Gott und die Menschenwürde

Luthers Menschenbild

Martin Luther hatte es für seine entscheidende Erkenntnis gehalten, dass der Mensch die Gnade Gottes (in kirchlicher Terminologie: die Rechtfertigung) ohne sein Zutun und insbesondere ohne sogenannte gute Werke allein durch den Glauben an die Barmherzigkeit Gottes erlangen könne. Er hatte diese Lehre als den „Artikel, mit dem die Kirche steht und fällt“ bezeichnet. Das war bis in das Ende des vorigen Jahrhunderts hinein ein Kernpunkt der ökumenischen Auseinandersetzungen. Heute hat man aber fast vergessen, was für ein furchterregendes Menschenbild Luthers hinter dieser Lehre stand. Er meinte, durch die Erbsünde sei die menschliche Natur durch und durch vollkommen verdorben und nicht mehr in der Lage, vor Gottes Augen Gnade zu finden. Der Mensch habe auch keinen freien Willen, mit dem er dies ändern könnte. Er sei zur Verdammung  oder Erlösung vorherbestimmt (Prädestination) und verhalte sich wie ein willenloses Reittier, das entweder vom Teufel und damit in die Hölle oder von Gott und damit in den Himmel geritten werden könne. Das alles habe Gott einschließlich der ewigen Verdammnis für jeden Menschen  vorausbestimmt. Luther hat das in seinem Buch „Vom unfreien Willen“ (de servo arbitrio) als Entgegnung auf eine Schrift des großen Humanisten Erasmus von Rotterdam über den freien Willen in teilweise haarsträubender Weise ausgeführt und hat dieses Buch unglücklicherweise auch noch für sein bestes gehalten. Dass diese Auffassung vom Menschen ihm alle seine Würde nimmt und darüber hinaus auch Gottes unwürdig ist, kam ihm nicht in den Sinn. Dieses verhängnisvolle Buch Luthers hat dazu geführt, dass sich der Humanismus, der ursprünglich mit den Ideen Luthers sympathisierte, endgültig von der Reformation getrennt hat.

Das entweder-oder ist überholt

Lange erschien eine ökumenische Verständigung gerade über diese Frage als unmöglich.  Ein  Grundkonsens in dieser Frage, von der entscheidend das Gottes- und Menschenbild abhängt, ist aber  nicht zuletzt Voraussetzung für den Dialog mit den anderen Religionen und Weltanschauungen, der ständig an Bedeutung gewinnt und zu einer der Zukunftsfragen für die  Menschheit wird. Die Rechtfertigungslehre wird als das eigentlich unterscheidende Prinzip des Christentums gegenüber allen anderen Religionen und Weltanschauungen angesehen.

Es ist unter diesen Umständen nicht verwunderlich, dass diese reformatorischen Voraussetzungen der Gnadenlehre heute  so gut wie völlig vergessen  und  in einer Zeit, in der Menschenwürde und Menschenrechte (trotz oder gerade wegen aller Verstöße gegen sie!), menschliche Freiheit und Selbstbestimmung fast überall auf der Welt Verfassungsrang haben und jedenfalls hoch geschätzt werden, kaum verständlich sind.

Allmählich hat sich aber die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Annahme Luthers von der Alleinwirksamkeit Gottes und damit der Prädestination des Menschen so nicht durchzuhalten ist, da ihr auch massive neutestamentliche Aussagen entgegenstehen und sie im Grunde nicht einmal die Rechtfertigungstheologie des Paulus, auf die sich Luther dauernd berief, vollständig wiedergibt.

Freiheit aus Gnade

Mit dieser Formel kann vielleicht am besten ausgedrückt werden, dass die Wahrheit in dieser Frage offenbar nicht in den geschilderten Extremen liegt, man also nicht „exklusiv“ in diesem entweder-oder denken darf (entweder nur göttliche Alleinwirksamkeit und Gnade oder nur menschliche Kraft). Man darf Gottes Wirken und die menschliche Freiheit aber auch nicht einfach additiv im Sinne eines Synergismus nebeneinander stellen und so ungeschützt vom Menschen als „Mitarbeiter" Gottes sprechen (wie man gewissermaßen vor einen schweren Wagen zwei Pferde spannt, weil eines allein den Wagen nicht ziehen könnte, beide gemeinsam es aber schaffen). Das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen wird hier vielmeinklusiv verstanden werden müssen: Es geht nicht um die göttliche Alleinwirksamkeit, sondern um die göttliche Allwirksamkeit, die festgehalten werden muss. Die menschliche Wirksamkeit ist in das göttliche Wirken eingeschlossen, wird durch das göttliche Wirken ermöglicht und getragen. Das göttliche Gnadenwirken ist Bedingung der Möglichkeit menschlicher Freiheit. 

Dies bedeutet vor allem, dass die Allmacht und das unbegrenzte Vorauswissen Gottes über alles, was jemals in der Welt geschieht („Vorsehung“), nicht als göttliche Alleinwirksamkeit verstanden werden dürfen. Gott wirkt in der Welt durch die Zweitursachen, also auch durch die menschliche Freiheit, die zu diesen Zweitursachen gehört. Trotzdem bleibt aber seine Wirksamkeit die tragende Ursache und die Bedingung der Möglichkeit des Wirkens aller Zweitursachen. Insofern handelt es sich zwar nicht um die Alleinwirksamkeit, aber um die Allwirksamkeit Gottes.

Ökumenische Einigung

In der Gemeinsamen  Erklärung des  Lutherischen Weltbundes und der Römisch-katholischen Kirche über Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre  (1999)  wird nun festgestellt: „Gottes Gnadenwirken schließt das Handeln des Menschen nicht aus: Gott wirkt alles, das Wollen und Vollbringen, daher sind wir aufgerufen uns zu mühen (vgl. Phil. 2, 12 f.)“.