sie sagte: „Gottes Kämpfe habe ich ausgestanden mit meiner Schwester, und ich habe mich durchgesetzt“. Die anderen Söhne wurden entsprechend benannt. Silpa nannte ihren ersten Gad (Glück), den zweiten Ascher (Glückskind). Auch Lea wurde wieder fruchtbar und nannte ihren nächsten Sohn Isaschar (Lohn) und den sechsten Sebulon (Bleibe) weil sie dachte: „Jetzt endlich wird mein Mann bei mir bleiben, da ich ihm doch sechs Söhne geboren habe“.

 

Der skrupellose Laban hatte also Jakob nun zunächst einmal frauen- und kinderreich gemacht. Als er nach vierzehn Jahren Dienst die Trennung nicht mehr vermeiden konnte, wurde er schließlich von Jakob überlistet, der sich alle gesprenkelten oder gescheckten Lämmer von Schafen oder Ziegen ausgebeten hatte und mit einem Trick dafür sorgte, dass dies die Mehr-heit der Jungtiere wurde (Kap. 3o).

 

List und Tücke waren in diesen Familien offenbar zu Hause. Als Jakob nach vierzehn Jahren endlich mit Frauen, Kindern und den durch List gewonnenen Herden von Laban wegziehen konnte, stahl Rahel ihrem Vater die Terafim, die Ahnengötter, deren Figuren man damals als Schutzpatrone im Haus aufstellte,  versteckte sie unter ihrem Kamelsattel und setzt sich drauf. Das hatte wohl einen doppelten Sinn: Die Wegnahme der Hausgötter sollte Laban schwächen. Dass sich Rahel während ihrer Menstruation, also im Zustand ritueller „Unreinheit“ auf sie setzte, war eine Verspottung der ohnmächtigen Götzen.  Laban jagte der Karawane nach, stellte sie und erzwang eine gründliche Durchsuchung. „Rahel aber hatte die Hausgötzen genommen und sie in den Kamelsattel gelegt und sich darauf gesetzt. Und Laban durchstöberte das ganze Zelt, fand sie aber nicht. Da sprach sie zu ihrem Vater: „Mein Herr möge nicht so grimmig dreinsehen, weil ich vor dir nicht aufstehen kann; es geht mir eben nach der Frauen Weise! Er aber suchte eifrig und fand die Hausgötzen nicht“ (31,35). Jakob vergrub die Statuen später als Zeichen ihrer Entweihung und Entwertung (35, 2.4).

 

Endlich, nachdem Lea und die Mägde Kindersegen gebracht hatten, wurde auch Rahel schwanger und brachte ihren ersten Sohn, Josef zur Welt (3o, 22-24). Jahre später, auf der Wanderung der Karawane in Richtung Hebron, war sie wiederum hochschwanger. Da die Wehen einsetzten, musste die Reise unterbrochen werden. Rahels Sohn Benjamin wurde geboren, aber Rahel überlebte die Geburt nicht. Sie wurde in Efrata zwischen Rama und Gibea im Gebiet des heutigen Wadi Fara beigesetzt. Dort ist bis heute ein Ruinenfeld mit Gräbern, das „Grab der Mutter der Söhne Israels“ genannt wird.

 

 

VII.  Frauen im Neuen Testament

 

Frauen um Jesus

 

Als Elisabeth, die Verwandte Marias und Mutter Johannes des Täufers, nach langer kinder-loser Ehe im vorgerückten Alter endlich schwanger geworden war, rief sie aus: „Der Herr hat mir geholfen; er hat in diesen Tagen gnädig auf mich geschaut und mich von der Schande befreit, mit der ich in den Augen der Menschen beladen war“ (Lk 1, 25). Dass es eine Schande für die Frau ist, kinderlos zu bleiben, war, wie wir an verschiedenen Beispielen gesehen haben, alttestamentliche Denkweise. Niemand dachte damals daran, dass vielleicht die Kinderlosigkeit auch am Mann liegen könnte oder einfach ein unverschuldetes Schicksal sei. Für Jesus und seine Jünger war eine solche Auffassung undenkbar. An diesem Beispiel sieht man eine grundsätzliche Änderung der Einstellung zur Frau im Neuen Testament. Ebenso undenk-bar waren nun Polygamie und Haremswirtschaft geworden. Die ursprüngliche Würde der Frau, die der des Mannes gleich ist, wie sie auch das Alte Testament ursprünglich gekannt hatte (man denke an das Hohe Lied oder an das Lob der tüchtigen Frau in Sprüche 31, 1o-31), will Jesus wieder herstellen, weil es der ursprünglichen Schöpfungsordnung entspricht. Deshalb lehnt er auf die Frage der Pharisäer hin die Ehescheidung ab und sagt: „Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ (Mk 1o, 6-9). Er ist auch nicht bereit, die moralische Überheblichkeit von Männern gegenüber einer Ehebrecherin zu billigen, sondern sagt ihnen: „Wer von Euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie“ (Joh 8, 7). Nachdem die scheinheiligen Moralapostel davon geschlichen waren, sagte er zu der Frau: „Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr“ (Joh 8, 1o-11).

 

Jesus verurteilt nicht, sondern hilft. Er will, dass in seinem neuen Gottesvolk alle Gläubigen untereinander sich als Bruder, Schwester und Mutter verstehen und will auch seine eigene Familie in diesem höheren geistlichen Sinn verstanden wissen (Mk 3, 31-35).

 

Infolge dessen geht er selbst achtungsvoll und brüderlich mit Frauen um. Aus Beobachtungen ihres Alltags macht er Gleichnisse wie das vom Sauerteig und vom Himmelreich (Mt 13, 33), vom verlorenen und wieder gefundenen Geldstück (Lk 15, 8 ff) oder von der energischen Witwe, die den hartherzigen Richter solange bedrängt, bis er ihr endlich ihr Recht verschafft (Lk 18, 1 ff). Er teilt auch nicht die Vorurteile gegenüber Nichtjuden, wie etwa den Samari-tanern, die als abgefallene Sekte verachtet wurden. Mit einer Samaritanerin führt er am Jakobsbrunnen ein langes Gespräch und führt ihre Gedanken vom natürlichen Wasser auf das Wasser des ewigen Lebens, das er den Menschen schenken will. Er macht sie aber gleichzei-tig auch in listiger Weise zu seiner Propagandistin, denn er sagt ihr auf den Kopf zu, sie habe fünf Männer gehabt und der, den sie jetzt habe, sei nicht ihr Mann. Die Gute flattert aufge-regt davon und erzählt im ganzen Dorf, da sei ein Prophet, der vielleicht sogar der Messias sei. „Viele Samariter aus jenem ort kamen zum Glauben an Jesus auf das Wort der Frau hin, die bezeugt hatte: Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe“ (Joh 4, 39).

 

Ähnliches zeigt die Geschichte von Maria und ihrer Schwester Marta (Lk 1o, 38-42): Maria hilft ihrer Schwester nicht bei der Bewirtung der Gäste, sondern setzt sich lieber zu Füßen Jesu und hört ihm zu. Jesus nimmt sie gegen die Vorwürfe Martas in Schutz und sagt; „Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden“ (Lk 1o, 42). Auch diese Zulassung von Frauen zu Lehrgesprächen war damals ganz unüblich.

 

Jesus scheute sich auch nicht, die Sabbatruhe zu brechen, um eine Frau, die seit 18 Jahren ein verkrümmtes Rückgrat hatte und nicht mehr aufrecht gehen konnte, zu heilen. Er rief sie zu sich, legte ihr die Hände auf und erklärte sie für geheilt. „Im gleichen Augenblick richtete sie sich auf und pries Gott“ (Lk 13, 13). Sofort erhob sich wieder scheinheiliger Protest der Männer, aber Jesus antwortete: „Ihr Heuchler! Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen och-sen oder Esel von der Krippe los und führt ihn zur Tränke? Diese Tochter Abrahams, die der Satan schon seit achtzehn Jahren gefesselt hielt, sollte am Sabbat nicht davon befreit werden dürfen?“ (Lk 13, 16).

 

Ebenso erbarmte sich Jesus jener armen Witwe aus Nain, deren einziger Sohn nun auch noch gestorben war, so dass sie unversorgt zurück blieb. Er weckte den toten Sohn auf und gab ihn seiner Mutter zurück (Lk 7, 11-17).

 

Mit zart fühlendem Verständnis behandelt Jesus auch jene Bluterkranke, als rituell „unrein“ geltende Frau, die sich in ihrer Not einfach an seinen Mantelsaum gehängt hatte. Sie war vorher von Arzt zu Arzt gelaufen und hatte ihr ganzes Vermögen ausgegeben, ohne dass ihr geholfen werden konnte. Sie drängte sich durch die Menge von hinten an Jesus heran. Jesus fühlte, dass in diesem Augenblick eine Kraft von ihm ausströmte. Er drehte sich herum und fragte, wer sein Gewand berührt hätte. „Da kam die Frau zitternd vor Furcht, weil sie wusste, was mit ihr geschehen war; sie fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit. Er aber sagte zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein“ (Mk 5, 21-34).

 

Jesus lebte zölibatär, hatte aber keinerlei Berührungsängste gegenüber Frauen. Der reuigen Sünderin, die sich während eines Gastmahls im Haus eines Pharisäers zu ihm drängte und ihm die Füße mit teurem Öl salbte, vergab er ihre Sünden und verteidigte sie vor allen Anwesenden (Lk 7, 36-5o). Auch in Betanien kam eine Frau mit einem Alabastergefäß voll echtem, kostbarem Nardenöl und begoss ihm damit den Kopf. Er verteidigte sie gegen die heftigen Vorwürfe der Anwesenden und sagte: „Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat im voraus meinen Leib für das Begräbnis gesalbt. Amen, ich sage euch: Überall auf der Welt, wo das Evan-gelium verkündet wird, wird man sich an sie erinnern und erzählen was sie getan hat“ (Mk 14, 3-9). So wurde auch sie zu einer berühmten Frau.

 

Es gibt die (natürlich vorwiegend von Männern gebrauchte) Redensart: „Männer führen die Kirche, Frauen tragen sie“. Über ein wirkliches oder vermeintliches männliches Führungs-monopol in der Kirche gäbe es viel zu sagen. Dass Frauen von Anfang an aber die Kirche ge-tragen haben, ist wahr. „In der folgenden Zeit wanderte er (Jesus) von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und verkündete das Evangelium vom Reich Gottes. Die Zwölf begleiteten ihn, außerdem einige Frauen, die er von bösen Geistern und von Krankheiten geheilt hatte: Maria Magdalena, aus der sieben Dämonen ausgefahren waren, Johanna, die Frau des Chuzas, eines Beamten des Herodes, Susanna und viele andere. Sie alle unterstützten Jesus und die Jünger mit dem, was sie besaßen“ (Lk 8, 1-3). Das liest sich heute einfach, war es aber damals nicht. Es mussten schon sehr mutige und engagierte Frauen sein, die es wagten, mit einem Rudel lediger und obdachloser Männer umher zu ziehen und für sie zu sorgen, damit sie ihre ganze Kraft darauf verwenden konnten, das Evangelium zu verkünden. Die Geschichte ist nicht zu-letzt auch ein Gleichnis dafür, dass Frauen zu allen Zeiten die Kirche getragen haben. Die ver-folgte und unterdrückte orthodoxe Kirche in der Stalinzeit hat nach der Erkenntnis von Fach-leuten alle Verfolgungen nur überstehen können, weil die Frauen den Glauben weitergetragen haben. In diesem Falle waren es besonders die älteren Frauen im Rentenalter, die Großmütter (Babuschkas). So ist es nur gerecht, dass den Frauen die Ehre zukam, die ersten Zeuginnen der Auferstehung Jesu zu werden, Maria von Magdala, der Jeus nach der Auferstehung auch als erster erschienen ist (Joh 2o, 1-18), und anderen Frauen (Lk 24, 1-1o). Die Evangelien berichten das ausdrücklich, was auch wieder ungewöhnlich ist, denn das Zeugnis von Frauen galt damals im alten orient so gut wie gar nichts. Dass Jesus aber Frauen zu den ersten Zeu-ginnen seiner Auferstehung machte, zeigt noch einmal, welche Ehrenstellung sie in seiner Gemeinde hatten und deshalb auch heute noch haben sollten.

 

Ich bedaure immer wieder, dass manche feministische Theologinnen diese gravierenden Unterschiede zwischen dem Alten und dem Neuen Testament im Umgang mit Frauen partout nicht sehen wollen oder ganz unangemessen herunterspielen.

 

 

Berühmte Frauen in der Urgemeinde

 

In der Urgemeinde galt folgerichtig der Satz: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid Einer in Christus Jesus“ (Gal 3, 28). Die Zeugnisse aus der apostolischen Zeit zeigen, dass das Werden und Wachsen der Ur-gemeinde wesentlich mit von Frauen getragen war.

 

Da war die Purpurhändlerin Lydia aus der reichen Purpur-Handelsstadt Thyatira, offenbar eine wohlhabende verwitwete Geschäftsfrau, die Paulus in ihr Haus aufnahm und sich mit allen, die noch zu ihrem Haus gehörten, taufen ließ (Apg 16, 14-15). Auch nachdem Paulus und Silvanus (Silas) im Knast gelandet, dort verprügelt, dann durch ein gewaltiges Erdbeben von ihren Fesseln befreit und schließlich entlassen worden waren, gingen sie zunächst zu Lydia (Apg 16, 4o).

 

Eine besondere Stellung in der Gemeinde hatte auch Priszilla (Priska), die zusammen mit ihrem Mann, dem bekehrten Juden Apollos, Glaubensunterricht erteilte, so dass sie dann eine große Hilfe für die junge Gemeinde werden konnte (Apg 18, 24-28). Paulus hat sie in seinen Briefen mehrfach erwähnt und zu seinen treuesten Mitarbeitern gezählt (Röm 16, 3; 1. Kor 16, 19; 2. Tim 4, 19).

 

Tatkräftige Mitarbeiterinnen und „Mitkämpferinnen“ von Paulus waren auch die Damen Evodia und Syntyche, die sich allerdings wohl mitunter in die Haare gerieten, denn Paulus schreibt im Brief an die Philipper (4, 2): „Ich ermahne Evodia, und ich ermahne Syntyche, einmütig zu sein im Herrn“.

 

Man kann zusammenfassend ohne Übertreibung sagen, dass viele Frauen in der Urgemeinde apostolische Dienste geleistet haben, auch wenn sie wohl nicht selbst im Apostelamt waren. Am Schluss des Römerbriefes grüßt Paulus unter anderen „Andronikus und Junias, die zu meinem Volk gehören und mit mir zusammen im Gefängnis waren; sie sind angesehene Apostel und haben sich schon vor mir zu Christus bekannt“ (Röm 16, 7). Es ist nicht ganz klar und hängt von einigen vertrackten grammatikalischen Feinheiten ab, ob es sich hier um einen Junias oder um eine Junia (so heute in etlichen Bibelübersetzungen) handelt und ob er oder sie wirklich Apostel oder Apostelin war, denn im griechischen Urtext wird eigentlich nur gesagt er oder sie sei „angesehen bei den Aposteln" (en tois apostolois LXX in Apostolis) [Näheres bei H. Knoche in: Feminismus, Bausteine-Sonderheft 1997, S. 34]. Man sollte diesen letztlich ungeklärten Punkt nicht überbewerten, wie das einige feministische Theologinnen tun, denn es steht ohnedies fest: Frauen tragen die Kirche. ob und wie sie darüber hinaus die Kirche auch mit führen könnten oder sollten, darüber dürfte noch nicht das letzte Wort gesprochen sein.