Einheit nicht ohne den Papst

Kardinal Müller stellt die ökumenische Trennlinie klar

Hansjürgen Knoche

 

Divergierende Vorstellungen

Die ökumenische Entwicklung stagniert vor allem deshalb, weil die entscheidenden Streitfragen  bis heute ungelöst sind, nämlich  das Verständnis von Kirche, kirchlichem Amt, Bischofsamt, apostolischer Sukzession, weltweiter Gemeinschaft der Bischöfe untereinander und mit dem Papst und nicht zuletzt, von dem allen nicht zu trennen, das Petrusamt des Papstes selbst. Ohne die Lösung dieser Fragen ist kirchliche Einheit nicht möglich, auch wenn immer wieder utopische Ersatzlösungen vorgetragen werden. Manchen hochkirchlich-katholisch orientierten evangelischen Geistlichen schwebt eine sozusagen zweibeinige Lösung vor: Einerseits in der Landeskirche bleiben (und von dieser besoldet und versorgt werden), andererseits irgendwie in der katholischen Kirche integriert werden. Seit Jahrzehnten ist geklärt, dass dies eine für beide Seiten inakzeptable Utopie ist [1]. Der Vorsitzende des Rates der EKD, Landesbischof Bedford-Strohm, mutete dem Papst beim jüngsten Besuch in Rom eine Vorstellung von  „versöhnter Verschiedenheit” nach dem Modell der  Leuenberger Konkordie zu, mit der sich  protestantische Kirchen 1973 auf eine Abendmahlsgemeinschaft trotz verbleibender fundamentaler Lehrunterschiede geeinigt hatten [2].  In der Grundsatzerklärung der Hochkirchlichen St.-Johannes-Bruderschaft „Das kirchliche Amt in der Nachfolge der Apostel“ wird das „subsistit“ (ist verwirklicht) in LG 8 aufgegriffen (um nicht zu sagen: usurpiert) und ausgeführt: „Die Hochkirchliche St.-Johannes-Bruderschaft sieht in der bischöflichen Apostolischen Sukzession und dem dreigegliederten Besonderen Dienstamt eine der möglichen, an biblischer Tradition und an der gemeinsamen Überlieferung orientierte Konkretion der Kirchenattribute des Glaubensbekenntnisses der „einen heiligen katholischen und apostolischen Kirche“, die in Teilkirchen subsistiert …. Sie ist als Eine  Heilige Kirche verwirklicht in allen Konfessionskirchen, den Ortskirchen, den Ortgemeinden und Christlichen Gemeinschaften. In ihnen allen subsistiert die Eine Heilige Kirche“ (Hervorhebungen von mir). Das ist aber nichts anderes als die etwas aktueller formulierte  privattheologische Ekklesiologie Friedrich Heilers, des Gründers dieser Gemeinschaft, die niemals ökumenische Akzeptanz gefunden hat. Führende Mitglieder der Gemeinschaft nennen das denn auch bezeichnenderweise den „dritten Weg“ [3]. Die „Internationalen Konferenz Bekennender Gemeinschaften“ (IKBG) hat in  ihrer  2015 erschienene „Salzburger Erklärung“ („Die heutige Bedrohung der menschlichen Geschöpflichkeit und ihre Überwindung. Leben nach dem Schöpferwillen“) wie immer  große überkonfessionelle Zustimmung gefunden; sie beruht freilich auch darauf, dass die IKBG sich bisher nie zu den eingangs genannten ekklesiologischen Fragen geäußert und strikte konfessionelle Neutralität gewahrt hat. Am Ende der Salzburger Erklärung wird aber nun erstmals in einer Fußnote  ausgesprochen, was die IKBG unter Kirche versteht: „Die hier genannten vier Wesenseigenschaften der Kirche Jesu Christi finden sich im Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel (dem sog. Nizänum), das zu den gemeinsamen Bekenntnissen der katholischen und der orthodoxen Kirchen, der lutherischen und der anglikanischen Kirchen gehört. Der Begriff „katholisch“ ist in diesem Bekenntnis noch vorkonfessionell (da es noch keine Kirchenspaltung gab). Er ist daher nicht auf die römisch-katholische Kirche beschränkt, sondern bezieht sich auf die ganze (jede spezielle Konfession übergreifende) Kirche“. Wie man den vorkonfessionellen, die eine ungeteilte Kirche bezeichnenden Begriff der Katholizität im Nizänum auf die konfessionell gespaltene Vielfalt der heutigen „Kirchen“ übertragen kann, erscheint mir nicht als  nachvollziehbar. Ist das mehr als eine Nominal-Katholizität, die praktisch auf die Leuenberger Konkordie hinauslaufen würde? [4].  Nominal-katholisch scheinen mir auch alle hochkirchlichen „Weihen“ von „Bischöfen“, „Priestern“ und „Diakonen“ zu sein, weil sie nicht in die Gemeinschaft der Bischöfe mit dem Papst „ordiniert“ sind und nach der Maxime klingen: Wir sind nun katholisch genug, und Rom möge das  endlich anerkennen.

Die notwendige Klarstellung

„ Kardinal Müller bürstet die Ökumenedebatte gegen den Strich“ formuliert Thomas Jansen drastisch zutreffend in KNA-ÖKI [5] zu dem neuen Buch von Gerhard Kardinal Müller „Der Papst – Sendung und Auftrag“ [6]. Das VI. Kapitel lautet „Der protestantische Grundentscheid gegen den römischen Papst“, das XI. Kapitel „Der Papst – Wegbereiter der Einheit der Christen in der Kirche Gottes“ und dessen 4. Abschnitt „Die Kirche Christi – verwirklicht in der katholischen Kirche“. „Während sonst im Lutherjahr nur wenig von den noch bestehenden Unterschieden und viel von den Gemeinsamkeiten die Rede  ist, benennt der Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation hier klar, präzise und ohne Polemik die entscheidenden Unterschiede, die Katholiken und Lutheraner auch weiterhin trennen …  Der tiefstgreifende und offensichtlichste Gegensatz zwischen Katholiken und Protestanten ist der Papst selbst, beziehungsweise das Kirchenbild, das in diesem Amt kulminiert. Damit setzt Müller einen Kontrapunkt zum Mainstream des ökumenischen Reformationsgedenkens“ (Jansen a.a.O.). Das ist auch dringend nötig. Für evangelische Christen aber, die einen korporativen Eintritt in die katholische Kirche unter Bewahrung ihrer gesamtchristlich legitimen Traditionen analog „Anglicanorum coetibus“ ersehnen, sind die beiden folgenden Stellen eine Mahnung und Ermutigung, in ihrem Anliegen nicht nachzulassen und utopischen Ersatzlösungen wie den eingangs genannten zu widerstehen:

 „Da katholisch gedacht die Einheit eigentlich in der pilgernden Kirche sichtbar, d.h. als Zeichen für die Einheit mit Gott, verwirklicht sein muss, kann die Einheit der Christen sich nur als communio ecclesiarum im Bekenntnis des eigenen Glaubens, der Sakramente und der kirchlichen Leitung und Gemeinschaft vollziehen. Für alle, die um die katholische Kirche und ihre von Gott durch Christus gestiftete Heilsnotwendigkeit wissen, ist es für ihre Rettung unumgänglich, dass sie dem sichtbaren Verband mit Christus angehören, der durch den Papst und die Bischöfe geleitet wird (LG 14)“ ( S. 510).  „Der Weg kann nicht eine Rückkehrökumene sein, bei der die evangelischen Christen ihre Gemeinden auflösen und sich dem zuständigen Bischof und damit auch dem Papst unterstellen und sich einfach in die bestehende katholische Kirche hinein auflösen. Damit wären sie gezwungen, die letzten 500 Jahre ihres Christseins als einen Irrweg sondergleichen zu verdrängen. Einen Weg für die Anglikaner, die die volle Gemeinschaft mit Rom suchen und doch so weit wie möglich ihre legitimen Traditionen bewahren möchten, hatte Papst Benedikt XVI. aufgezeigt mit der apostolischen Konstitution Anglicanorum coetibus – Über die Errichtung von Personalordinariaten für Anglikaner, die in die volle Gemeinschaft mit der katholischen Kirche eintreten (4. November 2009)“. (S. 511).

Anmerkungen

[1] H. Knoche, Eine ökumenische Utopie, KNA-ÖKI 30, 29..16 S.10; Bausteine Heft 204, 2016/17. -  [2]  Ein neues Kapitel aufschlagen - Rede vor Papst Franziskus am 6. Februar 2017 Von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, Quelle KNA 170206-89-00184#1. - [3] H. Knoche, Hochkirchler vor der Entscheidung, Bausteine Heft 194, 2013 und KNA-ÖKI 35, 27. 08. 2013, Thema der Woche. -  [4] H. Knoche, Neutralität aufgeben? Zur ökumenischen Bedeutung der IKBG. KNA-ÖKI 12-13, 22. März 2016, 17 ff. - [5] 27.02.2017,  KNA 170227-89-00148#7. -  [6] Freiburg 2017, 605 Seiten, 29,99 €,  ISBN 978-3-451-37758-7.